Pariser Modeschauen: Die Mäntel zum Boden, den Mittelfinger in die Höh'

8. März 2013, 17:30
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Die Pariser Modeschauen für kommenden Herbst und Winter waren von Lustlosigkeit geprägt – wäre da nicht das Defilee von Saint Laurent gewesen

So viel Schwarz war lange nicht. Beinahe fühlte man sich bei den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen  an die 90er-Jahre erinnert, als die Laufstege mit Grunge überflutet wurden und Moderedakteurinnen Krähen glichen. Doch zum Glück ist Schwarz nicht gleich Schwarz: Es kann ladylike auftreten wie bei Lanvin oder nach Nachtklub aussehen wie bei Balmain, es kann Rock 'n' Roll evozieren oder sa krale Strenge. Und es kann Lichteffekte vorspiegeln, wie es Akris-Designer Albert Kriemler mit einer eleganten und zugleich frischen Schau fast ausschließlich in Schwarz bewies. Seine Kleider, Abendsmokings oder Mäntel waren mal mit Jetsteinen besetzt, mal mit Bänderreihen bestickt und mit Tüll oder Astrachan-Pelz zu einem Spiel der Strukturen angeordnet.

So konsequent wie der Schweizer agierte Karl Lagerfeld bei Chanel nicht. Doch auch ihn zog es in die Schwärze, die er mit Rot- und Blautönen auffüllte. In der Mitte des Laufstegs war eine dunkle Weltkugel errichtet worden. Die Erde bei Nacht, aus dem All gesehen. Goldene Lichtpunkte markierten die großen Städte, Fahnen zeigten die Standorte der weltweiten Chanel-Boutiquen an. Karl regiert modisch den Globus, schien die Installation sagen zu wollen.  Zumindest schöpfte der Wahlpariser eine unbändige Energie aus dem universalen Blick. Viele Entwürfe schimmerten wie die Milchstraße. Glitzernde Knöpfe, kostbare Stickereien oder in den Stoff geprägte Ornamente zierten die ausladenden perfekt fallenden Oberteile und die A-förmigen Röcke. Selbst der typische Chanel-Tweed schien zu blinken. Die Models trugen dazu Lederstulpen und mit Ketten besetzte klobige Stiefel. Eine spacige Armee mit einer modischen Mission setzte sich hier in Marsch.

Wangs Debüt für Balenciaga

Chanels kraftvoller Botschaft stand bei Balenciaga tastende Vorsicht entgegen. Der 29-jährige Alexander Wang gab sein Debüt bei der Traditionsmarke, die sein Vorgänger Nicolas Ghesquière zum Kultlabel hochdesignt hatte. Wang, New Yorker und eigentlich für cooles Streetwear-Design bekannt, hielt sich an die couturigen "Codes" des Hauses. Er zeigte gerundete Jacken und Mäntel, Röcke in Tulpenform, hochgeschnittene Hosen und untadelige Tageskleider. Schwarz mischte er mit Weiß und streute Marmormuster über seine Entwürfe. Für den Anfang musste das reichen.

Doch es gab Schwarz auch als "Grunge". In der meistdiskutierten Kollektion der Saison, der zweiten von Hedi Slimane als Chefdesigner von Saint Laurent. Eleganz fand sich hier nur versteckt wieder – mit einigen klassischen Mänteln oder Kleidchen mit Lackschleife und Bubikragen, die an Yves Saint Laurents Entwürfe für Catherine Deneuve in Belle de Jour erinnerten. Ansonsten ließ Slimane das Erbe des Hauses krachen. Die Models wirkten wie übernächtigte Groupies, einer finsteren Boite de Nuit entsprungen. Sie trugen fleddrige Spitzenkleider oder bestickten Tüll, Miniröcke oder Corsagenkleider aus schwarzem Leder und Bikerjacken. Daneben Holzfällerhemden aus Flanell, Dufflecoats, Netzstrümpfe und Bikerboots. Es fehlte eigentlich nur noch der Drink in der Hand.

Ratlosigkeit bei Saint Laurent

Nach dem Defilee herrschte zunächst Ratlosigkeit. Erst langsam kamen die Kommentare – die dafür umso klarer ausfielen. "Cool!", kam von der einen Seite, "Billig!", von der anderen. "Seine Botschaft war "F... off", sagte eine Journalistin und reckte den Mittelfinger in die Luft. Immerhin war es Slimane gelungen, die Modeszene zu spalten – und aus einer gewissen Lustlosigkeit zu wecken, die nach einer begeisternden vorherigen Saison über der aktuellen hing. "Natürlich war die Kollektion eine Zumutung, fast wie ein Schlag ins Gesicht, aber vielleicht brauchen wir das", sagte Tiziana Cardini, Fashion Director des Mailänder Kaufhauses La Rinascente. Und möglicherweise hatte sie recht.

Was gab es sonst noch in Paris?  Eine schwebende Schau mit zarten Stickereien bei Dior (Raf Simons hatte sich vom Surrealismus und Zeichnungen Andy Warhols inspirieren lassen). Eine massive Hinwendung zu Pelz (am ärgsten trieb es Gaultier). Ein Miteinander von maskulinen und femininen Elementen (wunderschön umgesetzt von Dries van Noten). Mannequins, die wie bei Louis Vuitton Hollywood-Diven glichen. Und ein tolles Frauenbild, das Phoebe Philo bei Céline auf den Punkt brachte. Sie fand eine feine Balance zwischen weichen Elementen und präzise durchdachten Konturen. "Sense and Sensibility" hätte über der Kollektion mit ihren nach unten glockig schwingenden Röcken, ihren sanft skulpturalen Mantel- und Kleiderformen und ihren schlichten Obereilen stehen können. Auch die dezent glänzenden Farben wie Creme, Hellgrau oder Apricot waren exakt dosiert.

Natürlich fielen auch einige Botschaften bezüglich der Silhouette des kommenden Winters ab. Die Röcke werden länger (bis zur Wade), die Mäntel breiter, die Schuhe flacher. Wolfgang Joop begründete das nach der hellen, heiteren Schau seiner Marke Wunderkind so: "Frauen werden oft als verheiratete Frauen in Bustierkleidern dargestellt", sagte er, "die werden dann von zwei, drei Männern versorgt. Ich wollte dagegen eine Frau zeigen, die sich selbst bewegen kann auf flachen Schuhen." (Stefanie Schütte, DER STANDARD, 9.3.2013)

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    Ein Hotelkorridor mit 50 Türen: Das Setting, das Designer Marc Jacobs für seine Show für Louis Vuitton bauen ließ, lieferte großes Theater – genauso wie seine Mode.

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