Karrieregeplapper

14. Dezember 2012, 17:21
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Wöchentlich stellt sie die Fragen jener 30- und 40-Jährigen, denen es gut geht, also im gar nichts zu fragen haben

Erinnert sich noch jemand an Sarah Kuttner? Ab den frühen 2000ern erarbeitete sich die Berlinerin über den Musiksender Viva den Ruf einer Jugendikone. Viva war damals der Kanal für die Teenies mit quietschigen Formaten. Kuttner trug wesentlich zum Erwachsenwerden des Senders bei. In der Folge wechselte sie Kanäle, schrieb Kolumnen, Bücher und bastelte eifrig am Image der kecken Viel- und Schnellrednerin. Nachdem sich das mit dem Musik-TV irgendwann erledigt hatte, dünnte die Nachfrage nach der Moderatorin mit dem losen Mundwerk langsam aus.

Seit März hat Kuttner nun wieder ein eigenes Fernsehmagazin, allerdings nicht im Jugend-, auch nicht im Erwachsenenprogramm, sondern im Nischensender ZDF neo. Wöchentlich stellt sie dort die Fragen jener 30- und 40-Jährigen, denen es gut geht, also im Grunde genommen gar nichts zu fragen haben, Donnerstagabend etwa zum Thema Karriere: "Warum definieren wir uns so doll über unsere Arbeit und vor allem über ihren Erfolg?"

Eine berechtigte Überlegung, im großen Ganzen der Arbeitswelt präsentiert sich diese Form der Selbstreflexion als zynisches Geplapper aus der Sicht Habender. Ironie des Augenblicks: Kuttner stellt derlei Gedanken in der Stretch-Limo, wie einst Marie Antoinette schnattert sie vor sich hin: "Viele Leute haben jahrelang den gleichen Job, den sie einfach nur so herunterreißen - die sind ja auch ohne Selbstverwirklichung und Erfolg glücklich, werden dann aber gern als die breite Masse und der kleine Mann diskreditiert." So cool, dass es wehtut. (Doris Priesching, DER STANDARD, 15./16.12.2012)

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