Proyer: Lohnkonflikte werden zunehmen

Interview9. Jänner 2013, 08:12
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Warum Verteilungsfragen die Gewerkschaften kämpferischer machen und Konflikte Mitglieder bringen, erklärt GPA-Vize Proyer

Auch in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit sei der Verteilungskuchen groß genug für alle, meint Karl Proyer. Der stellvertretende Geschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) will die Überstundenzuschläge mit Zähnen und Klauen verteidigen und fordert im Interview mit derStandard.at von den Unternehmen, wieder mehr für die Ausbildung der Menschen zu tun.

derStandard.at: 20 Prozent der Industriebetriebe überlegen, heuer Kurzarbeit einzusetzen. Ist das für Sie ein alarmierendes oder ein beruhigendes Signal?

Proyer: Es ist ein beruhigendes Signal. Denn es heißt ja im Umkehrschluss, dass 80 Prozent der Betriebe Kurzarbeit nicht ins Auge fassen. Aktuell sind nur rund 30 Betriebe mit 2.800 Beschäftigten in Kurzarbeit. So wenige waren es noch selten zuvor.

derStandard.at: Die Industrie bezeichnet Kurzarbeit als zu teuer, weil die Unternehmen zwei Drittel der anteiligen Kosten zu tragen hätten.

Proyer: Das ist eine unrichtige Darstellung. Den Hauptanteil der Kosten trägt die öffentliche Hand (das Arbeitsmarktservice schießt den Gegenwert des Arbeitslosengeldes zu, der für die nicht gearbeitete Zeit anfallen würde, Anm.).  

derStandard.at: Da die Höhe der Sozialversicherungsbeiträge aber gleich bleibt, tragen die Unternehmen auch einen gewichtigen Teil dazu bei.

Proyer: Ja, diese Differenz tragen die Unternehmen. Die von der Industrie genannten zwei Drittel Kostenanteil beziehen sich aber nur auf diese Teilmenge. Die Darstellung ist in hohem Maße verzerrt und unseriös.

derStandard.at: Der Anteil ist also geringer?

Proyer: Er beträgt maximal ein Drittel der Gesamtkosten, wenn man Sozialversicherung und Lohnsteuer dazurechnet. Prinzipiell ist die bestehende Regelung aber in Ordnung. Denn sie ist immer noch billiger als Arbeitslosigkeit.

derStandard.at: Wechseln wir zum Thema Berufsausbildung. Es gibt einen Fachkräftemangel, etwa in der Pflege. Wie erklären Sie sich das?

Proyer: Es wird zu wenig ausgebildet. Das fängt schon bei der Lehre an, wo mittlerweile mehr Ausbildung in überbetrieblichen Einrichtungen geleistet wird als in betrieblichen. Und das, obwohl das duale System der Lehre europaweit gelobt wird und als ein Grund für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Österreich gilt.

derStandard.at: Müssen die Unternehmen mehr tun?

Proyer: Ja. Die Unternehmen investieren nicht genug in Ausbildung.

derStandard.at: In Österreich gibt es 16 Kollektivverträge mit weniger als 1.500 Euro Mindestlohn. Ist das nicht ein Versagen der Gewerkschaft, wenn Köche oder Pflegerinnen zu den Geringverdienern zählen?

Proyer: Die Gewerkschaft kann ja nicht alleine die Mindestgehälter festsetzen. Für die Köche kann ich nur allgemein sagen: Die Arbeitgeber sind nicht bereit, hier einem höheren Mindestlohn zuzustimmen.

derStandard.at: Der Spitzenkoch Christian Petz behauptet, dass sich die Österreicher kein Schnitzel mehr leisten könnten, sollten die Köche wie Installateure bezahlt werden. Geben die Menschen zu wenig fürs Essen aus oder wirtschaften die Unternehmen zu schlecht?

Proyer: Ich will da der Gewerkschaft vida nicht ins Handwerk pfuschen und keine Erklärungen für sie abgeben. Aber insgesamt glaube ich, dass sich die Tourismuswirtschaft durchaus höhere Löhne und Gehälter leisten könnte.

derStandard.at: Und bei der Pflege?

