Rundschau: Metamorphosen für Sie und Ihn

    Ansichtssache6. April 2013, 10:13
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    Neues von Kim Stanley Robinson, Jo Walton, Karsten Kruschel und Karin Tidbeck, dazu eine Erinnerung an Paul di Filippo

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    coverfoto: golkonda

    Jo Walton: "In einer anderen Welt"

    Klappenbroschur, 298 Seiten, € 15,40, Golkonda 2013 (Original: "Among Others", 2011)

    Dieser Roman hat im Vorjahr die wichtigsten Genre-Preise (Hugo, Nebula, British Fantasy Award) abgeräumt - und das, obwohl er bis zum Ende offenlässt, ob die geschilderten Phantastik-Elemente tatsächlich Teil der Romanwelt sind oder ob es sie nur im Kopf der Hauptfigur gibt. Ein delikater Balanceakt, den Autorin Jo Walton mit Bravour bewältigt.

    "In einer anderen Welt" findet sich die 14-jährige Morwenna zunächst mal in ganz banaler Weise wieder. Wir schreiben das Jahr 1979, und die junge Waliserin wird bei ihrem Vater untergebracht, der die Familie vor langer Zeit verlassen hat. Er lebt in England, und dort befindet sich auch das elitäre Internat, an das Morwenna gewissermaßen weitergereicht wird. Ihre Herkunft macht sie zur Außenseiterin (nebenbei bemerkt: witzig, dass man offenbar bereits in Wales das englische Essen schrecklich findet ...); dass sie wegen ihres verkrüppelten Fußes nicht an den ach so wichtigen Sportveranstaltungen teilnehmen kann, verstärkt dies noch.

    Die wahren Abenteuer sind im Kopf

    Doch nicht dass sich Mori deswegen in eine Opferrolle drängen ließe: Der Sport wie auch die ganzen Teenager-Rituale im Internat gehen ihr komplett am Arsch vorbei. Viel lieber liest sie sich - mit vulkanischem Lesetempo - durch das, was Buchhandlungen und Bibliotheken an Science Fiction und Fantasy hergeben; vor allem SF. "In einer anderen Welt" baut mehr Buchtitel in die Handlung ein als Lavie Tidhars "Bookman" - und die hier gibt es alle wirklich. Walton, die übrigens die gleichen biografischen Eckpfeiler hat wie Morwenna, hat sehr auf Publikationsdaten geachtet. Nur folgerichtig also und doch ein netter Gag, wenn sie die ultrabelesene Mori über etwas stolpern lässt, von dem ich noch nie gehört habe, "Per Anhalter durch die Galaxis".

    Die Bücher sind für Morwenna aber nicht nur Zeitvertreib. Sie wendet deren Vokabular auf ihre Lebenswelt an (identifiziert beispielsweise gemäß Vonnegut soziale Umfelder als Granfalloon oder Karass) und greift literarische Anregungen auf, um ihr Weltbild zu schärfen. Mit jugendlicher Begeisterungsfähigkeit bezieht sie das Kommunistische Manifest auf LeGuins "Planet der Habenichtse", empört sich darüber, dass "Narnia" eine christliche Allegorie sein soll, oder erklärt feierlich in ihrem Tagebuch: "Was mir an Science Fiction schon immer gefallen hat, ist, dass es einen dazu bringt, über alle möglichen Sachen nachzudenken und sie aus einem Blickwinkel zu betrachten, an den man bisher nie gedacht hat. Von jetzt an werde ich Sex positiv gegenüberstehen."

    Ebenen der Realität

    Zunächst einmal ist "In einer anderen Welt" damit ein Roman über das Erwachsenwerden. Phantastik bildet einen fest integrierten Teil des Ganzen, ebenso wie Familien- und Regionalgeschichte, auf die ausführlich eingegangen wird. Menschliche Aspekte stehen für Walton stets im Vordergrund - siehe etwa die hier vor ein paar Jahren vorgestellte Alternativweltgeschichte "Farthing" über ein Großbritannien, das sich dem faschistischen Zeitgeist der 1930er Jahre ergibt.

    Doch lässt man uns nie vergessen, dass Morwenna mit einer ganzen Wagenladung Geheimnisse in England angereist ist: Warum kommt sie beim ihr fremden Vater unter, obwohl ihre Mutter offensichtlich nocht lebt? Was war das für ein Ereignis, bei dem Morwennas Zwillingsschwester zu Tode kam und Mori selbst verkrüppelt wurde? War es wirklich eine magische Schlacht, wie Mori andeutet? Und gibt es die "Feen", mit denen sie spricht, wirklich? Kein sehr günstiges Wort, weil man sich dazu unwillkürlich ein fliegendes Burgfrollein mit Schultüte am Kopf und Zauberstab in der Hand vorstellt, aber für das Faerie-Konzept, das tief in der Mythologie West- und Nordeuropas verankert ist, gibt es auf Deutsch halt keine Entsprechung. Was Morwenna als "Feen" bezeichnet, erinnert sie übrigens eher an Pflanzen als an Menschen oder Tiere.

    Wie gesagt: "In einer anderen Welt" vollführt einen Balanceakt. Morwenna praktiziert Magie und ist von deren Wirkung überzeugt. Aber sie sagt selbst, dass diese Magie keinem unmittelbaren Ursache-Wirkung-Prinzip folgt, sondern auf eine subtilere Weise abläuft. Und sie räumt ein, dass diese Wirkungsweise genausogut durch Zufallsfaktoren erklärt werden könnte.

    Wir sind Morwenna

    Abschließend kann ich's mir nicht verkneifen anzumerken, dass ein Buch über ein pubertierendes Mädchen, das im Internat lebt und Feen sieht, nicht unbedingt nach etwas klingt, das mich unwiderstehlich anlocken würde. Nichtsdestotrotz habe ich "In einer anderen Welt" in einem Rutsch durchgelesen. Wofür es erfahrungsgemäß nur eine Erklärung gibt: Das Buch ist wirklich gut.

    Und letztlich braucht man sich auch nicht von demografischen Äußerlichkeiten abschrecken lassen, wenn es sich um etwas so Allgemeingültiges wie die Macht der Phantasie handelt. In diesem Sinne jedenfalls ließe sich das Vorwort auch deuten: Halten Sie das, was ich hier schreibe, ruhig für meine Memoiren. Für Memoiren, die später - zum Entsetzen aller Leser - angezweifelt werden, weil der Verfasser gelogen hat und sich herausstellt, dass er eine andere Hautfarbe und ein anderes Geschlecht hat, dass er einer anderen Schicht und einer anderen Konfession angehört, als ursprünglich behauptet. Kurz: Wir alle sind Morwenna.

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