Rundschau: Metamorphosen für Sie und Ihn

    Ansichtssache6. April 2013, 10:13
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    Neues von Kim Stanley Robinson, Jo Walton, Karsten Kruschel und Karin Tidbeck, dazu eine Erinnerung an Paul di Filippo

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    coverfoto: penhaligon

    Catherine Fisher: "Incarceron"

    Gebundene Ausgabe, 476 Seiten, € 19,60, Penhaligon 2013 (Original: "Incarceron", 2007)

    Ihre Kern-Klientel bindet die britische YA-Autorin Catherine Fisher sicherlich mit der ewig jungen Frage, ob die beiden Hauptfiguren zueinander finden werden, an "Incarceron". Für ältere und abgebrühtere LeserInnen hat sie aber auch einen Dreh parat. Und der ähnelt durchaus dem Whodunnit-System klassischer Krimis: Es gibt eine begrenzte Auswahl an Verdächtigen, also kiefelt man bis zum Ende an der Frage, wer von denen es denn nun gewesen ist. Und bleibt damit bei der Stange.

    Bei "Incarceron" geht es aber nicht um die Täterfrage, sondern darum, welches Konzept sich hinter dem Setting des Romans verbirgt. Fisher erweckt niemals den Eindruck, dass sie auf etwas gekommen sein könnte, an das von Asimov bis Zelazny nie jemand gedacht hätte, also ist die Zahl der möglichen Lösungen begrenzt. Natürlich werde ich den Teufel tun und verraten, welche die richtige ist - nur einen Hinweis kann ich mir aufgrund einer gewissen nostalgischen Wiedersehensfreude nicht verkneifen: Es ist ein sehr altes und beinahe kanonisches Konzept der Phantastik, das aber schon vor einiger Zeit komplett verlorengegangen zu sein scheint. Vermutlich weil es nicht funktionieren kann. Da "Incarceron" aber ohnehin unter Fantasy fällt, spielt das keine Rolle.

    Drinnen ...

    "Incarceron" handelt in zwei auf ungeklärte Weise miteinander verbundenen Welten. Da ist zum einen das gleichnamige Gefängnis, das nicht nur Zellen und Gänge, sondern auch ganze Landschaften voller metallener Bäume und teilorganischer Tiere enthält. Selbst in diesen "Freiflächen" gilt aber die herkömmliche Lichtan-/Lichtaus-Sperrstunde. Es kann zu Abschottungen und Beschuss kommen und die omnipräsenten Kameraaugen Incarcerons sehen alles. Es macht den Eindruck, als hätte Jeremy Benthams Vision vom Panopticon hier ihre ultimative Ausformung gefunden. Das Problem ist nur - neben der allgemeinen Verelendung und Brutalität im Gefängnisinneren -, dass die hinter Incarceron steckende Intelligenz anscheinend verrückt ist.

    Und hier lebt der Teenager Finn, der sich nicht an seine Kindheit erinnern kann und glaubt, aus dem Außerhalb zu kommen. Er fristet ein gefährliches Dasein als Angehöriger eines Banditenhaufens und ist dementsprechend glücklich, als ihm ein unerhörtes Ding in die Hände fällt: ein Schlüssel. Damit und begleitet von ein paar mehr oder weniger vertrauenswürdigen Reisegefährten macht sich Finn dazu auf, den Weg ins Außerhalb zu finden. Einer soll dies ja schon mal geschafft haben: Der legendenumwobene Sapphique, der übrigens die Titelfigur des Fortsetzungsbandes ist.

    ... und draußen

    Im Außerhalb fühlt sich derweil Claudia Arlexa, die Tochter des Hüters von Incarceron, ebenfalls wie eine Gefangene. Zum einen, weil sie zu einer politisch motivierten Heirat genötigt wird. Zum anderen aber auch, weil das Außerhalb selbst so seine Tücken und Zwänge hat. Irgendwann in der Vergangenheit gab es Krieg, wie wir aus kurzen Chronik-Auszügen erfahren. Danach wurden nicht nur alle politisch Missliebigen nach Incarceron abgeschoben; es wurde auch zivilisatorischer Stillstand als Mittel zur Erhaltung des Friedens propagiert.

    Seitdem gilt das Gebot der Äratreue: An der Oberfläche lebt Claudia in einer ungefähr dem Barock entsprechenden Welt. Doch das sind nur Kulissen, unter denen immer noch eine Technologie schlummert, die mindestens der des 21. Jahrhunderts entspricht. Das führt zu einigen netten Einfällen Fishers und facht natürlich durch seine immanente Absurdität Claudias Rebellentum an. Sie ist fest entschlossen, aus ihrem Leben auszubrechen und herauszufinden, was es mit Incarceron auf sich hat. Irgendwann wird sie dabei natürlich über Weltengrenzen hinweg Kontakt zu Finn bekommen. Womit wir wieder bei der - pardon - Schlüsselfrage angekommen wären: Wo liegt Incarceron? Und ist "wo" eine geografische Kategorie?

    Offene Fragen ...

    Man könnte darüber diskutieren, ob "Incarceron" unter SF oder Fantasy fällt. Die Technologie spräche für Ersteres, aber das wäre zu oberflächlich. Fisher hat nicht nur Bilder aus Märchen entlehnt (in adaptierter Form treten etwa die drei Nornen, eine böse Königin oder auch ein "Drache", dem Jungfrauen und -männer geopfert werden, auf). Auch die Grundstruktur des Romans ist klar Fantasy: Eine Prinzessin und ein Waisenknabe ungeklärter Herkunft, der selbst ein Prinz sein könnte, müssen (buchstäblich) zueinander finden und ein magischer Gegenstand soll ihnen dabei helfen.

    Soweit so gut, einige Ungereimtheiten trüben den Eindruck jedoch ein bisschen. Ein paarmal stolpert man über sprachliche Missgeschicke, die man noch einer ungenauen Übersetzung zuschreiben könnte. Auf dem Dach saßen Tauben, die gurrten und herumstolzierten, zum Beispiel - und eine ohnehin schon abscheuliche Fratze wird von einer Schutzbrille wohl auch nicht mehr entstellt werden können.

    So manches Unlogische geht aber eindeutig auf das Konto der Autorin selbst. Wer würde in einer Welt, die Wissenschaft zwar selten praktiziert, aber sehr wohl kennt, ernsthaft an die Existenz einer Zauberin glauben? Allenfalls wären die BewohnerInnen einer Kulissenwelt noch skeptischer, was den äußeren Anschein betrifft, als wir. Und wie plausibel ist es, dass eine hochrangige Frau wegen des gebotenen Verzichts auf moderne Medizin im Kindbett stirbt - die Zimmermädchen aber hinter den Kulissen Waschmaschinen laufen haben? Eigenartige Prioritäten beim Schummeln sind das ...

    ... bis zuletzt

    Im Schlussteil fährt "Incarceron" eine beachtliche Twist-Quote auf, die manche Ungereimtheit aufklärt - aber auch ganz eindeutig nicht alle. Und vieles wollte Fisher ohnehin lieber im Unklaren belassen, hat es den Anschein. Liest man sich die Buchforen zu "Incarceron" und dem Nachfolger "Sapphique" so durch, stellt man fest, dass sich die Fans auch nach dem Ende der Duologie noch immer die Köpfe zerbrechen.

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