Rundschau: Die verfluchte Ausgabe

    Ansichtssache2. März 2013, 10:13
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    Romane unter anderem von Dietmar Dath, Richard Morgan und Brian Evenson, dazu ein Ausblick auf das Phantastik-Jahr 2013

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    coverfoto: golkonda

    Thomas Ziegler: "Sardor. Der Flieger des Kaisers"

    Klappenbroschur, 184 Seiten, € 15,40, Golkonda 2013 (erstmals erschienen 1984)

    Vor neun Jahren starb der deutsche Autor Rainer Zubeil alias Thomas Ziegler mit gerade einmal 47. Anfang der 80er, als seine Karriere in der Phantastik durchstartete, galt er nicht nur als große Innovationshoffnung für die "Perry Rhodan"-Serie. Er arbeitete auch als Übersetzer und schaffte es, die unvergleichliche SF-Poesie von Cordwainer Smith zu weiten Teilen ins Deutsche herüberzuretten - wahrlich keine leichte Aufgabe.

    Irgendwo zwischen diesen Polen lag die 1984 begonnene Fantasy-Trilogie "Sardor", mit der der Verlag Golkonda nun seine Reihe von Ziegler-Reissues gestartet hat. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem etwa gleich alten "Sador, Herrscher im Weltraum": Einem Film im Fahrwasser von "Star Wars", der vor allem deshalb denkwürdig ist, weil das Luke-Skywalker-Pendant darin ausgerechnet von Richard Thomas (also John-Boy Walton!) verkörpert wurde.

    Der tollkühne Mann in seiner fliegenden Kiste

    Zieglers "Sardor" steht ganz in einer Tradition, die mit Edgar Rice Burroughs begann und später unter anderem von Alan Burt Akers und - in vielfacher Weise - Philip José Farmer erfolgreich fortgesetzt wurde. Grundszenario: Nehmen wir einen durchsetzungsfähigen jungen Mann, befördern ihn mittels rätselhaftem Effekt aus seiner vertrauten Umgebung durch die Weiten von Raum und/oder Zeit und werfen ihn in ein extrem exotisches Ambiente, in dem er sich dann bewähren muss. Und wird.

    Bei Ziegler heißt der Held in spe Leutnant Dietrich von Warnstein, ein Kampfflieger aus dem Geschwader des Roten Barons. Der knattert mit seinem Doppeldecker im Jahr 1917 in einen Gewittersturm und findet sich anschließend im Kirschlicht (das Wort werden wir im Roman noch gut kennenlernen) einer Roten Riesensonne wieder. Diese Herkunft gilt es zu beachten, denn Ziegler schreibt seinem Protagonisten die adäquate Sprache auf den Leib. Und das ist eben die eines - in Warnsteins eigenen Worten - anständigen deutschen Christenmenschen, der für Gott, Kaiser und Vaterland treu seine Pflicht erfüllt hatte. Anders ausgedrückt: Die eines chauvinistischen, zur Borniertheit erzogenen Gecken, der vorerst nur zaghafte Ansätze von Selbstreflexion zeigt.

    Faktor Sprache

    Ziegler legte auf Stil seinerzeit mindestens ebenso viel Wert, wie es heute ein Tobias O. Meißner tut; dazu gehört auch ein gewisser Mut zum Risiko. Die Sprache ist pathosgeladen bis zum Tolldreisten und auf altertümelnde Weise ausdrucksstark. Passend also zum Zeitgeist der Welt, die Dietrich hervorgebracht hat. Ein eingestreutes Zitat von Hermann Hesse fügt sich da stilistisch nahtlos ein. Und damit das Ganze auch modernen LeserInnen kein Bauchweh bereitet, darf sich Dietrich des Öfteren bis in die Selbstkarikatur hineinschwadronieren: Was kann ein tumber Heide schon dem gewitzten Geist des weißen Mannes entgegensetzen, von zwei Jahrtausenden abendländischer Kultur geschärft?

    ... Letzteres umso witziger, weil unser Held hier auf Mächte trifft, die eher in Jahrmillionen denken und die abendländische Kultur bestenfalls als Eintagsfliege betrachtet hätten. Die Welt, in der Dietrich landet, weist übrigens einige verblüffende Parallelen zu der von Richard Morgan in "Das kalte Schwert" auf. Wieder könnte es die Erde in einer fernen, barbarischen Zukunft sein, wieder umgibt ein Ring die Welt, wieder bekriegen sich auf dem Rücken der Menschheit kosmische Mächte. Hier heißen sie Eisenmänner, Gehörnte und Nachtmahre und erinnern in all ihrer Pulpigkeit noch viel mehr an H. P. Lovecraft, als es die Geschöpfe Morgans getan haben.

    Grelle Optik in Schwarz und Rot

    Dietrichs neue Welt, die ihn als wiederauferstandenen Erlöser Sardor empfängt, wirkt, als hätte man Conans Hyboria mit "Tron" gekreuzt: Gläsernes neonoranges Gras, Wälder aus Riesenpilzen und Tiere aus glühendem Metall gibt es hier - und Ziegler feuert auf alle Sinnesorgane. So liest sich die Beschreibung eines geringeren Ablegers der Eisenmänner: Formlos und fließend war das Antlitz des Riesen, der sich mit dröhnenden Schritten und knirschenden Metallgelenken aus der Öffnung schob. Der Mund ein wabernder Spalt im halbgeschmolzenen Eisen, die Nase ein Erker von der Größe eines menschlichen Rumpfes, kühler und dunkler als die dampfende Haut, die Augen zwei Gruben, in denen Metall kochte.

    Wenn alles schließlich in einer gewaltigen Schlacht kulminiert, an der unter anderem Dietrich in seinem Doppeldecker, dämonisch animierte Ritterrüstungen, ein Amazonenheer und ein Reiter auf einem sechsbeinigen Nashorn teilnehmen - spätestens dann wird klar: "Sardor" ist extrem videospielkompatibel. Vielleicht wird es nach der Wiederveröffentlichung ja noch als Vorlage aufgegriffen.

    Die weiteren Bände der "Sardor"-Reihe sollen im Juni bzw. September erscheinen. Zu tun gibt es für Dietrich schließlich noch genug: Hol's der Teufel, dachte er, es gibt kein Land im ganzen Universum, das ein deutscher Offizier nicht bezwingen kann! Und wenn die ganze Welt voll Teufel wär' ... Na wenn schon, dann auf sie mit Gebrüll!

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