Als die Sprachförderung für Migranten kein Thema war

Leserkommentar9. Jänner 2013, 16:33
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Flexibilität und Engagement der handelnden Personen sind wichtiger als Vorgaben des Ministeriums

Ich finde die Diskussion über die sprachlichen Fähigkeiten von in Österreich lebenden Kindern schon seit Jahren absolut unverständlich. Im Jahr 1992 bin ich wie viele andere Kinder mit den Eltern aus Bosnien-Herzegowina vor dem Krieg nach Österreich geflüchtet. Mit zwölf Jahren und ohne auch nur ein Wort Deutsch sprechen oder verstehen zu können kam ich direkt ins Gymnasium (Wien 22, Bernoullistraße).

Engagierte LehrerInnen

Während der ersten Monate haben sich mehrere LehrerInnen - die wenigsten von ihnen haben übrigens Deutsch unterrichtet - in ihren Freistunden mit uns Flüchtlingskindern und auch Austauschschülern aus den USA zusammengesetzt, um uns die Grammatik und Rechtschreibung beizubringen. Es gab kein vom Unterrichtsministerium genehmigtes pädagogisches Konzept, keine Vorgaben des Direktors, sie haben ja nicht einmal einheitliche Unterlagen verwendet, wenn sie überhaupt welche zur Hilfe nahmen.

Sie haben sich einfach mit uns hingesetzt und uns erklärt, wovon sie glaubten, dass es uns helfen könnte. Und es verlief so gut, dass alle von uns bereits im ersten Halbjahr in sämtlichen Fächern benotet werden konnten. Mein erstes Schuljahr in Österreich konnte ich sogar mit einem Zweier in Deutsch beenden und wurde in weiterer Folge ein diesbezüglicher Musterschüler.

Gleichwertige Behandlung ist wichtig

Das Ganze ist einzig auf die Tatsache zurückzuführen, dass wir am Beginn unterstützt und ansonsten gleichwertig behandelt worden sind. Als Mensch hat man immer den Ansporn, sich den jeweiligen Lebensumständen anzupassen, vorausgesetzt, man bekommt nicht von vornherein das Gefühl, nicht willkommen zu sein. So wollte auch jeder von uns so bald wie möglich dem Unterricht folgen beziehungsweise sich mit den Mitschülern austauschen. Und siehe da, ein Wunder: Es funktionierte! Das Beste daran: Dies war nicht nur an der Bernoullistraße der Fall, sondern auch an unzähligen anderen Schulen im ganzen Land.

Systematische Benachteiligung

Im Schuljahr 1992/93 beziehungsweise in den Jahren davor und auch danach sind mehrere zigtausend Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien in den unterschiedlichsten Schulstufen in Österreich ohne Probleme aufgenommen worden. Keines dieser Kinder hatte Deutschkenntnisse. Diese Kinder sind heute Erwachsene in den unterschiedlichsten Berufen, und ein großer Prozentsatz von ihnen hat einen Abschluss einer höheren Schule oder gar einen Uni-Abschluss.

Das Bedauerliche ist, dass unter anderem aus den Kindern dieser Menschen heute so ein Problem gemacht wird, obwohl diese seit der Geburt hier aufwachsen, den Kindergarten besuchen und untereinander beinahe ausschließlich Deutsch sprechen. Zu behaupten, dies alles geschehe zum Wohle der Kleinen, ist eine Frechheit. Es geht einzig und allein darum, Kinder mit Migrationshintergrund systematisch zu benachteiligen. (Kemal Smajic, Leserkommentar, derStandard.at, 9.1.2013)

Kemal Smajic (32) wurde in Bosnien und Herzegowina geboren und ist nun Senior-IT-Projektmanager bei der Österreichischen Post AG. Zudem ist er Mitbegründer und Präsident von "FUTUREBAG - Eine Tasche für die Zukunft", einem Verein zur Förderung bedürftiger Kinder in Bosnien-Herzegowina.

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