Konfliktpotenzial in "schwieriger Zeit"
US-Wut in Film und Musik im Gefolge von 9/11

23. Juli 2004, 10:45
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Auf Verlust und Trauer im Gefolge von 9/11 folgt die große Wut: Im Kino und in der Popmusik geraten derzeit verunsicherte Amerikaner höchst erfolgreich in Rage, retten sich in heiligen Zorn oder versuchen sich überhaupt gleich gottähnlich zu gebärden.


Wien - Am 16. September 2001 gab CNN einem kritischen Publikum einiges aufzulösen, darunter auch dem deutschen Denker Klaus Theweleit. Nur sieben Tage nach 9/11 zeigte man ein Video, angesichts dessen sich einmal mehr die Frage stellte, wie schnell die Popkultur "Realität" voraus-oder herbeiträumt:

New York, ein damals aktueller Song der Band U2, lief zu einem Ground-Zero-Videoclip. Bono singt darin passenderweise, wenn auch Monate vor dem Einsturz des WTC komponiert: "In New York I lost it all." Er meinte damit ursprünglich eine gescheiterte Ehe, aber die Titanic-Metapher, die er im Lied für dieses Scheitern wählte (gerammter Eisberg etc.), sie schien den CNN-Verantwortlichen eins zu eins übertragbar auf das aktuelle Horrorszenario.

Rundherum träumten Intellektuelle wieder von King Kong. Und nicht nur Klaus Theweleit (im Essayband Der Knall, erschienen bei Stroemfeld/Roter Stern) konstatierte bedrückt, aber fasziniert: Die Durchlässigkeit zwischen den aktuellen und den inszenierten Bildern und "Parallelrealitäten" sei immens.

Was im Fall 9/11 und seiner medialen Begleitbeben bis an den Rand der Gleichgewichtsstörung irritierte: Diese gewaltige Verunsicherung ist im Sommer dieses Jahres, nach den US-Interventionen im Irak, nicht weniger augenfällig. In dem Sinne, in dem Popkultur gerne als "oberflächlich" diskreditiert wird, könnte man auch sagen, dass diese "Oberflächlichkeit" (so wie jene der Talk- und News-Formate) tatsächlich über das feine Sensorium einer Körperoberfläche, also von Haut mit all ihren Tastsinnen verfügt. Man kann gut beobachten, wie diese "Haut" mit Angstschauern überzogen wird, bis sich einem die Haare sträuben.

Auf Trauer und Verlust folgt in Sachen 9/11 die Wut: Sie ist auch in der Unterhaltungsindustrie dieser Tage der in jeder Hinsicht (auch kommerziell) effizienteste Impuls. Und wie man die Wut kontrolliert oder kanalisiert, wirft unzählige Erzählvariationen ab.

Anger Management hieß etwa im Vorfeld des Sommerkinos, quasi parallel zum Krieg, die erfolgreiche Komödie mit Adam Sandler und Jack Nicholson, in der gleich zu Beginn ein lästiger Flugzeugpassagier, der Kopfhörer zwecks Ablenkung wünscht, vom Personal rüde darauf hingewiesen wird: "Wir gehen gerade durch eine schwierige Zeit." Also: Elektroschock.

In dieser Tonart trifft Anger Management, zwar schlampig gemacht, in genialischer Direktheit immer wieder wunde Punkte. Ähnlich wie den USA, die nach 9/11 auf alarmierende Weise verletzlich wirkten, geht es - in vulgärerer Form - auch dem Protagonisten: Beim Versuch, als Teenager ein Mädchen zu küssen, wurde ihm wortwörtlich die Hose runtergelassen. Das zeitigt im Weiteren Aggressionen und die Frage, ob er sich jemals noch in aller Öffentlichkeit entspannt gehen lassen kann.

Totale Therapie

Kein Wunder, dass die Übertherapie, die Wutexperte Nicholson für Sandler inszeniert, in einem riesigen Baseballstadion greift. Dort wird für ein Millionenpublikum geküsst, begleitet übrigens von wohlwollenden Kommentaren des New Yorker Exbürgermeisters und Krisenmanagers Rudy Giuliani. Das darf man dann - weil ein breites Publikum angesprochen werden soll - patriotisch lesen oder als sarkastisches Eingeständnis von Beschränktheit: Die Unterhaltungsindustrie lebt nicht zuletzt vom Spiel mit Ambivalenzen.

