Mit Boutiquen-Taschen in die Unterwelt

18. Jänner 2013, 17:50
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Mit der "Erstaufführung der Theaterfassung" von "Schatten (Eurydike sagt)" hat sich Matthias Hartmann als allzu beflissener Regisseur eines Elfriede-Jelinek-Textes erwiesen

Im Akademietheater dominiert der gute Wille.

Wien - Es ist kein Leichtes, einen Weg in Elfriede Jelineks Unterwelt zu finden. In Schatten (Eurydike sagt) spricht die Nobelpreisträgerin von einem Tod auf Raten. Es ist die Nymphe Eurydike, die spricht. Ein todbringender Schlangenbiss hat sie in den Hades versetzt. Obwohl mausetot, fließt unaufhörlich die Rede aus ihr. In Jelinek-Land, einem Aufbewahrungsort für lebensmüde Frauen, halten die Mundwerkzeuge niemals still.

Es spricht aber auch die Dichterin selbst. Auf der Bühne des Wiener Akademietheaters fließt ihr das Haar honiggelb vom Haupt herunter. Die Jelinek ist eine Puppe, vorn an der Rampe geführt und synchronisiert von Nikolaus Habjan.

Zu der "Erstaufführung der Theaterfassung" von Schatten, einem Auftragswerk der Essener Philharmonie, hat Regisseur Matthias Hartmann die Autorin selbst hinzugebeten. Hartmann ist Jelinek-Anfänger. Da zeugt es nur von Höflichkeit, die Dame einzuladen. Sie sagt, aus dem Munde Habjans: "Aus meinem Rohr tritt Flüssigkeit aus, es fließt auf ein weißes Blatt Papier, ich rinne aus."

Bevor Jelineks Text auch wirklich ausgeronnen ist, reguliert Hartmann noch rasch die Fließstärke. Es gibt nichts, was man seiner arg bemühten, brav gedachten und keck bebilderten Inszenierung ernstlich zum Vorwurf machen könnte. Sie verhält sich zu den großen Jelinek-Unternehmungen von Einar Schleef, Jossi Wieler oder Nicolas Stemann - to name a few - wie ein schnittiger Sportwagennachbau. Sie ist erschreckend harmlos.

Barbies der Nacht

Dabei hat Johannes Schütz ein wunderbar verrätseltes Labyrinth in den Hades hineingebaut: eine Zimmerflucht ganz ohne Wände, nur aus Schnittlinien und Kanten bestehend. Hier hausen, hocken und bereden sich sieben Eurydikes, lauter Gaze-verschleierte Schönheiten mit Barbie-Frisur.

Der Popanz dieser Versuchsanordnung agiert textgemäß im Hintergrund. Orpheus (Lucas Gregorowicz) bewohnt als Balladensänger eine riesige Freitreppe, die er mikrofonnuschelnd wie Elvis bei seinem großen 1968er-Comeback auf- und niederschreitet.

Jelineks herrliche Textflut wird in Fingerhüte umgegossen. Reihum sprechen die Damen. Die eine (Sabine Haupt) malt sich die todbringende Schlange auf den Oberschenkel. Eine andere (Katharina Lorenz) sammelt Boutiquensäcke. Eine Dame mit Sigmund-Freud-Bart (wieder Haupt) knallt mit dem Vorschlaghammer auf einen Fernseher. Alle sieben Nymphen haben gut zu tun. Sie bewirken wenig.

Es bedarf der zündenden Christiane von Poelnitz, Hartmanns Inszenierung minutenlang unter Strom zu setzen. Aus ihrer Suada fließt der Geifer. Aus ihrem Mund sprüht der Hass auf eine Welt, in der die Männer die Begehrenden sind, die Frauen die Lustobjekte.

Schatten (Eurydike sagt) hätte das Zeug zur radikalen Selbstabrechnung gehabt: ein letztes Lebewohl, von einer reifen Dichterin mit aller Inbrunst gegen sich selbst ins Werk gesetzt. So wurden 90 Minuten Aufsagetheater höflich anerkennend beklatscht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 19./20.1.2013) 

20., 25.1.

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    Christiane von Poelnitz (li.) als funkensprühende Eurydike im Akademietheater. Hinter ihr macht Orpheus (Lucas Gregorowicz) Groupies glücklich.

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