Kroatien grundelt auf Ramschniveau

4. Jänner 2013, 17:10
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Zusätzlich zur schlechten Bonität und hohen Kreditzinsen sehen Experten für 2013 auch wirtschaftliche Stagnation

Nach der Abwertung der Bonitätsaussichten für Kroatien durch Standard & Poor's schließt das Finanzministerium eine Hilfe durch den IWF nicht mehr aus. Experten prognostizieren für 2013 wirtschaftliche Stagnation.

Zagreb - In Zagreb verharrt man noch in der Schockstarre. Eigentlich hatte das Finanzministerium angekündigt, bei einer Herabstufung Hilfe vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zu beantragen. Vor Weihnachten war es so weit. Standard & Poor's hatte Kroatiens Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau gesetzt. Doch passiert ist noch nichts. "Vielleicht wartet man, bis alle drei Ratingagenturen den Schritt machen", sagt Hermine Vidovic vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), für die die Herabstufung "überraschend" kam.

Vidovic räumt ein, dass die Reformen im öffentlichen Dienst langsam vorankommen, andererseits seien aber die Subventionen im Landwirtschaftsbereich gesenkt worden, und auch bei den Sozialausgaben habe man gespart. S&P argumentiert hingegen, dass dies zu wenig sei, der Arbeitsmarkt zu unflexibel.

Boris Cota von der Universität Zagreb bezweifelt, dass es für die Reformen überhaupt den notwendigen politischen Willen gibt. Zu den strukturellen Problemen zählt er vor allem die hohe Auslandsverschuldung, die bei 100 Prozent liegt. Kroatien könne seine fiskalischen Pläne für die kommenden Jahre nicht einhalten - etwa dass das Defizit bis 2015 von 1,8 Prozent des BIPs auf 1,6 Prozent reduziert werden soll. Cotas Kollege Vladimir Cavrak erwartet, dass die Zinsen auf dem internationalen Kapitalmarkt nach der Herabstufung steigen. Das wiederum führe zu einer "Vertiefung der Rezession". 2012 schrumpfte das BIP um -1,8 Prozent.

Gegen Kuna-Abwertung

Der kroatische Notenbank-Gouverneur Boris Vujcic argumentiert, dass es nicht gut sei, wenn der Staat nur im Inland Geld aufnehme, da dadurch für private Kreditnehmer weniger zur Verfügung stehen würde. Vujcic ist auch strikt gegen eine Abwertung der kroatischen Kuna. Die harte Währungspolitik ist in dem exjugoslawischen Land eine heilige Kuh, kann man sich noch sehr genau an die Hyperinflation Ende der 1980er-Jahre erinnern.

Alle Ökonomen gehen aber davon aus, dass das von der kroatischen Regierung für das Jahr 2013 prognostizierte Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent viel zu optimistisch ist. "Man wird das im Laufe des Jahres korrigieren müssen", meint Cavrak. Für die Wissenschafter ist ein maximales Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent realistisch.

Die Gründe für die anhaltende Flaute liegen laut Cavrak beim " anhaltenden Rückgang des privaten Konsums", dem "sinkenden Vertrauen der Unternehmen" und dass nicht zu erwarten ist, dass sich die Nachfrage bei den wichtigsten Handelspartnern wie etwa Italien erholen wird. Negativ wirkt sich auch die schlechte Situation in den Nachbarländern wie Bosnien-Herzegowina oder Serbien aus. Eine leichte Besserung der wirtschaftlichen Situation erwartet er erst in der zweiten Jahreshälfte 2013.

Premier Zoran Milanovic will die Krise "aus eigener Kraft meistern", während Finanzminister Slavko Linic nicht mehr ausschließt, dass man den IWF um Hilfe bitten wird. Einige Wirtschaftswissenschafter können einer Involvierung des IWFs Positives abgewinnen. "Das könnte mit den strikten Auflagen Reformen vorantreiben, so Vidovic.

Linic will zwar bei den Ministerien, der Post und der Bahn sparen, die Gehälter und Pensionen im öffentlichen Dienst aber nicht angreifen. Experten sehen dies angesichts der Budgetknappheit als unrealistisch an. Eingeführt wird eine neue Immobiliensteuer. Die Regierung sieht zudem Investitionen von mehr als 9,5 Milliarden Euro vor. Allerdings ist nicht klar, wie dieses Konjunkturprogramm finanziert werden soll.

EU-Beitritt im Juli

Der Handlungsspielraum ist in dem Land, das im Juli der EU beitreten wird, nicht groß. Die linksliberale Regierung fürchtet, dass die Arbeitslosigkeit (16 Prozent) weiter steigt, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit, die bereits bei 40 Prozent liegt. Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise gingen in Kroatien rund 200.000 Arbeitsplätze verloren. 347.000 von insgesamt 1,7 Millionen erwerbsfähigen Kroaten sind derzeit ohne Job. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 5./6.1.2013)

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    Die kroatische Regierung muss eigentlich eisern sparen. Die Gewerkschaften für Lehrer und für den Gesundheitsbereich haben aber bereits im Oktober mobilisiert und verlangen höhere Löhne.

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