Schule und Volk: Also wenn Sie mich fragen ...

Kommentar der anderen19. März 2013, 19:28
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Warum die einmal mehr statistisch untermauerten Defizite der heimischen Bildungspolitik plebiszitär nicht lösbar sind

Zumindest in Wien dürfte der Bedarf an weiteren Volksbefragungen derzeit wohl gestillt sein. Der Wiener Bürgermeister Häupl hat denn auch klargestellt, dass sein Vorschlag, zum Thema "Gemeinsame Schule auf der Sekundarstufe I" eine Volksbefragung durchzuführen, nicht ernst gemeint war, sondern Ausdruck seiner Frustration über die bildungspolitische Entscheidungsschwäche der gegenwärtigen Bundesregierung.

Tatsächlich ist kaum ein Politikbereich für eine Volksbefragung so schlecht geeignet wie die Bildungspolitik, und zwar aufgrund des fatalen Umstandes, dass sich jedermann für einen Experten für Schule und Bildung hält. Man hat schließlich neun bis 13 Jahre die Schule besucht (im Falle eines Sitzenbleibens ist die Bildungsexpertise durch das zusätzliche Schuljahr noch fundierter), oder man kennt den Schulbetrieb aus der mehr oder weniger leidvollen Perspektive von Eltern mit Schulkindern.

Diese individuellen oder familiären Erfahrungen sind jedoch höchst subjektiv und an ganz spezifische (zum Beispiel großstädtische oder ländliche) Schulstandorte gebunden; von ihnen auf die Struktur und die Funktion des Schulsystems in seiner Gesamtheit zu schließen ist absolut unzulässig, wird aber dennoch dauernd gemacht.

In einer meiner Vorlesungen im Audimax der Uni Wien ließ ich mehrere hundert Lehramtsstudierende schätzen, für wie groß sie den Anteil der Kinder halten, die mit zehn Jahren in eine AHS übertreten. Ihre eigenen Schulkarrieren und jene in ihrem sozialen Umfeld verallgemeinernd, schwankten die Schätzungen der Studenten so um die 75 Prozent, der "Rest" waren wohl Haupt- und Sonderschüler. In Wirklichkeit treten österreichweit bloß 34 Prozent der Volksschüler in eine AHS-Unterstufe über.

Die Lehrerschaft mag, was die Sekundarschulübertritte betrifft, besser informiert sein, aber vor Betriebsblindheit ist auch sie nicht gefeit. Bei der vor kurzem abgehaltenen Enquete des Tiroler Landeshauptmanns zu einer Gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen behaupteten Funktionäre der AHS-Lehrergewerkschaft, es gäbe in österreichischen Schulen keine soziale Auslese. Sie mussten mit folgendem Zitat aus dem Nationalen Bildungsbericht 2012 belehrt werden: "Nahezu zwei Drittel der 17-Jährigen, deren Eltern über einen Hochschulabschluss verfügen, besuchen die AHS. Verfügen die Eltern hingegen nur über Pflichtschulbildung, streben nur acht Prozent eine AHS-Matura an."

Angesichts der weitverbreiteten Ahnungslosigkeit über die tatsächliche Wirkung des Schulsystems stellt sich die Frage, ob genug getan wird, um der Bevölkerung zu jenem Niveau von Informiertheit und Mündigkeit zu verhelfen, das sie befähigt, ihr "Bürgerrecht auf Bildung" wahrzunehmen - sei es bei "privaten" Schullaufbahnentscheidungen, sei es bei Volksabstimmungen oder -befragungen, wenn es darum geht, auf der Systemebene rational zwischen verschiedenen Optionen zu entscheiden.

Wie es scheint, wird gegenwärtig eine kostbare Ressource für bildungspolitische Aufklärung unzureichend genutzt: der Nationale Bildungsbericht (NBB) 2012. Diese hervorragende Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems ist vor kurzem zum zweiten Mal publiziert worden. Mit ihren zahlreichen Daten, Tabellen und Grafiken ist diese Analyse der Wirkungsweise der österreichischen Schulen hervorragend geeignet, den österreichischen Bildungsdiskurs aus seiner dumpfen Ignoranz und gehässigen Lagermentalität herauszuführen. Die beiden Bände der Vollfassung des NBB 2012 gehören als Pflichtlektüre auf das Nachtkastl jedes (Bildungs-)Politikers auf Bundes- und Landesebene. (Sie sind allerdings so schwer, dass bei der Lektüre im Liegen die Gefahr von Rippenbrüchen besteht). Aber selbst "bildungsnahen" Personengruppen wie Lehrern oder Elternvertretern ist der Kauf und die Lektüre dieser gewichtigen "Türstopper" kaum zuzumuten.

Für diese Lesergruppe gäbe es zwar, abgesehen von der Möglichkeit, sich den NBB 2012 oder Teile davon von der Homepage des Bifie herunterzuladen, die 35-seitige Kurzfassung; "gäbe" deshalb, weil sie leider nur in einer Auflage von 6000 Stück gedruckt wurde, was für eine umfassende österreichweite Verbreitung offensichtlich nicht ausreicht.

Kürzlich haben die Sozialpartner einen bemerkenswerten Anstoß zur Weiterentwicklung des österreichischen Bildungswesens gegeben. Wie wäre es, wenn Gewerkschaftsbund, Wirtschafts-, Arbeiter- und Bauernkammer ihrem Bekenntnis zur Schulreform eine flankierende Maßnahme zur Aufklärung der österreichischen Öffentlichkeit folgen ließen - eine gemeinsam finanzierte, leicht lesbare Version des NBB, die an jeden Haushalt geschickt wird? Bei allem Respekt vor der vorliegenden Kurzfassung des NBB, sie liest sich etwas "spröde". Aber wenn zum Beispiel zwei Bildungsjournalistinnen den Text auflockerten, Haderer und Pammesberger ein paar zum Schmunzeln verleitende Zeichnungen beisteuerten und Josef Hader und Barbara Coudenhove-Kalergi ein ermunterndes Vorwort dafür schrieben, könnte das die Zahl derjenigen, die behaupten "Mir kennan s' über de Schui nix erzöhn ...", möglicherweise drastisch verringern. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, 20.3.2013)

Karl Heinz Gruber (Jg. 1942) lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.

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Der Nationale Bildungsbericht zum Download

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