Siehe auch: Jim Carrey in Bruce Allmighty - eigentlich eine Horrorvision darüber, was man als Normalverbraucher, getrieben von Hass und Unzufriedenheit, tun würde, wenn man Gott ist, alle Wünsche erfüllen und nebenher ein paar Gegenspieler (auch medial) auflaufen lassen kann. Die interessanteste Szene in dem leider weit gehend verschenkten Film: Carrey manipuliert seinen Konkurrenten im Kampf um die Position eines Nachrichtenmoderators, bis dieser wie die Karikatur eines Fanatikers aus Fernost zu stammeln beginnt.

Gleichzeitig macht der allmächtige Bruce den Fehler, alle Wünsche erfüllen zu wollen - und löst damit Demonstrationen angefressener Lottogewinner aus, die jeder für sich zu wenig kassiert haben. Zu viel Gleichbehandlung: ganz schlecht! Der Held wechselt von der Hassfront reuig in den Biedersinn der fröhlichen Bescheidenheit.

Die direktesten Querbezüge zum jüngsten Wüstenkrieg weist Hulk von Ang Lee auf, das grüne Monster, das in einer fulminanten Schlachtsequenz US-Kanonenrohre verbiegt und Hubschrauber demoliert. Die Wut darüber, das Fremde im Eigenen anerkennen zu müssen - hier gerinnt sie zu Bildern, die - mit realen Kriegsaufnahmen verschnitten - seltsame MTV-Videos zeitigen könnten, wo - wie einst bei 9/11 und U2 - die Bildebenen einander infizieren. Der Soundtrack dazu käme zweifellos von den US-Rockern Metallica. Auch ihr Album St. Anger beschwört den Zorn der Verunsicherten.

Zunächst wird im ersten Song Frantic ein "Strom der Angst" beschrieben, an dessen Produktion man selbst mitgewirkt hat. Dann im Titelsong: And I want my anger to be healthy / And I want my anger just for me / And I need my anger not to control / And I want my anger to be me / And I need to set my anger free / Set it free. Und dann: Some kind of monster, immer wieder die Frage: We are the people - are we the people? Oder lauert nicht in jedem ein Ungeheuer, das, einen Song später, über die Welt von einem Thron aus Gericht halten will?

Zeitlose Fantasien?

Klar, solche Fantasien haben im Metallica-Universum auch ohne Irakkrieg und 9/11 Platz - so wie auch Hulk bewährte Superheldenmotive variiert oder wie Adam Sandler und Jim Carrey seit jeher dem US-Alltag mit einer höchst erfolgreichen Grundwut und entgleisenden Gesichtszügen begegneten. Dennoch ist es einmal mehr auffällig: Wer die Hautoberflächen des Pop studiert, enthält im Prinzip dieselben Informationen wie in der Hintergrundberichterstattung der News- & Talk-Formate.

In diesem Zusammenhang könnte die ultimative Pointe wieder einmal aus dem Herzen der Blockbuster-Industrie kommen. Nicht nur, dass der Herr der Ringe in diesem Winter auf einem "Schicksalsberg" entschieden werden wird, wo sich einige Protagonisten ihren Aggressionen stellen: Auch George Lucas' Star Wars-Serie kommt - erst 2005 - an einem symptomatischen Punkt zu einem vorläufigen Ende: Der letzte Film ist jene Episode, in der eine Lichtgestalt, der hoffnungsvolle Jediritter Anakin Skywalker, zum personifizierten Hass - Darth Vader - mutiert. Welcome to the dark force! (DER STANDARD, Printausgabe vom 14.7.2003)

Von Claus Philipp
  • Die Wut lässt ihn schier platzen, und die (Stretch?-)Hose wächst mit ihm mit: Ang Lees "Hulk" nimmt das kulturindustrielle Missvergnügen an panischen Zeiten unmissverständlich ins Fadenkreuz
    foto: upi

    Die Wut lässt ihn schier platzen, und die (Stretch?-)Hose wächst mit ihm mit: Ang Lees "Hulk" nimmt das kulturindustrielle Missvergnügen an panischen Zeiten unmissverständlich ins Fadenkreuz

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