Rundschau: Die verfluchte Ausgabe

    Ansichtssache2. März 2013, 10:13
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    Romane unter anderem von Dietmar Dath, Richard Morgan und Brian Evenson, dazu ein Ausblick auf das Phantastik-Jahr 2013

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    coverfoto: bastei lübbe

    Andreas Eschbach: "Die Haarteppichknüpfer" und "Kelwitts Stern"

    Broschiert, 319 bzw. 413 Seiten, jeweils € 9,30, Bastei Lübbe 2012 (erstmals erschienen 1995 bzw. 1999)

    Noch ein letztes Mal zurück zu Richard Morgan: Der ließ "Das kalte Schwert" mit dem Ausbruch eines jungen Sklaven beginnen. Eine neue Hauptfigur schien etabliert zu werden ... nur um ein paar Kapitel später schnöde abgekragelt zu werden. Denselben Effekt setzte Andreas Eschbach in seinem mittlerweile mit Kultstatus versehenen Debütroman "Die Haarteppichknüpfer" ein, und das gleich mehrfach hintereinander. Der stets nach einer Identifikationsfigur lechzende Leser sieht sich in seinen Erwartungen wiederholt getäuscht: Immer wenn ein entsprechender Sympathieträger aufgebaut worden ist, verschwindet er noch am Ende desselben Kapitels wieder aus der Handlung. Und meistens auch aus dem Leben.

    Bei Morgan diente dies als eine Art Lehrstunde in Sachen Fantasy-Klischees. Ein Dämon kommentiert das unerwartete Ableben des Sklaven gegenüber Ringil so: "Wende dein gut ausgebildetes Bewusstsein auf all jene blödsinnigen Helden-mit-einer-hohen-Bestimmung-Legenden an, die dein Volk sich so gern erzählt. Du meinst wirklich, dass in einem dreckigen Schlachthaus von Welt wie dieser [...] die Götter nichts Besseres mit ihrer Zeit anzustellen haben, als aus irgendeinem zufälligen Stück Müll in langen Jahren einen Handlanger zu formen?" Eschbach ist nicht so offensichtlich didaktisch unterwegs. Er setzt auf den Schockeffekt, um die Rigidität des von ihm beschriebenen Gesellschaftssystems zu unterstreichen. Es triumphiert der Heuchler über den Idealisten, der Feigling über den Helden, der Arschkriecher über den Sozialrevolutionär.

    Ungewöhnlicher Aufbau

    Oberflächlich betrachtet ließe sich der Roman der Science Fantasy zuordnen - aber nur wegen des Settings, metaphysische Elemente gibt es keine. Den Hintergrund bildet ein hochtechnologisches Imperium, das mehrere Galaxien umfasst. Der Großteil der Romanepisoden ist aber auf einem Planeten angesiedelt, der sich auf quasi-mittelalterlichem Niveau befindet. Hier lebt die Gilde der Haarteppichknüpfer, die aus den Haaren ihrer Ehefrauen und Töchter einzigartige Kunstwerke anfertigen - angeblich, um damit den Palast des Kaisers zu schmücken. Jeder Teppich ist ein Lebenswerk, und der Herstellung hat sich alles andere unterzuordnen.

    Der Roman hat keine Hauptfiguren. Er ist als weitgehend chronologische Aneinanderreihung von Episoden aufgebaut, durch die wir die gesamte Produktions-, Handels- und Verwertungskette der Haarteppiche kennenlernen. Vor allem aber das menschenverachtende System, das dahintersteckt. Damit beeindruckt "Die Haarteppichknüpfer" - übrigens der seltene Fall eines deutschen SF-Romans, der ins Englische übersetzt wurde - heute noch so sehr wie vor 18 Jahren.

    Kelwitts Stern

    Die originelle Konstruktionsweise der "Haarteppichknüpfer" stieß allerdings auch auf Kritik, und Eschbach hat sie nicht überhört. Spätere Romane waren konventioneller aufgebaut - insbesondere der Forderung nach klaren Hauptfiguren, denen wir im Verlauf der Handlung treu an der Seite bleiben, wurde nachgegeben. Zum Beispiel im vier Jahre nach den "Haarteppichknüpfern" erschienenen "Kelwitts Stern", das ebenfalls vergangenen Herbst noch einmal neu aufgelegt wurde.

    Auf dem Planeten Jombuur ist es Tradition, Neugeborenen einen Stern zu "schenken" (Verfügungsgewalt ergibt sich daraus keine). Wenn's geht, besichtigt man "seinen" Stern später mal aus der Nähe, wie es auch der junge Kelwitt tut. Es zeigt sich, dass der Stern von einem Planeten umkreist wird, auf dem es halbwegs intelligentes Leben gibt - nämlich uns. Kontakt ist streng verboten, aber weil sich der neugierige Kelwitt allzunahe an die Erde heranwagt, legt er eine Crashlandung hin. Und kommt nach diversen Irrungen schließlich als Hausgast bei Familie Mattek im Schwäbischen unter.

    Vertrauter Plot, gelungener Witz

    "Kelwitts Stern" lebt vor allem von seiner Situationskomik, besonders gelungen in den Kleinigkeiten. Etwa wenn Mutter Mattek Kelwitt kurzerhand einen Duschvorhang unterlegt ... wozu gibt es tausende First-Contact-Geschichten, wenn einen keine davon auf ein amphibisches Lebewesen vorbereitet, das ständig auf den Teppich tropft? Dass es gelinde gesagt Umstände macht, wenn man zuhause ein Alien versteckt, wussten ja schon die Tanners in "ALF". Kelwitt ist zwar deutlich weniger egozentrisch als der Melmacianer, aber immer noch eine Herausforderung auf allen Linien. Nicht zuletzt für die nymphomanische Mattek-Tochter Sabrina, die zwischenzeitlich ein Auge auf den geschlechtlich uneindeutigen Kelwitt wirft. Der kriegt von ihren Verführungsversuchen allerdings nicht mehr mit, als es Sheldon Cooper tun würde ... die betreffenden Passagen sind eines der Highlights des Romans.

    Als Spannungselement treibt sich auch ein verbiesterter BND-Agent auf Kelwitts Spur herum; der heißt Hermann Hase, und das ist noch seine beeindruckendste Eigenschaft. Dass von dem Unglücksraben keine allzugroße Gefahr ausgehen wird, ist von Anfang an klar. "Kelwitts Stern" ist von vorne bis hinten gutmütig im Ton, durchgehend witzig und mit einem etwas kitschigen Schluss versehen. Angesiedelt irgendwo zwischen "ALF" und der SF-Komödie "Paul – Ein Alien auf der Flucht", gut geeignet auch für jüngere LeserInnen. No aliens were harmed during the making of this novel.

    Es geht weiter

    Mittlerweile haben sich bei mir eine ganze Reihe englischsprachiger Titel mit Tier-Bezug angesammelt, das schreit nach einer Rundschau unter entsprechendem Motto. Ob die faunenverfälschte Ausgabe beim nächsten oder übernächsten Mal kommt, hängt davon ab, wie diese Bücher zu den noch zu bestellenden deutschsprachigen passen. Sicher ist nur eines: Bis zur nächsten Rundschau wird bedeutend weniger Zeit vergehen als seit der letzten. Ui, jetzt hab ich's verschrien ... (Josefson, derStandard.at, 2. 3. 2013)

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