Böse Erbschaften

15. Dezember 2012, 12:19
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Österreich im Bild: Nachkriegserbe, Machtverteilung und Proporzkultur; Marienerscheinungen, Comedy-Welle und Stillstand. Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über den ORF

"Mein geliebter ORF", sagt Grissemann von Stermann und Grissemann und die ehemaligen Nestbeschmutzer und nun ORF-Haushauptcomedians zeigen Harald Pircher vom ORF, wie er sich im ORF nach einer Burenwurst sehnt.

Wieder können wir einen der Hauptsätze der österreichischen Kultur anwenden: Es wird nie gelogen. Es wird immer alles gestanden. Die Freiheit besteht dann in dieser spezifischen österr. Kultur darin, das Geständnis zu gestalten. Im Fall der Liebe Grissemanns zum ORF wird gleich einmal das geschlossene System Österreich vorgeführt. Und darin gestanden. Der Comedian erklärt unironisch seine Liebe zum ORF. Harald Pirchers Sehnen nach Burenwurst wird geteilt. Unironisch. Unkommentiert. Der Witz entsteht durch die Zustimmung der Comedians zu einem aus dem Zusammenhang gerissenen Eigenzitat des ORF. "Alles Deppen", sagt das dem Publikum. "Wir sind alle Deppen", gestehen die Comedians freundlich. " Nur. Wir geben es halt zu." Und das ist korporativer Humor. Alle sitzen zwangsweise in einem Boot und manchmal darf das Publikum lachen. Das entlastet das Publikum kurz. Denn. Das Publikum muss zahlen. Ob es will oder nicht. Zwangsmitgliedschaften. Zwangsbeiträge. Das ist die Wahrheit, die hier als Comedy gestaltet, gestanden wird. Das Publikum lacht nicht über die komisch aufgearbeitete Wahrheit. Das Publikum lacht in der Wahrheit mit. Es wissen ja alle, wie es ist. Es ist das Lachen der Wiedererkennung der österreichischen Misere des Neokorporatismus, das da - noch aufgedubbt - zu hören ist. Nichts führt aus dieser Misere hinaus. Jedenfalls kein Comedian im ORF.

Denn. Im ORF wird auf allen Ebenen vorgeführt. Präsentiert. Die Nachrichten. Die Personen im Interview. Die Natur in Universum. Die Welt in den koproduzierten Filmchen. Das einzig Authentische im ORF sind die Werbeeinschaltungen und die Wetterkameras. Alles andere. Das Programm insgesamt. Die Programmidee selbst. Immer geht es um die Behauptung, dass es Österreich gibt. Der ORF wurde und wird immer wieder dahin reformiert, die Existenz Österreichs zu beweisen. Eine autoritäre Staatlichkeit ist das, die innerhalb des ORF alle Entscheidungen bestimmt. Das alles kommt aus den Erbschaften des ORF.

Es wird nie gelogen

Gehen wir zurück. Lange vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden von den Alliierten Überlegungen angestellt, was aus den Kriegsverlierern werden sollte. Diese Überlegungen schwankten zwischen Hass und Umerziehung oder Wiederaufbau und Umerziehung. Am Ende ging es sich für Deutschland und Österreich für Wiederaufbau und Umerziehung aus. Die Angst vor den Kosten einer erzwungenen Stilllegung Deutschlands nach der Niederlage führte zu den Entwürfen der wirtschaftlichen Förderung. Und. Damals waren die USA auch mit dem Krieg im Pazifik beschäftigt. Die Koalition mit Russland war nur von kurzer Dauer. Der Kalte Krieg begann fast sofort. Man konnte und wollte sich nicht mit der harten Umerziehung Deutschlands herumschlagen. Es siegte der sanftere Weg der Amerikanisierung. Auch für Österreich.

"Die Etablierung von Ordnung in Europa und die Wiederherstellung nationalen wirtschaftlichen Lebens muss durch Prozesse erreicht werden, die die befreiten Völker instand setzen, die letzten Reste von Nationalsozialismus und Faschismus zu zerstören und demokratische Institutionen nach eigener Vorstellung aufzubauen." So wurde das in Yalta formuliert.