Proyer: Es heißt ja nicht, dass alle in der Pflege 1.400 Euro verdienen. Das gilt nur für die Einstiegsstufe mit niedrigen Qualifizierungen. Das sind ganz wenige Menschen, die betroffen sind. Die tatsächlichen Gehälter liegen wesentlich höher.

derStandard.at: 94 Prozent der Arbeitsverhältnisse in Österreich sind durch einen KV gedeckt. Sie behaupten, dass diese Quote in den letzten zehn Jahren gestiegen ist. Warum sinkt dann die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder?

Proyer: Das stimmt so für den ÖGB. Für die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) kann ich das über die letzten fünf Jahre nicht bestätigen.

derStandard.at: Der Politologe Anton Pelinka führt den Mitgliederschwund auch darauf zurück, dass die Sozialpartnerschaft ein Rückzugsgefecht führe. Es gebe keine Gewinne in Hülle und Fülle mehr zu verteilen. Trifft das zu?

Proyer: Das trifft nicht zu. Der Kuchen des Verteilens ist nicht kleiner geworden, sondern größer. Dass die Verteilung des Kuchens nicht immer ausgeschöpft worden ist, das kann man der Gewerkschaft vorwerfen. Insofern werden die Konflikte zunehmen.

derStandard.at: Hat die Gewerkschaft bei den Metallerverhandlungen 2012 die Möglichkeiten nicht ganz ausgeschöpft? Hier wurde ja erstmals getrennt nach Verbänden verhandelt.

Proyer: In den vergangenen zehn Jahren war es so, dass die Produktivitätsspielräume ausgeschöpft worden sind. Man darf die Benya-Formel nicht überstrapazieren. Die Jahre 2008, 2009, 2011 und 2012 haben wir über der Produktivität abgeschlossen, jedenfalls über der gesamtwirtschaftlichen. Aber es gab auch Jahre, wo die Spielräume nicht ausgeschöpft worden sind.

derStandard.at: 2012 waren die sechs Metaller-Abschlüsse quasi ident …

Proyer: … sogar die Rechtsschreibfehler sind übernommen worden in den Protokollen.

derStandard.at: Aber hinter vorgehaltener Hand hoffen die Arbeitgeber darauf, dass 2013 die Schere aufgeht. Was entgegnen Sie dem?

Proyer: Dann freue ich mich schon auf den Herbst 2013 und bin sicher, dass das nicht so sein wird.

derStandard.at: Anderes Thema: Arbeitszeit. Ganz oben am Wunschzettel der Firmen stehen längere Zeitkorridore, an denen die Normalarbeitszeit über- und unterschritten werden darf, ohne dass Überstunden anfallen. Bis dato ist diese "Durchrechnung" bis zu neun Wochen möglich. Die Industrie will sie auf zwei Jahre und mehr ausbauen.

Proyer: Die Industrie sagt aber nicht, dass längere Durchrechnungszeiträume für die Beschäftigten erhebliche Einkommensverluste bringen würden. Ihr Objekt der Begierde sind die Zuschläge. Es macht eben einen Unterschied, ob man Überstunden ausbezahlt bekommt oder nicht.

derStandard.at: In unsicheren Zeiten geht es den Unternehmen eben um Gehaltsstrukturen, in denen Flexibilität weniger kostet als sie es jetzt tut.

Proyer: Die Wirtschaft darf sich das wünschen, aber das wird es nicht spielen.   

derStandard.at: Ihre Bedingungen für ein Entgegenkommen?

Proyer: Wenn die Wirtschaftskammer mit einem Vorschlag käme, wie man die Umgestaltung ohne Gehaltseinbußen macht, sodass Unternehmen und Mitarbeiter einen Vorteil daran haben, sind wir wieder im Boot. Einen Tipp dabei für die Metallindustrie: Wenn alle sechs Verbände gemeinsam am Tisch säßen, würde sich diese Frage leichter regeln lassen, als wenn jeder einzeln kommt. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 9.1.2013)

Wissen

Momentan sind rund 3.000 Beschäftigte in Kurzarbeit. Im Krisenjahr 2009 waren es 65.000. Ab 2013 trägt die öffentliche Hand bereits ab dem fünften anstatt des siebenten Monats die Sozialversicherungsbeiträge. Die Beiträge sind die gleichen wie vor Einführung der Kurzarbeit, um keine pensionsrechtlichen Nachteile zu erfahren.

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    Karl Proyer: "Der Kuchen des Verteilens ist nicht kleiner geworden, sondern größer."

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