Rundschau: Die verfluchte Ausgabe

    Ansichtssache2. März 2013, 10:13
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    Romane unter anderem von Dietmar Dath, Richard Morgan und Brian Evenson, dazu ein Ausblick auf das Phantastik-Jahr 2013

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    coverfoto: wurdack

    Peter Dehmel (Hrsg.): "Die Erde und die Außerirdischen. Polnische Science Fiction"

    Broschiert, 144 Seiten, € 10,30, Wurdack 2012

    Wie ein Gruß aus einem anderen Zeitalter wirkt es, was mir da auf den Tisch geflattert ist. Vor gut 30 Jahren, als der SF-Boom auf dem Buchmarkt noch endlos anzuhalten schien, trauten sich die Verlage auch über Nischenprodukte drüber - zum Beispiel Länder-Anthologien. Goldmann etwa gab unter anderem Bände mit SF-Kurzgeschichten aus Japan oder Australien oder Rumänien heraus. Ein Band zu Polen war auch angekündigt; ob der es jemals in Druck geschafft hat, weiß ich allerdings nicht. Das hier hätte er aber werden können: "Die Erde und die Außerirdischen" umfasst acht polnische Erzählungen aus den Jahren 1967 bis '81, ein kleines Schmuckstückchen für alle, die an der Geschichte des SF-Genres interessiert sind.

    Jetzt alle mal daheim im Regal nachschauen, was da so an polnischer Phantastik herumsteht: Mit Sicherheit was von Übervater Stanisław Lem, vielleicht auch der eine oder andere Roman von Adam Wiśniewski-Snerg und aus neuerer Zeit am wahrscheinlichsten was von Andrzej Sapkowski; da sind wir dann allerdings schon in der Fantasy. - Die sechs in dieser Wurdack-Anthologie versammelten Autoren waren Zeitgenossen von Lem und Wiśniewski-Snerg, wenn auch hierzulande weniger bekannt. Alle männlich, die meisten akademisch ausgebildet und mit Ausnahme eines Wirtschaftswissenschafters alle in einem naturwissenschaftlichen oder technischen Beruf arbeitend. Ganz klassisch also.

    Zu ebener Erd und im ersten Stock

    First-Contact-Szenarien sind der rote Faden der Anthologie, und die Begegnung mit Außerirdischen kann auf Mutter Erde stattfinden wie in Janusz A. Zajdels "Welcome on the Earth", wo ein Reporter ein UFO sichtet, oder auch draußen im Weltraum wie in Zbigniew Prostaks "Die Hand". Hier schildert der alte Funker Bert einem skeptischen Publikum die Geschichte seines Lebens, nämlich wie ihn Außerirdische vor einer Havarie im Mars-Orbit retteten - längst daran gewöhnt, dass ihm ohnehin niemand glaubt. Andrzej Czechowski dreht im anekdotischen "Die Wahrheit über den Elekter" den Spieß sogar um und lässt einen Erdenmann gewissermaßen als Alien auf einem Kolonialplaneten landen, auf dem inzwischen Roboter das Sagen haben. Hat einen sehr altmodischen Touch und entzückt mit Wörtern wie Autoinfor, Videotronie und - mein persönlicher Favorit - Superdenkotron.

    Zajdel ist mit drei Erzählungen vertreten, die beste davon ist "Wildschweine im Kartoffelfeld", in dem ein Expeditionsteam auf einem fremden Planeten feststellt, dass sie nicht die einzigen sind, die hier Forschungen betreiben. In "Die Götter kehren in den Himmel zurück" wiederum lässt Zajdel einen Jungen im alten Ägypten auf Außerirdische treffen. Und da wirkt sich das Risiko aus, wenn man bei einer Kurzgeschichte auf die Strategie "Pointe" setzt. RTL-Quizfrage: Wird sich der Pharao durch die Schilderung von den himmlischen Besuchern zum Bau a) einer Pyramide oder b) eines Riesenrads inspirieren lassen ...?

    Wie man mit der Kürze umgeht

    Eine Pointe ist aber zumindest eine Möglichkeit, eine Geschichte trotz Zeilenbeschränkung zu einem Abschluss zu bringen. Sowohl Zajdels "Welcome on the Earth" als auch Konrad Fiałkowskis "Der Gigantomat" (zwei Kosmonauten begeben sich zu einer Raumbasis, die nicht mehr auf Rufe reagiert) wirken unvollständig, eher wie Auszüge aus einem größeren Werk als wie abgeschlossene Geschichten. Die Kürze lässt den Erzählungen gerade genug Platz, um eine Grundidee rüberzubringen. Die weitere Ausstattung bleibt - was gar nicht schlecht sein muss - der Phantasie der LeserInnen überlassen. Prostak etwa nennt kursorisch die märchenhaft bunten, wenngleich für unsere Augen unheimlich fremden Ansichten ihrer Städte. Man vergleiche das mit den ausschweifenden Schilderungen Dietmar Daths in "Pulsarnacht", die letztlich dasselbe aussagen.

    Die beste Geschichte stammt vom Ökonomen Dariusz Filar, der bis vor kurzem noch Berater der polnischen Regierung war, in den 70ern aber eine Reihe von SF-Erzählungen veröffentlichte. Wie "Die Keule": Es ist der ewig junge BDO-Plot um ein kilometergroßes Objekt, das auf der Erde gelandet ist und nun mysteriös in der Gegend herumliegt und sich jedem Versuch, ihm sein Geheimnis zu entreißen, widersetzt. Das hat zeitlose Qualität.

    Bleibt noch Jacek Sawaszkiewicz mit "Die Schaufensterpuppe", in dem selbige vor einem atomaren Anschlag warnt. Die Geschichte ist auch interessant, weil sie sich in ihrer Konstruktion bei älterer Phantastik bedient. Der Erzähler gibt den Bericht eines Dritten wieder, gegen Ende folgen einige erklärende Zusatzinfos plus eine aufrüttelnde Direktverbindung in die unmittelbare Gegenwart: So hat man vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gerne erzählt.

    Kinder ihrer Zeit

    Wie gesagt: "Die Erde und die Außerirdischen" ist primär von historischem Interesse. Da fügt es sich ausgezeichnet, dass sämtliche Erzählungen klar erkennbare Kinder ihrer Zeit und ihres Orts sind. Der "Ort": Der damals noch sozialistische Teil Europas, und für die Science Fiction aus diesen Ländern war es typisch, dass Begegnungen mit Aliens in der Regel friedlich verliefen. Abwehrschlachten gegen außerirdische Invasoren und feindliche Imperien waren eher ein West-Ding, warum auch immer. (Natürlich gibt es dazu genügend theoretischen Überbau, von wegen "Jede hinreichend fortgeschrittene Zivilisation muss per se sozialistisch sein, also kann es zu keinen Konflikten mit der ebenfalls sozialistischen Menschheit der Zukunft kommen und bla", aber das führt jetzt zu weit.)

    Und die Zeit: Eindeutig die Ära, als besagter hinreichender Fortschritt offenbar noch allein mit dem dritten Bein vollziehbar schien. Weibliche Hauptfiguren sucht man vergeblich. Vielleicht habe ich was übersehen, aber die erste Frau, die mir hier bewusst aufgefallen ist, hat ihren Auftritt in der letzten Geschichte. Sie serviert ein Sandwich. Ja, so war's eben, damals in der Zukunft!

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