Arbeit auslagern: Amazon bald überall?

Gastkommentar11. März 2013, 10:07
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Plädoyer für mehr strategisch handelnde Personalabteilungen

Der Einsatz von Leiharbeitern bei Amazon in Deutschland führte in den letzten Wochen zu einem handfesten Skandal. Für Österreich kann man es sich einfach machen und - wie gewerkschaftsseitig argumentiert - davon ausgehen, dass Zustände wie bei Amazon Deutschland in Österreich kaum möglich sind. Doch ist das wirklich so? Und worum geht es hierbei eigentlich?

Es geht nicht nur um den Stundenlohn von 8,52 Euro brutto (plus Kost und Logis). Es geht auch nicht um gesetzliche Regelungen, obwohl beispielsweise im Kündigungsschutz Arbeitnehmer in Österreich zum Teil schlechter gestellt sind als in Deutschland.

Interessanter ist die harte Realität der Arbeitswelt, wo man auch in Österreich bei Leiharbeitsfirmen genauer hinschauen sollte, wie es jüngst die Arbeiterkammer Niederösterreichs forderte. Zudem ist der eigentliche Arbeitgeber für die in der Diskussion stehenden Leiharbeiter bei Amazon Deutschland die österreichische Leiharbeitsfirma Trenkwalder.

Kosten senken, Arbeiten auslagern

Die eigentliche Frage betrifft die fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt: Unternehmen suchen Flexibilität, Agilität und Spontanität, gleichzeitig wollen sie Kosten senken.

Deshalb werden Arbeiten, die vorher von eigenen Mitarbeitern ausgeführt wurden, ausgelagert: Das Rechenzentrum wird von einer externen Firma betrieben, an der Produktionsstraße stehen Fertigungsmitarbeiter der Lieferfirma, oder aber eigene Mitarbeitergruppen werden in eine Servicefirma verlagert, die dann über eine werkvertragsähnliche Konstellation komplette Arbeitspakete einschließlich der Mitarbeiter anbietet. Und dann gibt es neben den zeitlich befristeten Verträgen auch noch die reine Leiharbeit, die inzwischen viel mehr geworden ist als nur ein Instrument zum Abfedern von Auftragsspitzen.

Es entsteht eine komplexe Arbeitswelt mit unterschiedlichen Weisungsbefugnissen und (trotz "Equal Pay") unterschiedlichen Vergütungsmodellen. Das Ergebnis: gefühlte Ungerechtigkeit und Führungsprobleme.

Denn wie soll man hier vernünftig führen, partnerschaftliche Unternehmenskulturen aufbauen und Identifikation mit dem Unternehmen schaffen? Wenn dann Motivationsprobleme dazukommen, wird es schwer und der Wunsch nach mehr Auslagerung noch größer.

Personalabteilung unter Diktat von Flexibilität

Spätestens jetzt kommt die Personalabteilung ins Spiel: Ist sie die ausführende Einheit, die lediglich brav unter dem Diktat von Flexibilität und Kostensenkung die Wertschöpfungsketten personalseitig optimiert? Und selbst eigene Aufgaben an externe Firmen und Personalberater auslagert?

Wo exakt dieses Rollenverständnis hinführt, haben wir jetzt bei Amazon Deutschland gesehen.

Doch brauchen wir nicht eine strategisch agierende Personalabteilung, die derartige Auswüchse erkennt und gegensteuert, wenn die Kontrolle über die Wertschöpfungskette verlorengeht und Mitarbeiter nicht mehr der eigentliche produktive Kern "ihres" Unternehmens sind? (Christian Scholz, DER STANDARD, 9./10.3.2013)

Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gründungsdirektor des MBA-Programms an der Universität des Saarlandes.

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