Rundschau: Die verfluchte Ausgabe

    Ansichtssache2. März 2013, 10:13
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    Romane unter anderem von Dietmar Dath, Richard Morgan und Brian Evenson, dazu ein Ausblick auf das Phantastik-Jahr 2013

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    coverfoto: heyne

    Dietmar Dath: "Pulsarnacht"

    Kartoniert, 432 Seiten, € 14,40, Heyne 2012

    Im Jahresrückblick 2012 hatte ich noch beklagt, dass mir ein neuer großer deutschsprachiger SF-Roman fehlt. Und zack! Kurz darauf war er da, prompt geliefert wie eine Calzone. Und tausendmal üppiger. "Pulsarnacht" teilt eine Eigenschaft mit herausragenden Genrewerken wie Ian McDonalds "Cyberabad" oder Hannu Rajaniemis "Quantum" - nämlich den Eindruck zu erwecken, dass auf jeder Seite mindestens doppelt so viel steht wie in einem durchschnittlichen Buch. Und das ist keine Frage des Layouts. Eine fordernde Lektüre, aber sowas von lohnend!

    Souveräner Grenzgänger

    Dietmar Daths Vita allein würde Seiten füllen, im weiten Land zwischen Popkultur und Gesellschaftspolitik scheint der Autor und Journalist ja so gut wie an jeder Ecke zuhause zu sein oder zumindest ein paar Gedanken beisteuern zu können. Nachdem im deutschsprachigen Raum die Berührungsängste zwischen Genreliteratur und ... allem anderen wesentlich größer sind als in der englischsprachigen Welt, ist solch souveränes Grenzgängertum besonders erfreulich. Dath gehört zu den wenigen AutorInnen, die es mit Genre-Plots auch in die Mainstreamliteraturkritik geschafft haben.

    Dass "Pulsarnacht" im Följetong ein geringeres Echo ausgelöst hat als vor ein paar Jahren "Die Abschaffung der Arten", dürfte nicht zuletzt dran liegen, dass Dath hier sein bislang eindeutigstes Genre-Werk vorlegt. Das beginnt mit dem für MainstreamleserInnen eher abschreckenden Mechanismus, dass wir vorwarnungslos in eine überaus exotische Welt hineingeworfen werden, und reicht bis zu einem Wording, das vor originellen Neologismen nur so strotzt: Marcha, twiSicht, Tlalok usw... - am Romanende gibt's dafür dankenswerterweise ein Glossar. "Pulsarnacht" ist SF pur.

    Das Setting

    Mit den Vereinten Linien (VL) führt uns Dath in eine an Iain Banks' "Kultur" erinnernde pangalaktische Zivilisation, die ebenfalls keine Erwerbswirtschaft mehr kennt, für die atemberaubende Hochtechnologie bis hin zu Dysonsphären der Alltag ist und die ihren BürgerInnen nahezu vollständige Verfügungsgewalt über ihre Körperlichkeit ermöglicht: Wiedergeburten, Wechsel des Geschlechts und Polysexualität sind die Norm. Nur der Vermehrung wurden Grenzen gesetzt. Die Linien - also Familien bzw. Häuser - sind eine Art Fortsetzung des Evolutionsprinzips auf gesellschaftlicher Ebene. Einige Themen, die Dath schon in "Die Abschaffung der Arten" verwendet hatte, kehren hier also noch einmal wieder.

    Noch ein paar Vergleiche: Mit China Miéville teilt Dath den sprachlichen Furor und den barocken Detailreichtum, mit Hannu Rajaniemi die Einbindung wissenschaftlicher Konzepte, die zu quasi-magischen praktischen Anwendungen geführt werden. "Pulsarnacht" steht auf einem wissenschaftlichen Fundament oder versteht es zumindest, geschickt diesen Eindruck zu erwecken. Die einem Sachbuchtext würdigen Satzgefügekonstruktionen tragen ihren Teil dazu bei ...