Nach eigener Vorstellung. Das war in Österreich die harmonisierte Übereinstimmung in der Macht ohne Gewaltentrennung. Und Harmonie. Das bedeutete die Belauerung und Überwachung des politischen Gegners. Das bedeutete intimisierende Gegnerschaft. Es musste ja das Jahr 1934 verdrängt werden. Und. Es bedeutete das tragische Missverständnis, dass die Brüderlichkeit der Lagerstraße in Politik zu verwandeln gewesen wäre. Harmonie. Das war immer genau das, was in dem Comedy-Beispiel enthalten ist. In unserem Beispiel sind die Comedians die Machthaber. Das Publikum die Überwältigten. Einspruch. Widerspruch. Das wird pedantisch gemanagt. Die Harmonie der Sendung wird sorgfältig durch Kameraführung und Interviewmanagment hergestellt. Es gibt ja auch zwei Comedians. Da ist es leicht, den leisesten Hauch von Konkurrenz in der Comedy abzustellen. Stermann/Grissemann lassen niemanden anderen in ihrer Sendung lustiger sein als sie. Immer wird einer der beiden da sein, den Ehrgeiz eines Gasts oder einer Gästin schön einzudämmen. Der ORF gewinnt immer. Der ORF ist darin weiterhin das Medium der Umerziehung der Österreicher. - Die Österreicherinnen spielen da in austrofaschistischer Erinnerung nicht so eine große Rolle, beziehungsweise sind sie im Chauvinismus der Reformer mitzudenken. Auch da ist die Comedy im ORF immer noch und weiterhin erfüllungsgehilfisch sexistisch. - Und dann. Wir sollten uns erinnern, welche Personen aus dieser Umerziehung hervorgegangen sind. Und überlegen wir einmal. Was wäre gewesen, wenn die strafenden Entwürfe der Wiedererstehung der besiegten Völker sich durchgesetzt hätten.

"Warum sollten wir nicht Hitlers Methoden selbst anwenden und alle diese Kinder von ihren Eltern trennen und sie zu Mündeln des Staats machen, und warum sollen wir nicht Ex-US-Offiziere, englische Ex-Offiziere und russische Ex-Offiziere diese Schulen übernehmen lassen und diesen Kindern die wahre Demokratie beibringen." Wäre der Morgenthau-Plan in Kraft getreten. Eine solche Nachkriegszeit hätte bedeutet, dass Männer wie Gerd Bacher oder Jörg Haider oder Wolfgang Schüssel andere geworden wären. Es ist natürlich nicht zu sagen, wie sie anders geworden wären. Aber ihre Werdeweise wäre durch eine solche aktive Umerziehung stark betroffen gewesen. Wie interessant ist dann zu sehen, dass es genau diese nie reformierten Männer waren, die die demokratischen Institutionen von außerhalb herausforderten.

Es ist die Tragödie Österreichs, dass die Angst vor der Katastrophe in politische Institutionen gegossen alle in die Korporationen zwingt und so wissenslos in der Angst hält. Dabei sind die Katastrophen längst passiert. 1914. 1917. 1918. 1919. 1934. 1938. 1948. Es ist alles an Schrecklichkeiten geschehen. Und damit bekannt. Aber in der postkatholischen Zwänglichkeit, schuldlos bleiben zu müssen, hat sich nie jemand zu einer Katastrophe bekannt. Alle Katastrophen sind so ewig existent. Und darin wirksam. Die Biografien zerschellen daran. Das aber wird in der Einsamkeit der bösen Stunden jedes und jeder einzelnen Person ausgetragen. In Österreich ist die Politik von lange her privatisiert. Neoliberalismus wird darin zu so einer Art Nachziehverfahren.

Und das führt uns zum ORF zurück. Die Medien der Nachkriegszeit wurden den Österreichern zu ihrer eigenen Umerziehung übergeben. Vor der ORF-Reform führte das in Rundfunk und Fernsehen zur genauen Machtverteilung. Die Wahlergebnisse spiegelten sich in der Postenvergabe. Pressefreiheit kam da nicht auf. Es ging um Österreichischheit. Es ging darum, eine Lebensberechtigung dieser Österreichischheit zu konstruieren. Nie war dieses Konstruieren auf Gesellschaftlichkeit oder Demokratie und deren Sprache befasst. Das aber wieder war eine Voraussetzung für den Erfolg, der nun nicht umerzogenen Männer wie Gerd Bacher oder Jörg Haider. Sie konnten in je ihrer Generation mit viel Sympathie innerhalb der umerziehungsaufgabenerfüllenden Großkoalition rechnen. Die Angriffe dieser Männer, die so von außen kamen, aber von innerhalb der Politik Sympathisanten fanden, konnten sich große Räume verschaffen. Wer würde aufgestanden sein und antidemokratische Vorwürfe gemacht haben, wenn die Idee des Österreichischen da so kraftvoll und immanent autoritär entwickelt wurde.

