Rundschau: Metamorphosen für Sie und Ihn

    Ansichtssache6. April 2013, 10:13
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    Neues von Kim Stanley Robinson, Jo Walton, Karsten Kruschel und Karin Tidbeck, dazu eine Erinnerung an Paul di Filippo

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    coverfoto: cheeky frawg books

    Karin Tidbeck: "Jagannath"

    Broschiert, 138 Seiten, Cheeky Frawg Books 2012

    Unsettling, in Rezensionen zu Karin Tidbecks großartiger Story-Sammlung "Jagannath" oft zu lesen, ist ein sehr schönes Wort. Es bringt das Gefühl zum Ausdruck, aus seiner gesicherten Wahrnehmung der Welt herausgerückt zu werden; das Bedürfnis, sich nach Haltegriffen umzuschauen, weil die Realität jederzeit unter einem weggeklappt werden könnte.

    ... wie es der Titelfigur von "Who is Arvid Pekon?" widerfährt, einem Telefonisten, der die Aufgabe hat, Anrufe bei Regierungsstellen oder sonstwie schwer zu erreichenden Personen mit verstellter Stimme selbst zu beantworten. Was zunächst nach einer satirischen Hommage an George Orwell aussieht, kehrt sich auf unheimliche Weise ins Gegenteil um, als eine Anruferin Arvid selbst zu sprechen wünscht. Eine glasklare Bizarro-Geschichte, inklusive ihres grausigen Endes.

    Die Autorin

    In ihrer Heimat ist die schwedische Autorin Karin Tidbeck schon länger bekannt, auf Deutsch gibt es meines Wissens noch nichts von ihr. Dafür hat sie mit "Jagannath" für einiges Aufsehen im englischsprachigen Raum gesorgt. Sie ist auch recht geschickt vorgegangen: Hat einen Teil der hier versammelten Geschichten - manche übersetzt, manche direkt auf Englisch geschrieben - in Magazinen wie "Weird Tales" untergebracht. Und nicht zuletzt am berühmten Clarion Workshop für SF- und Fantasy-AutorInnen teilgenommen, was in Sachen Vernetzung auch nicht schadet.

    So unvermeidlich, wie in Rezensionen zu isländischer Pop-Musik sofort von "Elfen" gefaselt wird, so glauben viele in Tidbecks Werk auch gleich das "typisch Skandinavische" entdeckt zu haben. Das gilt aber nur für den Teil der hier versammelten Geschichten, die sich tatsächlich auf die nordische Mythologie und Folklore beziehen (mehr dazu später). Obiges "Arvid Pekon" würde man eher für eine Ausgeburt des Bizarro-Zentrums Portland in Oregon halten. 

    Geografie ist nicht alles

    Gleiches gilt für "Aunts", eine von zwei lose verbundenen Geschichten aus einer zeitlosen Gartenwelt, deren nicht-menschliche BewohnerInnen sich in Dekadenz und grausamen Spielen ergehen. "Aunts" beschreibt den Lebenszyklus dreier "Tanten", die durch ständiges Gefüttertwerden Fett in konzentrischen Schichten anlegen - solange, bis sie ausgeweidet werden und an ihrem Herz der Kern einer neuen Tante wächst. Die Surrealität des Vorgangs, die eindringlichen Bilder und der hohe Grad an Körperlichkeit: Einmal mehr sind das typische Wesensmerkmale von Bizarro Fiction.

    Nicht dass Tidbeck deswegen die verlorene Schwester von Carlton Mellick III wäre. Andere Geschichten sind aus anderen Gründen nicht als "typisch nordisch" zu schubladisieren. In "Beatrice" teilen sich zwei Menschen ein Fabrikslager, in dem sie die jeweilige Liebe ihres Lebens unterbringen: Er ein Luftschiff, sie eine Dampfmaschine. Liebe ist hier übrigens auch im körperlichen Sinne gemeint ... trotzdem bleibt es eine seltsam berührende Episode. Und die Titelgeschichte "Jagannath", die fällt unter SF. Hier leben Menschen wie Symbionten im Inneren einer insektenhaften Biomaschine, die sie über die Oberfläche einer angeblich gefährlichen Welt trägt. Sie nennen die Maschine "Mutter" - mit Recht, wie sich zeigen wird.

    Ein weiteres Highlight ist das unheimliche "Rebecka", angesiedelt in einer Welt, in die Gott zurückgekehrt ist. Durchaus zum Leidwesen einer jungen Frau, die immer wieder versucht sich umzubringen, dank göttlicher Intervention aber stets scheitert. Ihre Versuche werden kreativer - und obwohl die Erzählung mit dem Endresultat beginnt, wächst das zunächst subtile Grauen im Verlauf weniger Seiten bis ... ja, bis Tidbeck einem mal wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

    Die Welt neben der unseren

    Nun zu den Erzählungen, in denen die Autorin Motive aus der Folklore aufgegriffen hat. "Pyret" tut dies in der Form eines wissenschaftlichen Artikels über ein Wesen, das die Gestalt derer imitiert, deren Nähe es sucht. Die Protagonistin von "Brita's Holiday Village" erhält ebenfalls Besuch von nicht-menschlichen Wesen. Und in "Reindeer Mountain" treffen zwei Mädchen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen an die Welt auf Wesen, die - wie einst die Ahnin der Mädchen - "vom Berg herabkamen". Was in der Tat ein sehr nordisches Motiv ist.

    Auffallend dabei ist, dass der Kontakt zur anderen Welt weder eindeutig positiv noch negativ bewertet wird, dafür aber stark von Melancholie geprägt ist. Das gilt für "Pyret", "Reindeer Mountain" oder "Brita's Holiday Village" ebenso wie für "Some Letters for Ove Lindström", das auf eindeutige Phantastik-Elemente verzichtet, aber ebenfalls das Verschwinden in eine andere Welt thematisiert, die gleich neben der unseren liegt.

    Oder für "Cloudberry Jam", dessen Hauptfigur sich aus allerlei Zutaten in einem Topf ein beinahe-menschliches Kind zusammenbraut. Dieses beinahe Menschliche hätte das Potenzial zu einer klassischen Frankenstein-Geschichte, aber so tickt Tidbeck nicht. Zum Glück. Nicht umsonst führt sie Tove Jansson, die Schöpferin der "Mumins", als Inspirationsquelle an. So unheimlich die 13 Geschichten von Karin Tidbeck streckenweise auch sind, die Botschaft zwischen den Zeilen lautet hier wie dort: Akzeptiere, dass du manches niemals verstehen wirst, und begreife, dass "anders" nicht automatisch "besser" oder "schlechter" bedeutet. Vielleicht ist das ja die eigentliche Weltbild-Verrückung.

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