Rundschau: Die verfluchte Ausgabe

    Ansichtssache2. März 2013, 10:13
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    Romane unter anderem von Dietmar Dath, Richard Morgan und Brian Evenson, dazu ein Ausblick auf das Phantastik-Jahr 2013

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    coverfoto: heyne

    David S. Goyer & Michael Cassutt: "Himmelsschatten"

    Broschiert, 640 Seiten, € 10,30, Heyne 2012 (Original: "Heaven's Shadow", 2011)

    "Déjà-vu with Rama" wäre auch ein ganz guter Titel gewesen. Die Prämisse jedenfalls klingt bekannt: Ein riesiger außerirdischer Brocken fliegt ins Sonnensystem ein, und als die irdischen Erkunder vor Ort eintreffen, stellen sie fest, dass sich unter dem Eispanzer der 100-Kilometer-Kugel nicht etwa ein Asteroid, sondern ein Raumfahrzeug verbirgt. Auch wie es anschließend weitergeht, zeigt so einige Parallelen zu Arthur C. Clarkes "Rama"-Reihe. 

    Genau genommen sind es zwar gleich zwei Expeditionen, die hier zum "Keanu" getauften NEO (und zugleich BDO) aufbrechen: Eine US-amerikanische um Kommandant Zack Stewart und eine der russisch-indisch-brasilianischen Koalition unter dem Vyomanauten (das Wort gibt's wirklich!) Taj Radhakrishnan. Die an den einstigen Wettlauf zum Mond erinnernde Konkurrenz der DESTINY- und BRAHMA-Expeditionen ist es aber nicht, die die Handlung weiterträgt: Kein Kalter Krieg 2.0 ... was durchaus plausibel ist. Immerhin sind die RaumfahrerInnen der Erde ein kleines Häuflein; man kennt sich von diversen ISS-Missionen und arbeitet daher rasch zusammen, um Keanus Geheimnisse zu ergründen.

    Wer hinter dem Script steckt

    Literarische Neulinge sind die beiden Autoren nicht. Michael Cassutt etwa hat über die Jahre eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Hauptberuflich aber hat er als Drehbuchautor gearbeitet, von der "Twilight Zone" bis zu "Stargate" und "Farscape". David S. Goyer wiederum, ebenfalls aus den USA, kommt aus dem Filmbusiness. Er war Regisseur von "Blade: Trinity" und Produzent von unter anderem "Mission to Mars" und "Ghost Riders". Klingt nach der B-Klasse der Blockbusterschiene - was Drehbücher anbelangt, hat er aber auch Beeindruckenderes vorzuweisen, etwa "Dark City" oder die "Batman"-Neuverfilmungen unter Christopher Nolan.

    Dass es sich um Drehbuchautoren handelt, merkt man "Himmelsschatten" an. Der Roman wechselt im Wesentlichen zwischen Handlungsabläufen und Dialogen, und nirgendwo funkt ein auffälliger Stil dazwischen. Professionelle Schreibe halt. Und natürlich darf auch auf die "Musts" eines filmreifen Plots nicht vergessen werden: Spannungselemente etwa. So dreht ein Crewmitglied durch (ohne dass so ganz nachvollziehbar wäre, warum in dieser Vehemenz), und eine Atombombe ist auch noch mit im Spiel. Vor allem aber das Human Drama, heruntergebrochen auf eine Kernfamilie: Zack strandet auf dem fremden Objekt, während seine verwaiste Teenager-Tochter Rachel daheim auf der Erde zuschauen muss - ohnehin verbittert über die familiären Auswirkungen von Papis Astronautenjob. Dabei - grausame Ironie - hat Zack alle Gefahren bislang überstanden, während Mutter Megan bei einem banalen Autounfall ums Leben kam.

    ... bis sie Zack auf Keanu plötzlich wieder entgegentritt, rekonstruiert durch quasi-magische Alien-Technologie (Goyer und Cassutt kennen also auch "Solaris", zumindest in der Film-Version). Da Zack mit dem DESTINY-Crewmitglied Tea Nowinski seine neue Freundin gleich mitgebracht hat, wäre das Human Drama nun auf die Spitze getrieben. Aber irgendwie nimmt es einen nicht wirklich mit. So wie die Handlungsfiguren nichts von der Clarke'schen Ehrfurcht vor der fremdartigen Supertechnologie spüren lassen, liest man sich da auch beim Buchkonsum irgendwie so durch. Nicht gelangweilt, aber auch nicht beeindruckt.

    Details am Rande

    Eine Weltraumgeschichte ist nicht automatisch Science Fiction, immerhin haben wir in Sachen Raumfahrt schon einiges geleistet. Tatsächlich ist "Himmelsschatten" weitgehend ein NASA-Thriller - und das sind auch die überzeugenderen Teile. Die eigentlichen SF-Elemente sind eher auf 50er-Jahre-Level, nur die Wörter, die in kurzen Handwaving-Erklärungen angeführt werden, haben sich geändert. Früher hätte ein Autor vielleicht "Strahlen" bemüht, um esoterische Effekte zu erklären. Heute werden's die Quanten schon richten.

    So ganz genau nehmen's Goyer und Cassutt mit den Fakten ohnehin nicht. Ihre Geschichte haben sie nämlich ohne große Not in eine allzunahe Zukunft verlegt: Keanu taucht 2019 auf, bereits 2017 wurden die bemannten Mondmissionen wiederaufgenommen - rechnet man davon die im Roman genannte Projektvorlaufzeit zurück, müsste die Sache schon seit einigen Jahren laufen. Genau genommen befinden wir uns also in einer Parallelwelt; da lässt sich dann auch ein Hurrikan unterbringen, der um 2009 herum das NASA-Hauptquartier bedroht haben soll.

    Fortsetzung folgt

    Das Resümee: Der Kern-Plot ist x-fach bekannt und die beiden Autoren fügen dem auch nichts wirklich Neues hinzu. Außer Volumen. Denn "Himmelsschatten" ist zwar wie gesagt nicht langweilig, aber doch ein ausgezeichnetes Beispiel für den schleichenden Prioritätenwandel, der im Genre stattgefunden hat. Es geht nicht mehr darum, eine Geschichte solange zu erzählen, wie sie aus eigener Kraft laufen kann, sondern darum, die KonsumentInnen möglichst lange an sich zu binden. Nennen wir es das "Hobbit"-System. Darum wird jetzt auch niemand vor Überraschung vom Stuhl fallen, wenn ich verkünde: "Himmelsschatten" ist der erste Band einer Trilogie ...

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