Der ORF wurde also von einer Person reformiert, die sich nicht dem Umerziehungsauftrag unterworfen fand. Ja. Eine Person, die eine solche Selbstbefragung als Zumutung angesehen hätte. Weil sich also nun kein Ex-US-Offizier des kleinen Gerd Bacher annehmen musste. Oder des kleinen Jörg Haider anstelle seines Vaters. Und weil der junge Gerd Bacher in Salzburg über die Salzburger Nachrichten schon in der frühesten Nachkriegszeit die Gewissheit vermittelt bekommen hatte, dass Demokratie unösterreichisch sei und dass es österreichischer wäre, an die Ideologien der 30er-Jahre anzuschließen. Anders. Das schon. Aber doch. Deshalb konnte der Journalist Gerd Bacher so erfolgreich die Durchsetzung der spitzen Hierarchie im ORF gegen die gegenseitige Bespitzelung der politischen Posten in Rundfunk und Fernsehen abschließen. Die Kultur des Proporz in Rundfunk und Fernsehen wurde von der ORF-Kultur abgelöst. ORF. Da wurde nur noch mit einer Stimme gesprochen. Diese eine Stimme bestimmte alles und auch das Programm. Und alle dachten, dass diese eine Stimme nun demokratischer sei als die Proporzgesänge davor. Aber das war sie nicht.

Österreichischheit als Marke

Was die bacherschen Reformen brachten, war eine Privatisierung der öffentlich-rechtlichen Medien mit dem Ziel der Herstellung einer Österreichischheit als Marke. Was Österreich sein sollte, das wurde von dieser einen Stimme übernommen und als Marke entwickelt. Corporate identity und corporate philosophy nationalisierten das Publikum und benutzten das Monopol nicht nur zur Finanzierung, sondern auch zur Markenbeschreibung. Eine kleine Staatlichkeit schwingt immer auf den ORF-Kanälen mit. Eine kleine postkatholische Herrschaftshaltung, die ihr Sanctus weihevoll (Barbara Rett als erste Kultur-Bischöfin) zur Hochkultur gibt.

Die ORF-Reformen werden mit Wirtschaftlichkeit begründet. Verwirtschaftlichung hat immer einen Aspekt von Militarisierung. Und. Ein gut und straff geführtes Unternehmen wird in jedem Produkt das Unternehmen repräsentieren. Seit Gerd Bacher sind die Produkte des ORF die Repräsentation der einen Stimme, mit der da gesprochen werden soll. Und je weiter die Ära dieser einen Stimme zurückliegt, umso deutlicher wird die Auswahl der Produkte nach diesen Kriterien.

Aber. Erinnern wir uns. Diese Stimme war unreformiert und hatte nichts mit Demokratisierung zu tun. Im Gegenteil. Diese Stimme lehnte jede andere Autorität ab und verhinderte dadurch die Entstehung von Gesellschaftlichkeit. In einer langwierigen und uninteressanten Selbsterzählung ist der ORF nun im Austrofaschismus wieder angekommen. Man ist auf dem Land. Man schlägt sich mit Marienerscheinungen herum. Die Männer müssen ihr Mannsein über Weiblichkeit ausdrücken. Gleichzeitig sind sie von ihren Müttern kaputtgemacht schwach. In der Comedy begnügt man sich mit der Wiederholung absurder Untersuchungsausschussprotokolle oder wörtlicher Wiederholung von Aussagen. Immer Repräsentation der Macht. Negativ. Ja. Aber. Keine Kritik. Keine Fragen. In Lokalnachrichtensendungen reicht es, die schweren Autounfälle oder die erweiterten Selbstmorde aufzuzählen und dazu streng zu schauen.

Das Medium ist ein einziger talking head. Die Reform der Nachrichtensendungen ist in alle anderen Sendungen eingewandert und überall wird nun die eine Stimme hörbar. Mit allen unbewussten Wünschen an die Geschichte. Und die Melancholie daraus lähmt jedes politische Interesse schon im Keim. Eine insgesamte Erstickung des Politischen ist in der angeblichen journalistischen Enthaltsamkeit dieser einen Stimme enthalten. Eine Ablehnung von allem, wie es ist oder sein könnte. Der Vorwurf des Sohns an die Väter, dass sie nicht gesiegt haben und eine schönere Welt vererbt haben. Dieser Vorwurf wurde in wirtschaftliche Hierarchien gebändigt und bestimmt über die Geldvergabe den Inhalt. In diesen Vorwurf wird jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin des ORF zwangsozialisiert.

