Reportage: Wenn Gewissheit schmerzt

20. Juli 2003, 15:30
1 Posting

Der Rote Halbmond sucht in Bagdad nach den Vermissten des Krieges

BAGDAD – Oft ist es schwer, die richtigen Worte zu finden. Manchmal ist es unmöglich. Ali Ismael Ahmed weiß das nur zu gut. Was kann er einem Vater sagen, der seinen vemissten Sohn sucht. Alles, was von dem Jungen übrig ist, den der Mann 13 Jahre lang groß gezogen hat, besteht aus verbranntem Fleisch und verkohlten Knochen.

Keine Worte

Ali Ismael Ahmed ist stark. Er ist einer, der Mut gibt, wenn andere fürchten. Das hat er im Krieg bewiesen. Aber es gibt Dinge, die auch er kaum ertragen kann. Den Schmerz in den Augen von Eltern, die ihr Kind verloren haben. Einen Schmerz, für den es keine Worte gibt. Eine Trauer, die der 43-Jährige hilflos gegenüber steht. Im Suchdienst des Irakischen Roten Halbmonds zu arbeiten ist eine schwere Bürde.

"Alles was ich geben kann, ist die Gewissheit über das Schicksal eines Angehörigen. Eine Nachricht, die so unfassbar ist. Aber sie beendet eine quälende Ungewissheit", erklärt Ahmed. Dann schweigt er. Nur der Ventilator durchbricht die Stille, schaufelt müde Luft.

Angst

Gewissheit: Danach sehnt sich eine junge Frau seit über zwei Monaten. Die Sonne brennt vom Himmel während sie mit versteinertem Gesicht in der trockenen Erde am Straßenrand gräbt. Jemand hat ihr gesagt, dass dort Kriegsopfer verscharrt wurden. Jetzt hofft und fürchtet sie die Überreste ihre Bruders zu finden. Milimeter dicker Staub bedeckt ihr schwarzes Kopftuch und ihr Gesicht. Der Schweiss wäscht sich seine Spuren über Stirn und Wangen hinab.

Viele werden in der sechs Millionen Metropole noch vermisst. Manchmal markieren ein einfacher Stock, eine rostige Stange oder aufgeschichtete Steine ein hastig errichtetes Grab. So wie an einem Heldendenkmal im Stadtzentrum. Ein Dutzend "Revolutionsheroen" blicken in die grelle Sonne. Uniformierte Metallkolosse stehen in Reih und Glied. Fast so, als wären sie die letzte Wache für den hastig verscharrten Toten zu ihren Füssen.

Tod ohne Bomben

Auf Bagdad fallen keine Bomben mehr, doch der Tod fährt noch immer eine reiche Ernte ein. Organisierte Banden liefern sich Schiessereien, fast täglich gibt es Gefechte zwischen irakischen Kämpfern und den Besatzungstruppen.

Das Leichenhaus des Gesundheitsministeriums ist ein schlichtes Gebäude. Büsche sorgen für reichlich Grün am Eingang. Die Fassade ist in einem warmen Gelb gehalten. Alles wirkt ruhig und friedlich.

Der erste Eindruck ist eine grausame Lüge. Nahe dem Eingang lehnt ein grob gezimmerter Sarg an der Wand. Fliegen kleben auf einer Blutlache, die langsam auf dem Holz eintrocknet. Täglich werden hier 20 bis 30 Tote zum Kühlhaus gebracht. Opfer der Schießereien der Nacht zuvor.

Idendität unbekannt

Im Gebäude rauben die weiss gekachelte Hoffnungslosigkeit und der Gestank des Todes den Atmen, bis sich die Augen an das Dämmerlicht des Ganges gewöhnt haben. Neue Aufgaben warten auf Suchdienst-Mitarbeiter wie Ahmed in der bitteren Klimaanlagen-Kälte: Von einigen der Toten ist die Identität unbekannt.

