Wieder Kritik am Grazer Jugendamt: "Beamte haben Fürchterliches vorgefunden"

14. März 2013, 20:51
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Mädchen angeblich jahrelang misshandelt

Graz - Weil es ihrer Meinung nach "unhaltbare Zustände" im Grazer Jugendamt gibt, wandten sich Grazer Polizisten jetzt als "Wutbürger" mit einem Beschwerdebrief an den Bürgermeister Siegfried Nagl (VP). Bei einem Einsatz am Wochenende hatten zwei Polizeibeamte ein neunjähriges weinendes Mädchen mit seiner Schwester in einer völlig verwahrlosten Wohnung entdeckt. Das Kind erzählte den Uniformierten, dass es schon jahrelang von seiner Mutter, die daneben kauerte, misshandelt worden sei.

Als sich die Polizisten an das Jugendamt um Hilfe wandten, wurde ihnen mitgeteilt, dass das Amt nicht zuständig sei, sie sollten sich in diesem Fall an die Landesnervenklinik Sigmund Freud wenden. Das Kind wurde schließlich in der Klinik zur Betreuung aufgenommen.

Nach Angaben der Polizisten sei ihnen vor Ort eröffnet worden, dass bereits ein umfangreicher Akt des Mädchens über Verletzungen vorliege und das Jugendamt schon mehrmals davon unterrichtet worden sei. Im Brief an den Bürgermeister, der auch an die Abteilungsleiterin des Jugendamtes gerichtet war, vermerkten die Beamten auch die "Untätigkeit" der Mitarbeiter des Jugendamtes.

Stadträtin kritisiert Beamte

In einer ersten Reaktion tadelte Jugendstadträtin Martina Schröck (SPÖ) via Kleine Zeitung zunächst die Polizei: "Ich möchte dazu festhalten: Die Polizisten haben den Dienstweg nicht eingehalten." Sie zeigte sich irritiert über den Beschwerdebrief an den Bürgermeister.

"Es geht hier nicht um irgendwelche Formalismen, sondern um die Gesundheit von Menschen", wehrte sich Landespolizeidirektor Josef Klamminger im Standard-Gespräch gegen die Angriffe der Stadträtin. Seine Beamten hätten "unter dem Eindruck, was sie da gesehen haben, reagiert - sie haben ja Fürchterliches vorgefunden".

"Nie ein Verdacht auf Gewaltanwendungen"

Im Jugendamt wird nun versichert, dass schon im Juli 2012 die Entziehung der Obsorge für die beiden Kinder beantragt worden sei, dies aber vom Gericht abgelehnt worden sei. "Weil keine Kindeswohlgefährdung vorlag", hieß es dazu am Donnerstag von Gerichtsseite. Nach Angaben des Grazer Amtes sei zudem in den Unterlagen der Klinik nie ein Verdacht auf physische Gewaltanwendungen erwähnt worden.

Das Grazer Jugendamt musste sich erst kürzlich öffentlicher Kritik stellen, nachdem bekannt geworden war, dass Mädchen jahrelang in einer Jugend-WG der Stadt Graz von Burschen, die ebenfalls dort lebten, vergewaltigt worden waren. (Walter Müller, DER STANDARD, 15.3.2013)

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