Frauenhass nach den "Regeln der Höflichkeit"

27. Jänner 2013, 18:00
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Provider in Panama, Server in der Türkei: Seiten wie WGvdL.com können Rassismus und Misogynie konsequenzenlos verbreiten

Sie schwärmen für Paul Julius Möbius' antisemitisches und sexistisches Machwerk "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" aus dem Jahr 1900 und bezeichnen Lesben und Schwule nach sozialdarwinistischer Manier als eigene "Spezies". Eines der bekanntesten und beliebtesten rhetorischen Muster der AntifeministInnen in dem Internetportal "Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land" (WGvdL.com) ist die Bezeichnung von Feministinnen als "Femnazis".

Auf der im deutschen Sprachraum zu den bekanntesten antifeministischen Seiten zählenden WGvdl.com bezeichnen PosterInnen all jene als FeindInnen, die nicht ihre Haltung oder Meinung vertreten. Einmal als solcheR benannt, werden persönliche Daten dieser Personen ergoogelt, Fotos hochgeladen und mit unschönen Kommentaren und Drohungen versehen. Es ist eine Strategie der Einschüchterung, und sie wird von engagierten PosterInnen fortgesetzt, die Listen ihrer FeindInnen - "Lila Pudel" (feministische Männer) oder "Journalien" (feministische Journalistinnen) - veröffentlichen und regelmäßig aktualisieren.

"Die Regeln der Höflichkeit"

Dem Internetportal WGvdL.com kann also einiges vorgeworfen werden: Verharmlosung des Nationalsozialismus, Urheberrechtsverletzungen, Drohungen, Rassismus, gepaart mit Chauvinismus und Sexismus. Vergleichsweise höflich liest sich dagegen das Impressum von WGvdL.com: "Sollte ihrer Meinung nach etwas auf dieser Webseite gegen die Regeln der Höflichkeit verstoßen, so bitte ich um Mitteilung. Zu Recht beanstandete Teile werden kurzfristig entfernt bzw. den Regeln der Höflichkeit angepasst."

In der Praxis kann diese höfliche Aufforderung nur als Scherz gewertet werden. Selbst juristische Bemühungen, die Betreiber von WGvdL.com auf Drohungen, Urheberrechtsverletzungen oder Beleidigungen hinzuweisen, scheitern, zumal für diese "Hate-Speech"-Seite keine verantwortliche Ansprechperson in Erscheinung tritt.

WGvdL.com und andere extremistische Internetseiten wie etwa kreuz.net greifen auf das Service internationaler Provider zurück, die darauf spezialisiert sind, illegale und strafbare Inhalte zu hosten. Dahinter stecken über die ganze Welt verbreitete Firmenkonstrukte, die aufgrund der unterschiedlichen nationalen Gesetze die juristische Belangbarkeit und Auslegung ebenso erschweren. Es ist eine Art Paralleluniversum, für Außenstehende kaum zugänglich. Dort agiert man abgeriegelt und abgeschirmt - niemand haftet, niemand zeichnet verantwortlich oder gibt eine Stellungnahme ab.

Von der Türkei bis nach Somalia

Auch bei der Suche nach Ansprechpersonen oder Verantwortlichen für WGvdL.com stößt man auf ein über die ganze Welt verstreutes Konstrukt an Firmen. Der WGvdL.com-Hoster nennt sich "internetbs.net" und hat seinen Firmensitz in Panama, der Server wiederum befindet sich in der Türkei - dort, wo auch die Postanschrift von WGvdL.com registriert, aber niemand erreichbar ist. Inhaber des Servers wiederum ist "MediaOn.org karaboga Net Group Int.", ebenso mit Sitz in der Türkei, aber auch in Hongkong - eine weitere Firma von "MediaOn.org" befindet sich in Somalia. Zudem werden Firmennamen und -sitze regelmäßig geändert, ein weiterer Umstand, der die Nachvollziehbarkeit erschwert.