    Es treten auf: Planetengroße Weltraum-Lebewesen, deren Gedanken sich in Form kleiner Ideentierchen manifestieren. Ein Volk, dessen Angehörige allseits als "biologische Geräte" betrachtet werden, das sich aber für die wahre Menschheit hält. Oder Raumschiffe voller "eingefalteter virtueller Kilometer", wie es überhaupt vor ineinandergeschachtelten Räumen und Dimensionen nur so wimmelt. Atemberaubend auf die Spitze getrieben in der Beschreibung der total-urbanisierten diamantenen Welt Yasaka, neben der sich die "Star Wars"-Hauptstadt Coruscant wie eine provinzielle Plattenbausiedlung ausnimmt. Als Leser stolpert man wie betäubt zwischen all den unzähligen Aaah- und Oooh-Effekten herum; Dath sollte bezahlte Führungen in seine Welt anbieten.

    Der Kataklysmus

    Ein wichtiger Unterschied zu Banks' "Kultur", die ihren utopischen Endzustand erreicht hat, ist der Umstand, dass es in Daths VL sehr wohl noch gesellschaftspolitische Konfliktlinien gibt - ein Thema, das für den Autor stets zentral war. Das kommt in "Pulsarnacht" immer wieder an die Oberfläche, sei es in tendenziell essayistischen (aber keineswegs aufdringlichen oder langweiligen) Passagen, in denen gesellschaftliche Mechanismen reflektiert werden. Oder sei es im zentralen Konflikt zwischen den beiden Hauptfiguren, der auf Wiederholung und Konstanz setzenden VL-Präsidentin Shavali Castanon und dem für Veränderung stehenden Revolutionär César Dekarin. 

    Rund um die beiden und ein kleines Grüppchen anderer ProtagonistInnen setzt sich eine große Veränderung in Gang. Dabei stehen gesellschaftliche und persönliche Aspekte im Vordergrund, der im Klappentext verheißene kosmische Kataklysmus findet eher zwischen den Zeilen bzw. am Rande der Wahrnehmung statt. Zeitweise macht es den Eindruck, als würde Dath mit der prophezeiten Pulsarnacht - einem Ereignis, von dem alle wissen, dass es physikalisch unmöglich sein müsste - den größten MacGuffin der Geschichte abliefern (immerhin so groß wie das ganze Universum ...). Aber sie wird schon noch rechtfertigen, dass sie zu Titel-Ehren gekommen ist.

    Volle Punktezahl, außer fürs Catering

    Scharfsinnig gedacht und üppigst ausgestattet - was kann man von einem Roman mehr erwarten? Am Ende gibt's noch einen Twist, dessen eine Hälfte sich erahnen ließ, während die zweite als ziemliche Überraschung daherkommt. Und wer nach all dem Gesagten Angst hat, dass "Pulsarnacht" vielleicht gar zu theorielastig sein könnte: Keine Angst, der Roman hat auch Raumgefechte und jede Menge sonstiges Schießen, Hauen und Stechen zu bieten.

    Unwichtige kleine Anmerkung am Rande und gewissermaßen noch einmal auf die eingangs erwähnte Calzone zurückkommend: "Pulsarnacht" schwelgt so sehr in seiner Opulenz wie die diamantene Welt ... auf allen Ebenen bis auf eine. Das Essen. Immer wenn's um Kulinarisches geht, wird's vergleichsweise geradezu banal. Verblüffend, ein im ersten Romandrittel beschriebenes galaktisches Festmahl hat nicht viel mehr zu bieten als ein besseres Hotelbuffet von heute. Inmitten der alle Sinne überlastenden Vielfalt exotischer Einfälle in sämtlichen anderen Themenbereichen fällt das richtiggehend auf. Irgendwie beruhigend aber, dass auch Dietmar Daths Fantasie Grenzen zu haben scheint - zum Glück in einem Bereich ohne Bedeutung. "Pulsarnacht" jedenfalls ist meine persönliche Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis.

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