Sparpolitik in kleinen Ländern

Kolumne8. Februar 2013, 18:01
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Vermeidung der Sparpolitik befreit nicht von dem Problem, fiskalische und externe Nachhaltigkeit zu erreichen

Wenn es darum geht, für oder gegen Sparmaßnahmen zu argumentieren, wird heute oftmals auf kleine Länder wie Griechenland, die baltischen Staaten und Island verwiesen. So meint etwa Nobelpreisträger Paul Krugman: Die Tatsache, dass das lettische BIP immer noch zehn Prozent unter seinem Spitzenwert aus der Zeit vor der Krise liegt, zeige, dass die Kombination aus Sparpolitik und Lohndämpfung nicht funktioniert und dass Island, das keiner von außen verordneten Sparpolitik unterlag und seine Währung abwertete, viel besser dasteht.

Andere wiederum verweisen auf Estland, das im Gefolge der Krise eine strikte Sparpolitik verfolgte, eine Finanzkrise vermied und mittlerweile wieder ein kräftiges Wachstum aufweist, während Griechenland, das seine fiskalische Anpassung zu lange hinauszögerte, tief in die Krise geriet und immer noch in der Rezession verharrt.

Verschwiegen werden in dieser Auseinandersetzung von beiden Seiten üblicherweise die wichtigsten spezifischen Merkmale der Länder und die speziellen Ausgangsbedingungen, die direkte Vergleiche bedeutungslos machen können.

Erstens wies Lettland wie auch die anderen baltischen Staaten zu Beginn der Krise ein enormes Leistungsbilanzdefizit auf. Das heißt, dass das BIP-Niveau vor der Krise einfach untragbar war, da man auf Kapitalzuflüsse von über 20 Prozent des BIP angewiesen war, um den übermäßigen Verbrauch und den Bauboom zu finanzieren.

Daher ist auch jeder Vergleich des Baltikums mit der Großen Depression (oder den Vereinigten Staaten von heute) sinnlos. Die baltischen Staaten mussten sich einfach an das abrupte Ende der externen Finanzierung anpassen.

Lettland erfreut sich heute einer nachhaltigen Haushaltsposition, wobei die Produktion nahe an ihrem Potenzial liegt und weiter wächst. Sparmaßnahmen haben den Abschwung möglicherweise vorübergehend verschlimmert, doch herausgekommen ist fiskalische Nachhaltigkeit ohne dauerhaften Schaden für die Wirtschaft. Im Gegensatz dazu liegt die Produktion in Griechenland, wo man die Sparmaßnahmen zögerlich umsetzte, noch immer zwölf Prozent unter dem geschätzten Potenzial und fällt weiter.

Ist Island nun das Gegenbeispiel Lettlands? Schließlich fiel das isländische BIP in viel geringerem Ausmaß, obwohl man vor der Krise ähnlich hohe Leistungsbilanzdefizite aufwies. Im Gegensatz zu Lettland ließ Island seine Währung, die Krone, massiv abwerten. Doch diese Abwertung war weit weniger bedeutend als weithin angenommen. Obwohl sich die Exporte tatsächlich sehr gut entwickelten, ist festzustellen, dass es sich bei Islands Hauptexportgütern um natürliche Ressourcen (Fisch und Aluminium) handelt, nach denen auch während der globalen Krise nach 2008 eine hohe Nachfrage herrschte.

Es gilt also vorsichtig zu sein, Lehren aus den Erfahrungen kleiner Länder zu ziehen, die einige sehr spezielle Eigenschaften aufweisen. Die einzig allgemeingültige Schlussfolgerung scheint zu sein, dass die Vermeidung der Sparpolitik nicht von dem Problem befreit, sowohl fiskalische als auch externe Nachhaltigkeit zu erreichen. (Daniel Gros, STANDARD, 9.2..2012)

Daniel Gros ist Direktor des Center for European Policy Studies. © Project Syndicate, 2013. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier.

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