Der Wahlsieger ohne Amt

26. Februar 2013, 11:44
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Die Protestbewegung des Komikers Beppe Grillo mischt die italienische Politik auf - Der Chef selbst zieht nicht ins Parlament ein

Rom - Der Kultsatiriker und Erfolgsblogger Beppe Grillo mischt die italienische Politik auf. Der Wahlerfolg seiner Protestbewegung "Fünf Sterne", die eine Kampagne gegen die "Kaste der Parlamentarier", gegen Verschwendung im politischen System und die Richtlinien der Europäischen Zentralbank führt, übertrifft die höchsten Erwartungen ihres Gründers.

Im Senat holte Grillos Bewegung aus dem Stand mehr als 23,7 Prozent. In der Abgeordnetenkammer kam sie auf 25,55 Prozent und zieht als stärkste Einzelpartei ein. Rund jeder vierte Italiener hat aus dem Urnengang damit eine Protestwahl gemacht.

Der Sieger ohne Amt

Grillo selbst wird aber nicht in das Parlament einziehen, weil er vorbestraft ist. 1981 kam er mit seinem Jeep von der Straße ab, dabei wurden drei Menschen getötet. Seither ist er wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft. Trotzdem wird er über seine zahlreichen Abgeordneten und Senatoren das politische Schicksal Italiens kräftig mitgestalten.

Jahrzehntelang zählte Grillo zu den bissigsten und beliebtesten Komikern Italiens. Lange Zeit feierte er im Fernsehen und auf der Theaterbühne mit Satiren aus dem politischen Alltag große Erfolge. Politische und soziale Kritik sowie Attacken auf die Machtzentralen der Parteien und Banken zählten zu seinen Stärken. Heute macht er als Blogger Politik ohne Parteiprogramm. Sein "Movimento 5 Stelle" ist innerhalb von knapp drei Jahren zu einer starken politischen Kraft herangewachsen, auf Sizilien wurde die Bewegung bei der Regionalwahl im Oktober gar zur zweitstärksten Partei.

Der Held der "Anti-Politik"

Der Komiker gilt als Held der italienischen "Anti-Politik". Wie der US-Regisseur Michael Moore betreibt er einen erfolgreichen Blog. Die Seite beppegrillo.it ist eine der am meisten aufgerufenen Italiens und teils auch ins Englische übersetzt. Mit mehr als einer Million Besuchern pro Woche gehört sie zu den meistgelesenen der Welt. Eine virtuelle Welt des Protests ist auf diese Weise entstanden, die immer mehr an Boden gewinnt. Der Genueser Grillo ist nicht mehr nur Komiker, er ist zum Massenphänomen geworden.

Während der scheidende Premier Mario Monti, Medienzar Berlusconi und sein Rivale Pier Luigi Bersani einen fantasielosen und unspektakulären Wahlkampf im Fernsehen führten, setzte Grillo einerseits auf neue Medien wie Twitter und Facebook, andererseits auf traditionelle Wahlkampfauftritte auf den Piazze der italienischen Städte, bei denen er all sein Talent als Showmaster unter Beweis stellte und den Enthusiasmus der von den Traditionsparteien zutiefst enttäuschten Wähler wiederbelebte.

Als Tsunami durch Italien

"Tsunami-Tour" nannte Grillo seine Wahlkampf-Rundreise durch ganz Italien. Der Komiker mit ungebändigtem grauem Haarschopf und Vollbart führt einen Frontalangriff auf die etablierten Parteien. Seine Botschaft lautet im Kern: "Diese parasitäre Form der Politik muss aufhören! Alle Politiker müssen ab nach Hause!"

Erst vor fünf Jahren hat Beppe Grillo begonnen, sich mit Politik zu beschäftigen. Seinen ersten politischen Auftritt hatte er 2007 in Bologna mit einer von ihm einberufenen Großkundgebung, dem "Vaffa-Day" ("Leck-mich-Tag"). Zehntausende strömten zur nationalen Protestkundgebung gegen die Traditionsparteien.

Vor allem junge enttäuschte Wähler aus der Linken zählten zu Grillos ersten Anhängern. Aber auch im Wählerreservoir der von einem riesigen Skandal um sein Privatleben und illegalen Parteifinanzierungen belasteten Berlusconi-Partei konnte Grillo viele Wählerstimmen fischen. Aus diesem Milieu baute er sich ab 2009 die Basis seiner Gruppierung. Die Bewegung hat keinen Parteisitz, die Anhänger kommunizieren über Blogs. Grillo verdankt seinen Erfolg ausschließlich dem Internet, wo seine Botschaften verbreitet werden und riesigen Erfolg ernten. Am liebsten hält er per Twitter Kontakt zu seinen Anhängern.

Im krisengeplagten, parteienverdrossenen Italien blieben die Erfolge nicht aus: Im Frühjahr 2012 eroberten die "Grillini" mit Parma das erste Rathaus einer Großstadt. Dann kamen sie bei der Regionalwahl in Sizilien auf 15 Prozent. Jetzt, bei der Parlamentswahl, schafften sie auf den endgültigen Durchbruch.

Grillos zunehmende Beliebtheit ist ein Dorn im Auge der etablierten Polit-Allianzen und des scheidenden Premiers Mario Monti. Sowohl der Mitte-links-Block als auch das Mitte-rechts-Bündnis um Berlusconi werden sich mit Grillo bei der Bildung einer tragfähigen Koalition auseinandersetzen müssen. Kein Tag des Wahlkampfs verging, ohne dass die Premierskandidaten den Komiker anprangerten. "Grillo ist eine Gefahr für die Demokratie", wetterte Berlusconi zuletzt. Monti betrachtet den stark europakritischen Kurs des Bloggers als ein Risiko für Italiens Ansehen auf dem internationalen Parkett.

Diktator-Vorwürfe

Grillo sieht sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, er führe seine Bewegung wie ein Diktator und erlaube keine interne Kritik. Wer seine Anweisungen nicht befolgt, wird ohne Diskussion ausgeschlossen. Hinausgeworfen wurden in der Emilia-Romagna bereits zwei "Grillini", weil sie es gewagt hatten, Grillos Führungslinie zu kritisieren. In der Bewegung aktive Grillo-Anhänger dürfen nicht im Fernsehen auftreten. Denn Grillo, der in den 1980er Jahren mit seinen Auftritten bei RAI-Shows für Rekordeinschaltquoten sorgte, verurteilt jetzt Live-Auftritte im Fernsehen. "TV-Talks sind tödlich", sagt er. Dort sei man wie in einem Käfig gefangen.

Seine Gegner werfen ihm vor, kein ernsthaftes Programm zu haben. Mit seiner "Anti-Politik", sagen Experten, bringe Grillo zwar das bestehende politische System ins Wanken, er biete jedoch kein alternatives Modell an.

Der Komiker ließ sich von der Kritik nicht beirren und tourte in den letzten Tagen des Wahlkampfs weiter durch Italien. Dabei scheute er sich nicht davor, auch über den Rücktritt des Papstes zu witzeln: "Nach Italien geht jetzt auch der Vatikan zugrunde. Sein Geschäftsführer flüchtet nach Castel Gandolfo. Es gibt mehr Katholiken in Afrika als hier bei uns. Den neuen Papst sollten besser eine Milliarde afrikanische Katholiken wählen statt hundert 80-jährige Kardinäle." (APA, 26.2.2013)

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    Beppe Grillo. Aufmischer.

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