Die alte Leier, verstörend neu

20. Dezember 2012, 19:16
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Das Klangforum Wien machte im Rahmen von "Europa, global" bei "Deutschland" Station

Wien - "Europa, global" - so nennt das Klangforum Wien seinen laufenden Konzerthaus-Zyklus; "Deutschland" hieß die jüngste Station. Aber lassen sich denn überhaupt noch länderspezifische Eigenheiten in der zeitgenössischen Musik festmachen? Am Ende der Abo-Reihe im April wird es eine tatsächlich globale Öffnung geben, die diese Frage offenbar eher verneint.

Bis dahin aber tun die monatlichen Termine so, als ließen sich die Musikszenen europäischer Länder jeweils an einem Konzertabend darstellen. Auch wenn man dabei wohl ein Quäntchen Ironie unterstellen darf, steht die Frage von Gemeinsamkeiten im Raum.

Deutsche Musik - gibt es die überhaupt noch, und wenn ja, ist sie also tatsächlich so kopflastig, wie ihr Ruf besagt? Die vier ausgewählten Werke ließen jedenfalls allesamt eine Betonung des Konzeptuellen erkennen - sowie einen Hang zur Verfremdung: In Hans Zenders Issei no kyo - Gesang vom einen Ton traf ein pathetisch bis surreal exklamierender Sopran (Claron McFadden) auf das mikrotonal mäandernde Ensemble und eine im Saal platzierte Piccolo, die zumindest in nächster Nähe Irritation der Gehörknöchelchen garantierte.

Auch Johannes Kalitzke, der den Abend mit der ihm eigenen Prägnanz dirigierte, experimentierte in Angels Burnout Graffiti für zwölf Instrumente und tragbares Abspielgerät mit mikrotonalen Tonsystemen, ebenso wie mit der Sprengkraft divergierender Stilebenen, wobei souverän instrumentierte Effekte in einen gewissen Widerspruch zu Dauer und Dramaturgie gerieten.

Die zwei folgenden Strategien der Verfremdung durch eine zusätzlich Klangebene hätten verschiedener nicht sein können: Sven-Ingo Koch setzte in Der Durchbohrte nach Textfragmenten aus Dantes Divina Commedia neben " Tonbandschnipseln" vor allem auf ein abgegriffenes Arsenal von Dissonanzen aus bohrenden Tritoni.

Neben dieser stark gealterten Neuen Musik wirkte Seestück (Traum) und Tanz von Arnulf Herrmann, nostalgisch aus dem Rhythmus eines leiernden Plattenspielers entwickelt, wie eine unerschöpfliche Quelle leuchtender Klangkombinationen. So ausgehörte Partituren sind - auch außerhalb Deutschlands - selten.   (Daniel Ender, DER STANDARD, 21.12.2012)

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