Innerösterreich als "Experimentierfeld" für die Rekatholisierung

1. Februar 2013, 12:14
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Forscherin Elisabeth Zingerle arbeitet Nuntiatur des Girolamo Portia auf

Graz - An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert wurde in der damals innerösterreichischen Hauptstadt Graz eine Nuntiatur eingerichtet. Neben jener am Wiener Kaiserhof war sie die einzige ständige Vertretung des Papstes in den habsburgischen Erbländern. Rund 400 Jahre später ist ihr Schriftverkehr noch immer eine wichtige Quelle zur Erschließung der konfessionellen Gegebenheiten in der zentralen Phase der innerösterreichischen Gegenreformation. Die Schriften geben aber auch umfangreiche Informationen darüber hinaus - das zeigt der jüngste von Elisabeth Zingerle im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) herausgegebene Band zur Edition "Grazer Nuntiatur".

Bedrohungen Innerösterreichs

Durch die Teilung der habsburgischen Erbländer entstand 1564 Innerösterreich mit der landesfürstlichen Residenzstadt Graz. Von außen wurde das multiethnische Länderkonglomerat - bestehend aus der Steiermark, Kärnten, Krain, Görz und Gradiska, Triest, Teile Istriens sowie Habsburgisch-Friaul - durch die Türken bedroht. Im Inneren gefährdete die sich immer weiter ausbreitende Reformation den politischen und konfessionellen Zusammenhalt des Landes. Zur Unterstützung des katholischen Landesfürsten Erzherzog Karl hat Papst Gregor XIII. 1580 in Graz eine ständige Nuntiatur errichtet, die dort 42 Jahre lang - bis 1622 - bestand.

Im Laufe der Jahre waren dort sechs Nuntien tätig, die wöchentlich ihre Berichte in italienischer oder lateinischer Sprache an die Römische Kurie sandten und im Gegenzug schriftliche Weisungen erhielten. Dabei wurde "nicht nur über die konfessionelle Situation in Innerösterreich, sondern allgemein über die politische Situation und darüber hinaus" berichtet. Dies betonte Historikerin Elisabeth Zingerle Donnerstagabend bei der Präsentation des jüngsten - mittlerweile fünften - Bandes der Volltextedition zur "Grazer Nuntiatur". Zingerle hat ihre Forschungen zum Großteil im Archivo Segreto Vaticano, dem vatikanischen Geheimarchiv, aber auch der Nationalbibliothek von Florenz und anderen überregionalen und regionalen Archiven durchgeführt.

Neue Einblicke in die damalige Zeit

Die von ihr nun sorgsam edierten Berichte, Weisungen, ergänzende Schriftstücke bis hin zu privaten Briefen bieten neue Einblicke in kirchliche, politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Fragen der Zeit - "und das in einem sowohl thematisch als auch räumlich weiten Spektrum", schilderte Zingerle. Die aus Südtirol stammende Expertin hat sich im vergangenen Jahrzehnt intensiv mit vier Jahren der Amtszeit von Nuntius Girolamo Portia (geb. um 1559) beschäftigt.

Der aus friulanischem Adel stammende päpstliche Diplomat Portia kam 1592 nach Graz: "Papst Clemens VIII. fürchtete den Einfluss des vorwiegend protestantisch dominierten Umfelds Erzherzog Ferdinands am Grazer Hof, so dass Portia den Auftrag erhielt, dem entgegenzuwirken und den jungen Fürsten vor allem in seinen Rekatholisierungsabsichten zu stärken", so Zingerle. In seiner für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich langen Amtszeit bis 1607 war Portia damit just "in der heißen Phase der Rekatholisierung Innerösterreichs" vor Ort, so die Historikerin.

Innerösterreich als "Experimentierfeld" für die Rekatholisierung

Die Korrespondenz der Jahre 1599 bis 1602 im vorliegenden - knapp 900 Seiten umfassenden - fünften Band der Edition gibt detailreich Auskunft zu Fragen der Rekatholisierung und inneren kirchlichen Reform Innerösterreichs. Dabei erweist sich Innerösterreich quasi als "Experimentierfeld", auf dem der junge, seit 1595 regierende Erzherzog und spätere Kaiser Ferdinand II. mit Unterstützung der Kurie und der internationalen Reform-Orden die Rekatholisierung durchzog.

"Erstaunlicherweise dominieren in seiner Berichterstattung dieser Zeit aber die für Innerösterreich immer wiederkehrenden Bedrohungen durch osmanische Truppen und Probleme der Finanzierung der Grenzsicherung", so Zingerle. Weiters spielen die an der Küste Istriens und im Kvarner lebenden Uskoken, deren Verhalten gegenüber Venedig einen militärischen Konflikt auszulösen drohten, eine wesentliche Rolle. Aber auch zum privaten Alltag als Nuntius, seine finanzielle Situation und das Postwesen wird der Leser unterrichtet.

Die rund 80-seitige Einleitung führt in die großen Themen ein und erläutert die Editionsprinzipien eingehend. Die Texte werden im vollständigen Wortlaut wiedergegeben, wodurch der Benützer die Quellen auf seine spezifischen Forschungsinteressen hin durchforsten kann. Hilfreich ist das differenzierte und ausführliche Register, das Personen, Orte und Sachbegriffe nachweist. (APA, 1.2.2013)


Publikation
Elisabeth Zingerle "Nuntiatur des Girolamo Portia 1599 - 1602".
Bd. 5 der Nuntiaturberichte, Sonderreihe "Grazer Nuntiatur".
884 Seiten, 199 Euro.
ISBN 978-3700171461

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