Andreas Kemper, AntifeministInnen-Forscher, verfolgt das Treiben dieser Szene schon lange. "Diese Leute sind professionell aufgestellt und bieten gezielt Webspace für Seitenbetreiber, die mit Strafverfolgung rechnen", sagt Kemper gegenüber dieStandard.at. In einem Forum über Internet-Hoster und Provider, einem sogenannten Web-Hosting-Talk, heißt es etwa, dass "MediaOn.org als zuverlässiger Host für Dreck aller Art bekannt ist". Auf eine Beschwerde einer Forum-Teilnehmerin über einen bei ihnen gehosteten Pornoanbieter antwortete ihr MediaOn.org: "You can host what you want, the sky is the Limit. You are welcome."

Es sind Firmenkonstrukte, die nach Einschätzung von Kemper schlicht einen Zweck erfüllen: juristisch nicht belangbar zu sein. Für den AntifeministInnen-Forscher ein unhaltbarer Zustand, zumal sich die Kultur auf WGvdL.com in den vergangenen Jahren noch verschlimmert habe: "Inzwischen herrscht dort rechtsextremer Konsens", urteilt Kemper. Ein Problem, das auch die Medienjuristin Maria Windhager kennt: Firmenkonstrukte dieser Art sieht sie als "Riesenproblem, weil die Urheber nicht ausfindig zu machen sind".

Plage versus Markt

Für von WGvdL.com ausgerufene "Feinde" ist das eine Plage. Für die Anbieter solcher Provider hingegen ein lukrativer Markt, der mit dem Argument der Sicherheit beworben wird. Der WGvdL.com-Provider etwa verspricht potenziellen KundInnen Anonymität: "Anonym in Deutschland? Die Abwicklung läuft über MediaOn.org karaboga Net Group Int. mit Sitz in der Türkei und Niederlassungen in den USA. Diese Firma kann Ihnen einen Schutz anbieten, den Sie bei keinem anderen Provider finden werden."

Schutz, den die PosterInnen auf WGvdL.com und die reale Person hinter "Rainer Luka" offenbar nötig haben. Lange stand hinter dem Pseudonym "Rainer Luka" Rainer Hamprecht. Beanstandungen oder "Verstöße gegen die Höflichkeit" konnten bei ihm deponiert werden. Seit dem Führungswechsel im Oktober 2012 ist jedoch unklar, wer hinter dem Pseudonym steckt. Klar ist, dass "Rainer Luka" viele Positionen bei WGvdl.com (und nicht nur dort) innehat: Er ist Herausgeber, Jugendschutz-, Menschen- und Frauenbeauftragter von WGvdL.com und inzwischen auch Herausgeber eines ähnlichen Portals mit dem Namen "WikiMANNia".

"Kopfgeld": Prämie für Informationen

Doch trotz ausländischer Server und der nicht eruierbaren Personen dahinter gibt es Möglichkeiten, einer solchen Plattform Paroli zu bieten. Beispielhaft erprobt wurde das im Fall von kreuz.net. Jahrelang sah sich die Schwulen- und Lesbenbewegung mit Angriffen, Hetze und Drohungen durch die Seite konfrontiert. Und jahrelang konnte für diese Hetze niemand ausfindig oder verantwortlich gemacht werden, zumal auch kreuz.net das Service eines solchen Providers nutzte.

Mit dem Ausschreiben eines "Kopfgeldes" von 15.000 Euro durch den deutschen Bruno Gmünder Verlag und die Initiative "Stoppt kreuz.net" wendete sich das Blatt: InsiderInnen von kreuz.net teilten Informationen über mögliche Hintermänner mit. Ende 2012 musste kreuz.net schließlich wegen Volksverhetzung offline gehen. Für Medienjuristin Windhager ist das Aussetzen eines Kopfgeldes ein "Zeichen von Hilflosigkeit. Sie entsteht, wenn eine normale Strafanzeige wenig erfolgreich ist. Offenbar ist es aber wirksam, Geld auszuschreiben, um die wahren Hintermänner oder Hinterfrauen ausfindig zu machen." Geld für Informationen über die BetreiberInnen von WGvdL.com hat bisher aber noch niemand ausgeschrieben. (red, dieStandard.at, 27.1.2013)

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