Jemen: Weiter kein Kontakt zu entführtem Dominik N.

15. Februar 2013, 08:38
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Experte: "Bei Entführung durch Stammesgruppen ist Gefahr deutlich geringer als bei Al Qaida"

Sanaa/Wien - Am 21. Dezember 2012 wurde der 26-jährige Österreicher Dominik N. gemeinsam mit zwei Finnen im Jemen entführt. Seitdem fehlt von den Geiseln und den Entführern jede Spur. Entgegen manchen Medienberichten bestehe kein Kontakt zu den Entführern, ließ das Außenministerium wissen. Das Schicksal des jungen Österreichers hängt jetzt in erster Linie davon ab, ob Stammesgruppen oder Islamisten hinter der Entführung stehen.

"Derzeit gibt es keine gesicherte Information, bisher hat sich niemand zur Entführung bekannt," erklärte Außenamtssprecher Martin Weiss auf APA-Anfrage. Bisherige Zeitungsberichte über eine mögliche baldige Freilassung gingen auf Gerüchte aus der jemenitischen Lokalberichterstattung zurück, und seien deshalb nicht ernst zu nehmen. Man kenne deshalb weder den Aufenthaltsort von Dominik N., noch wisse man, welcher Stamm oder welche Gruppierung dahinter steht.

"Bei Entführung durch Stammesgruppen ist Gefahr deutlich geringer als bei Al Qaida"

Der Jemen-Experte Johann Heiss vom Institut für Sozialanthropologie der Universität Wien meint, das Schicksal der drei Geiseln hänge "jetzt maßgeblich davon ab, ob sie sich in der Gewalt von aufsässigen Stämmen oder von religiöse Fundamentalisten befinden". Entführungen von ausländischen Staatsbürgern durch Stammesgruppen sind im Jemen keine ungewöhnlichen Ereignisse, in den vergangenen 15 Jahren sind mehr als 200 Menschen davon betroffen gewesen. Meistens werden diese als Druckmittel gegen die Regierung verwendet, um beispielsweise einen Infrastrukturausbau oder die Freilassung von eigenen Stammesmitgliedern zu erwirken. In der Regel kamen die Entführungsopfer am Ende wieder unversehrt frei.

Weitaus gefährlicher ist dagegen der religiös motivierte Terrorismus, der auch im Jemen zunimmt. In Zusammenhang mit US-amerikanischen Drohnenangriffen ist oft auch von Aktivitäten von "Al Qaida in der arabischen Halbinsel" (AQAP) die Rede. In den Jahren 2007 und 2008 kam es zu Anschlägen auf Touristen in den östlichen Provinzen von Hadramaut und Marib.

Für Bestürzung sorgte 2009 die Entführung von neun Mitgliedern einer Baptistengruppe, die laut "Spiegel" in der nördlichen Provinz Saada als christliche Missionare unterwegs waren. Die Leichen von zwei deutschen Frauen und einer Südkoreanerin wurden kurze Zeit später gefunden, von den weiteren sechs Entführungsopfern fehlt immer noch jede Spur.

Johann Heiss warnt im Zusammenhang mit den jemenitischen Stammesgebieten voreilig von "Al Qaida" zu sprechen, deren Einfluss werde vor allem im Nordjemen oft überschätzt. "Die Regierung erhält leichter Geld vom Westen, wenn sie vom Kampf gegen 'Al Qaida' spricht," sagt Heiss. In den meisten Fällen handle es sich um Auseinandersetzungen mit aufsässigen Stämmen, die Hintergründe seien vorwiegend wirtschaftlicher Natur. Auch die Drohnenangriffe der USA treffen oft lokale Stammesführer und ihre Leibgarden, obwohl sie in keinem Kontakt zur AQAP stehen.

Dass die Verhandlungen über die Freilassung der drei Geiseln momentan still stehen, könne auch am härteren Vorgehen der jemenitischen Regierung bei jüngeren Entführungsfällen liegen. Dabei hatte man Verhandlungsdelegationen der Stämme einfach festgenommen und damit die Herausgabe der Geiseln erzwungen. Die Verhandlungen zwischen Entführern und der Regierung seien deshalb schwieriger geworden. "Es liegt jetzt hauptsächlich in den Händen der österreichischen und finnischen Diplomaten, die drei Geiseln wieder freizubekommen," sagt Heiss abschließend. (APA, 15.2.2013)

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