Drei Kinder auf der Anklagebank

28. Februar 2013, 17:45
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Stehlende Twens zum Teil "an der Grenze zur Debilität"

Wien – Hört man die Anklage der Staatsanwaltschaft Wien, muss man überzeugt sein, dass drei Schwerverbrecher auf der Anklagebank sitzen. 15 Diebstähle, Einbrüche und Betrügereien werden Christian J., Daniel G. und Domenica K. vorgeworfen. Die drei sind 25, 26 und 25 Jahre alt – wenn man nach dem Geburtsdatum geht. Denn eigentlich sind sie Kinder, wie der psychiatrische Gutachter Karl Dantendorfer sagt.

Der Mediziner wird in seinem Vortrag vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Thomas Spreitzer ungewöhnlich deutlich. "Alle drei hatten ein extrem schweres Leben und sind keine bösen Menschen. Eine Haftstrafe würde gar nichts bringen." Dann wird er konkreter: Christian J. habe ein Intelligenzalter von neun bis zwölf Jahren, die beiden anderen liegen noch darunter – bei Domenica K. wurde ein Intelligenzquotient von 44 festgestellt, "an der Grenze zu Debilität", liege sie damit.

Allerdings: Zurechnungsfähig ist das Trio, wenngleich alle "Grenzfälle" seien. Aber dass das, was sie gemacht haben, verboten ist, hätten sie gewusst, ist der Psychiater überzeugt.

Dass die Angeklagten keine kriminellen Koryphäen sind, zeigt sich teilweise an der Beute. Bei Einbrüchen in das Ottakringer Freibad erbeuteten sie unter anderem Zucker, Milch und Glasaschenbecher, aus Kleingartenhütten gingen sie mit Kerzen, Pflaster und Nagellack nach Hause. Der Haupttäter ist der besachwaltete Christian J., der allein auch schwerere Diebstähle begangen hat. Reich wurde er damit nicht: Für einen Laptop bekam er zehn Euro, für Handys 20. "Warum haben Sie das gemacht?", will Vorsitzender Spreitzer von ihm wissen. "Weil ich was zu essen wollte", antwortet er. "Sie sind also mit dem Geld nicht ausgekommen?" "Ja."

Offensichtlich ist, dass die drei Schwierigkeiten haben, dem Prozess zu folgen, vor allem bei juristischen Begriffen. J., der auch drei Monate in Untersuchungshaft gesessen ist, verneint die Frage des Vorsitzenden, ob er eine Therapie machen würde, zunächst. Erst als ihm sein Verteidiger erklärt, dass er andernfalls ins Gefängnis muss, nickt er heftig.

Nach einer halben Stunde Beratung fällt das Gericht sein rechtskräftiges Urteil: 18 Monate bedingt für J., jeweils acht Monate für die beiden anderen sowie die Weisung, sich (weiter) einer Therapie zu unterziehen. (Michael Möseneder/DER STANDARD, 1.3.2013)

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