Heute bedeutet das den totalen Selbstbezug. Der ORF spricht über den ORF, wie über den ORF gesprochen wird. Das sind dann die Zeichen der Dekadenz. Denn. Die Institution hat sich so selbst überlebt. Es wurde weder die Umerziehungsarbeit geleistet. Im Gegenteil. Aber die eine Stimme dagegen hielte gegen die Konkurrenz der anderen Sender dann auch nicht stand. Es ist Zeit, das einzusehen.

Wir haben alle mitbezahlt

Es ist eben keine Identität im Demokratisch-Politschen hergestellt, die für den ORF argumentieren ließe. Am Ende ist es einfacher, kalter Kapitalismus, der dann das Aufbegehren einer Generation gegen die Umerziehung durch die Sieger und die Selbstüberlassung darin einholt und zunichte macht. Deshalb. Warum geben wir den ORF nicht einfach an sich zurück und lassen uns unsere Anteile auszahlen. Entstaatlichung sollte zu einer kleinen Auszahlung an die Besitzer führen. Wir haben alle diesen riesigen Apparat mitbezahlt. Wir haben alle diese ganze riesige Bürokratie mitfinanziert, bei der dann nie Geld für den Inhalt da ist. Und haben wir das Bestmögliche bekommen? Doch ganz sicher nicht. Wir haben uns alle diese Intendanten und Intendantinnen teuer sein lassen. Und haben wir dann etwas Eigenes und Außerordentliches bekommen? Nein. Denn immer war die Gründerintention beherrschend. Immer blieb der ORF der Bacher-ORF. Ressentiment. Überwertigkeit. Chauvinismen. Alles gegen die Sieger gerichtet und gegen die hinter Demokratie vermutete Kollaboration. Stillstand das alles. Und. Die Österreicherinnen und Österreicher haben das mit der Identität auch so geschafft.

Ganz am Ende sinken die bösen Erbschaften mit den Erblassern in die Vergangenheit ab. Der "american way of life" hat sich über die globale Amerikanisierung auch so in Österreich eingenistet und selbstverständlich gemacht. Das ist nicht Demokratie, aber das ist auch nicht das Antidemokratische der Kalter-Krieg-Generationen. Einen Staatsfunk irgendeiner Art braucht dieses politische Gebrauchsmodell ganz sicher nicht. Und verächtliche Comedy. Die soll sich schön einmal auf dem Markt bewähren. Denn auch das ist ein Missverständnis. Die Comedy des Saturday Night Live. Die war und ist kritisch. Die bezieht sich auf den spezifischen american way of life und kann das auf Englisch tun. Und. Diese Comedy findet in einem Umfeld statt. Da hat niemand Monopolträume und der Erfolg entscheidet. Das ist nun auch nicht ideal. Aber. Niemand ist da Zwangsbeitragszahler und muss "aufessen", was auf den Tisch kommt. Der ORF eine einzige Geschichte von Zwang und Zwänglichkeit.

Die Erstickung des Politischen

Aber vielleicht. In kleine Einheiten aufgelöst und durch die wirkliche Verwirtschaftlichung außerhalb aller Monopole freigesetzt. Vielleicht bekommen wir dann die Comedy, die die Realsatire nicht einfach verstärkt, sondern mit ihrem Witz die Machtverhältnisse überwindbar offenlegt. Und ebensolche Nachrichten. Und ebensolche Kulturprogramme. Und Kunst. Obwohl. Die Zustände in Österreich (Salzburg und der Größenwahn einer Lokalkultur) sind so viel ernster, dass die Comedywelle im ORF einem als eine einzige und riesige Verschleierungskampagne vorkommen muss. Es ist nicht lustig und man sollte das zugeben. Und. Auch die Comedy braucht den Raum der Auseinandersetzung, den Demokratie bedeutete. Dahin sollten wir wollen. Dazu aber. Dazu hat der ORF seit seiner Neugründung nie etwas beigetragen. Ganz im Gegenteil.

PS: Und da haben wir jetzt das Kinderprogramm noch nicht besprochen. (Marlene Streeruwitz, DER STANDARD, Album, 15./16.12.2012)

Marlene Streeruwitz, geb. in Baden, veröffentlicht als Autorin und Regisseurin seit 1986. Sie lebt derzeit in Wien, Berlin, London und New York. Zuletzt erschien ihr Roman "Die Schmerzmacherin" (S. Fischer, 2011, auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis).

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    Baustelle ORF: "Alle sitzen zwangsweise in einem Boot und manchmal darf das Publikum lachen. Das entlastet das Publikum kurz."

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    Wir haben alle diese ganze riesige Bürokratie mitfinanziert, bei der dann nie Geld für den Inhalt da ist.

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