"Der Krieg ist vorbei. Aber jeden Tag gibt es neue Fälle, denen wir nachgehen müssen", seufzt der 43-Jährige. Und jeder einzelne Fall steht für ein trauriges Schicksal. So wie der "Fall" des 13-Jährigen Ali. Ali reiste in einem der zerbeulten und rostigen Mini-Busse, die man überall im Land über die Straßen holpern sieht.

Keine Chance

Der Junge hatte keine Chance, seinem Schicksal zu entkommen. Als der Mini-Bus aufegtankt wurde, entflammte eine Schießerei zwischen zwei rivalisierenden Gangs. Der Schusswechsel endete in einem Feuerball. Im Bruchteil einer Sekunde explodierte die ganze Tankstelle. Das Feuer brannte bis in den nächsten Tag hinein, niemand konnte es löschen. Ein unkenntlich verbannter Körper ist alles, was von Ali übrig ist. So unkenntlich, dass ihn eine Familie irrtümlich als ihren Sohn identifizierte und ins hunderte Kilometer entfernte Mosul brachte. Unterdessen suchte der wahre Vater verzweifelt nach dem Leichnam seines Sohnes, um ihm wenigstens ein würdiges Begräbnis zu geben.

"Es erwies sich als schwierig, die Familie zu finden, die Ali mitgenommen hatte. Um so schwerer war es, sie zu überzeugen, den Leichnam freizugeben. Ich werde nie all den Schmerz und die Tränen vergessen", erklärt Ahmed.

Die nächste traurige Aufgabe wartet auf ihn. Noch immer gibt es ungeöffnete irakische Soldaten-Gräber nahe der Paläste oder anderer einst umkämpfter Einrichtungen. Bald werden mehr Familien eine traurige Gewissheit erhalten.

Der Schatten des "alten Kriegs"

Unterdessen reicht der Schatten eines "alten Kriegs" bis zum Roten Halbmond in Bagdad. Durch Zufall fanden Pasanten in einem geplünderten staatlichen Lagerhaus Asche und Knochen von Gefallenen des Iran/Irak-Krieges der 1980er Jahre. Ihre Überreste steckten in mit Namen versehenen Umschlägen. Die Behörden hatten die Angehörigen nie informiert. "Jemand drückte mir eine Plastiktüte mit dem Schicksal von 15 Menschen in die Hand. Die Ueberreste wogen weniger als ein Kilogramm. Aber die Tüte zu tragen, forderte all meine Kraft", sagt Ali Ismael Ahmed leise.

Text und Fotos: Till Mayer

Der Autor arbeitet in Bagdad als Informations- Delegierter der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond- gesellschaften.

Spenden
Über das Rote Kreuz

Online
PSK 2.345.000
Kennwort: Irakkrise

  • Ein hastig errichtetes Grab am Straßenrand in Bagdad. Im Hintergrund stehen Helden vergangener Tage wie Totenwachen in Reih und Glied.
    foto: till mayer

    Ein hastig errichtetes Grab am Straßenrand in Bagdad. Im Hintergrund stehen Helden vergangener Tage wie Totenwachen in Reih und Glied.

  • Eine junge Fau hält ein Formular des Suchdiensts in ihrer Hand.
    foto: till mayer

    Eine junge Fau hält ein Formular des Suchdiensts in ihrer Hand.

  • Banner des Roten Halbmonds bitten um Hinweise auf Vermisste.
    foto: till mayer

    Banner des Roten Halbmonds bitten um Hinweise auf Vermisste.

  • Ali Ismael Ahmed vom Roten Halbmond hält eine Plastiktüte mit den Überresten von 20 Opfern des Iran/Irak-Konflikts in seinen Händen.
    foto: till mayer

    Ali Ismael Ahmed vom Roten Halbmond hält eine Plastiktüte mit den Überresten von 20 Opfern des Iran/Irak-Konflikts in seinen Händen.

Share if you care.