Selbstmord von britischer Krankenschwester wird zu Politikum

14. Dezember 2012, 17:40
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Die Abschiedsbriefe der Krankenschwester bringen die Klinik King Edward VII in London in Erklärungsnot: Die Leitung des Spitals soll doch Druck auf die Frau ausgeübt haben, bevor diese sich erhängte.

Während die Familie am Freitagabend mit einem Gedenkgottesdienst um Jacintha S. trauerte, wird der Fall der toten Krankenschwester in Großbritannien zunehmend zum Politikum. Die Kritik gilt vor allem dem Privatkrankenhaus Edward VII; einem Abschiedsbrief von S. zufolge hatten die Vorgesetzten doch, anders als zunächst dargestellt, hohen Druck auf sie ausgeübt. Die Krankenschwester (46) hatte vergangene Woche unwissentlich dazu beigetragen, dass vertrauliche Patientendaten über Kate Middletons Schwangerschaft an die Öffentlichkeit gerieten. Drei Tage später wurde sie tot aufgefunden.

Kritische Bemerkungen über Arbeitgeber

Beim Ermittlungsverfahren am Amtsgericht Westminister sprach der ermittelnde Polizeibeamte von drei Abschiedsschreiben; eines davon enthält laut Guardian die kritischen Bemerkungen über den Arbeitgeber. Klarheit darüber dürfte es aber erst beim Hearing im Frühjahr geben.

Bis dahin wollen die Beamten von Scotland Yard ihre Ermittlungen abschließen, in die auch die Kollegen der Polizei von New South Wales in Australien einbezogen werden. Moderatoren des in Sydney ansässigen Radiosenders 2DayFM hatten vorvergangenen Dienstag auf gut Glück im Spital angerufen und sich als Königin Elizabeth ausgegeben. Am Ende einer langen Nachtschicht nahm S. das Telefonat entgegen.

Anstatt den Scherz zu beenden, stellte sie die Anrufer auf die Station durch, wo die schwangere Herzogin von Cambridge wegen Schwangerschaftsübelkeit behandelt wurde. Das Krankenhaus hatte offenbar keinerlei Vorkehrung getroffen, um die Angestellten auf den Presserummel rund um Kate Middleton vorzubereiten.

Morddrohungen an Radiomoderatoren

Der Zorn der britischen Massenmedien konzentriert sich seither auf die beiden Radiomoderatoren, auch Morddrohungen haben die beiden bereits erhalten. Die australische Medienkommission geht der Frage nach, ob der Sender das Spital kontaktierte, bevor, der Scherzanruf ausgestrahlt wurde. Das wird von 2DayFM beteuert und in der Klinik dementiert.

Kritik an Abgeordnetem

Kritik gab es am Freitag auch am Publizität heischenden Vorsitzenden des Innenausschusses im Unterhaus, Keith Vaz. Der Abgeordnete geriert sich als Sprecher der Familie S. und präsentierte den Mann und die Kinder der Toten mehrfach den TV-Kameras.

In Großbritannien gilt als üblich, dass sich der jeweilige Wahlkreis-Abgeordnete um Bürger kümmert, die ins Licht der Öffentlichkeit geraten sind. Im Fall S. käme diese Rolle der konservativen Abgeordneten für Bristol zu, wo die Familie lebt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

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    Schülerinnen einer Krankenschwesternschule in Bangalore, Indien, bei einer Trauerveranstaltung für Jacintha S., die sich vorvergangene Woche in London das Leben genommen hatte.

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