Warum die erste Frau im All Russin war

6. August 2003, 11:16
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US-Historikerin: Vizepräsident Johnson lehnte in den 50ern weibliche Astronauten ab

Washington - Als die US-Regierung 1958 beschloss, Menschen in den Weltraum zu schießen, war aufgrund des Wettrennens mit der Sowjetunion Eile geboten. Präsident Dwight D. Eisenhower entschied, die Crew aus den honorigen Rängen militärischer Testpiloten zusammenzustellen. Die Eroberung des Universums sollte also bemannt, nicht "befraut" stattfinden.

"Mercury 13"

Beinahe wäre die Geschichte aber anders verlaufen. Das berichtet die US-Historikerin Martha Ackmann in ihrem Buch "The Mercury 13", das nun, zwanzig Jahre nach dem Erstflug der Russin Valentina Tereschkowa ins All, im US-Verlag "Random House" erschienen ist.

Nach Eisenhowers Anordnung entwarf der Mediziner Randolph Lovelace das Idealprofil eines Weltraumfahrers. Sieben Kandidaten wählte er aus, die als "Mercury 7" Berühmtheit erlangen sollten. Zu ihnen gehörte der erste US-Amerikaner im All, Alan Shepard, und auch John Glenn, der 1998 als 77-Jähriger noch einmal mit einem Raumgleiter durchs All segelte.

Doch Lovelace fragte sich im Stillen, ob nicht auch Frauen mit den Piloten mithalten könnten. Bei einem Luftfahrtkongress 1959 lernte er Geraldyn "Jerrie" Cobb kennen, die damals erfolgreichste US-Fliegerin, die mehrere Geschwindigkeits- und Höhenrekorde errungen hatte. Lovelace entschied, die 28-Jährige zu geheimen Tests nach New Mexico einzuladen.

Dort musste sie Belastbarkeitstests durchstehen. Dabei schnitt die Pilotin so gut ab, dass Lovelace stillschweigend beschloss, weitere Kandidatinnen zu suchen. Die Resultate rechtfertigten sein Unterfangen. 13 Frauen - die "Mercury 13" - bestanden die Tests. Ihren männlichen Kollegen standen sie dabei in nichts nach. Im Gegenteil. Körperlich erschienen die Frauen ebenso belastbar, psychisch sogar mehr.

Außerdem wiesen die Fliegerinnen einen weiteren Vorzug auf: Sie aßen weniger als Shepard und seine Männer, brachten weniger Gewicht auf die Waage und verbrauchten nicht so viel Sauerstoff. Das hätte erlaubt, die Rakete mit leichterer Traglast zu starten.

Doch dann stießen sie auf ein Hindernis: Ermutigt durch die Tests kontaktierte Lovelace die Nasa und bat um offizielle Erlaubnis für sein Frauenprogramm. Die noch junge Weltraumorganisation erteilte dem Arzt eine Pauschalabsage, die derart formuliert war, dass sie die Frage des Geschlechts geschickt umging.

Geschickte Ablehnung

Die Frauen seien keine, wie verlangt, militärischen Testpiloten. Die Frauen gingen an die Öffentlichkeit. Es kam zu einer Anhörung vor dem Kongress. Cobb erhielt sogar einen Termin beim Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson. Der erklärte, das habe nur die Nasa zu entscheiden.

Er log. Der zweitmächtigste Mann im Staat ordnete selbst an, die Debatte zu beenden, rekonstruiert die Historikerin in ihrem Werk. Zwei Jahre später schrieb dann die Russin Tereschkowa (keine Jetpilotin, sondern Fallschirmspringerin) mit ihrem Rundflug Weltraumgeschichte.

Das trieb den allerletzten Sargnagel in die Hoffnungen von Cobbs Crew. Erst 1983 startete Sally Ride als erste Astronautin der USA ins All.

Keine Starterlaubnis für Kosmonautin

Moskau - War die erste Frau im Weltall eine Russin (siehe oben), herrscht derzeit in der russischen Raumfahrt große Ablehnung gegen Frauen. Seit neun Jahren zum Beispiel absolviert Nadjeschda Kutelnaja als einzige Frau das harte Training für einen Einsatz im All.

Aber immer, wenn sie sich für eine neue Mission rüstet, schnappen ihr zahlungskräftige Weltraumtouristen aus dem Westen den Platz in der Rakete weg. Ihren Aussagen nach ist jede Frau, die sich im Vormonat für die russische Weltraummannschaft bewarb, wieder nach Hause geschickt worden. (Hubertus Breuer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.7.2003)

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