Prozess gegen Amanda Knox muss wiederholt werden

26. März 2013, 18:59
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Das turbulente Verfahren gegen die US-Studentin Amanda Knox nahm am Dienstag eine neue Wendung: Der Freispruch vom Vorwurf, an der Ermordung der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher beteiligt gewesen zu sein, wurde wieder aufgehoben.

Neuer Paukenschlag in einem der spektakulärsten Mordprozesse der jüngeren italienischen Geschichte: Der Freispruch der jungen Amerikanerin Amanda Knox wegen der Ermordung ihrer britischen Mitbewohnerin Meredith Kercher ist vom italienischen Höchstgericht annulliert worden.

Knox und ihr Freund Raffaele Sollecito waren im vergangenen Oktober von einem Schwurgericht in Perugia von der Mordanklage freigesprochen worden. Knox kehrte wenige Stunden später in ihre Heimatstadt Seattle zurück.

"Ereignisse banalisiert"

Die Begründung für die Entscheidung des obersten Gerichtshof liegt noch nicht vor. Doch Staatsanwalt Luigi Riello hatte das Urteil von Perugia bereits in seinem Plädoyer scharf kritisiert. Das Gericht habe den Kopf verloren, wichtige Indizien und Beweismittel ignoriert und die "Ereignisse banalisiert". Der Freispruch sei "juristisch in keiner Weise zu rechtfertigen".

Nun soll das Berufungsverfahren noch in diesem Jahr vor einem Schwurgericht in Florenz erneut aufgerollt werden - mit einem wesentlichen Unterschied: Das Medienspektakel um den "Engel mit den Eisaugen" wird sich nicht wiederholen. Denn Amanda Knox, die in Italien vier Jahre im Gefängnis saß, wird sich hüten, an dem Verfahren teilzunehmen. Im Fall ihrer Verurteilung könnte Italien ihre Auslieferung fordern. Dass die USA einem solchen Antrag stattgeben würden, scheint eher unwahrscheinlich.

Buch erscheint in zehn Tagen

Zur Verkündung des Urteils im Berufungsprozess waren vergangenen Herbst mehr als 400 Journalisten aus aller Welt nach Perugia gekommen. In zehn Tagen erscheint in den USA das Buch "Waiting to be heard", in dem die heute 25-Jährige ihre Justizprobleme schildert. Das Buch soll ihr vier Millionen Dollar einbringen.

In einer ersten Stellungnahme sagte Knox, die Annullierung des Urteils aus dem Berufungsverfahren sei "schmerzhaft". Was auch immer passiere, ihre Familie und sie würden auch die nächste juristische Schlacht so angehen wie immer. Man werde die falschen Anschuldigungen erhobenen Hauptes zurückweisen - "im Vertrauen darauf, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt".

Dagegen begrüßten die Angehörigen des Opfers Meredith Kercher die Entscheidung der italienischen Höchstrichter. "Es gibt eine Menge unbeantwortete Fragen, und wir suchen nach der Wahrheit", sagte Kerchers Schwester Stephanie.

Mord nach Vergewaltigung

Kercher war im November 2007 vergewaltigt und mit durchtrennter Kehle in der Studentenwohnung in Perugia aufgefunden worden, die sie mit Amanda Knox teilte. Ihr Körper wies zahlreiche Messerstiche auf.

Knox und Sollecito waren im Dezember 2009 wegen Mordes zu 26 beziehungsweise 25 Jahren verurteilt worden. Bereits vorher hatte ein Gericht den teilweise geständigen Ivorer Rudy Guede im Schnellverfahren zu 16 Jahren verurteilt. Die Theorie des Einzeltäters war von Kerchers Familie stets abgelehnt worden. Die spektakuläre Wende kam im Oktober 2011 mit dem Freispruch von Knox und Sollecito.

Knox und Sollecito hatten stets ihre Unschuld beteuert und nur gestanden, in der Mordnacht Marihuana geraucht zu haben.

Freilich bleiben auch nach der Annullierung des Urteils viele Fragen offen, die kaum beantwortet werden dürften: Weder Knox noch Sollecito hatten ein glaubhaftes Motiv, die Tatwaffe wurde nie gefunden, DNA-Proben wurden für unbrauchbar erklärt. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 27.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Amanda Knox bei ihrer Rückkehr in die USA 2011. Die Annullierung des Freispruchs sei "schmerzhaft", sagte sie jetzt.

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