Jubiläum eines ungelösten Forschungskrimis

12. Dezember 2012, 19:08
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Der Ende 1912 entdeckte Piltdown-Mensch war gefälscht - aber wer steckte dahinter?

London/Wien - Er sollte mehr als 40 Jahre dauern, bis der Betrug als solcher zweifelsfrei erwiesen war: 1953 konnten britische Forscher nach aufwändigen Untersuchungen zeigen, dass jene spektakulären Fossilien, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im englischen Dorf Piltdown in der Grafschaft Sussex ausgegraben worden waren, eine höchst raffinierte Fälschung waren. Der Skandal war damit perfekt. Bis heute allerdings ist nicht ganz klar, wer dahintersteckte.

Begonnen hat der Forschungskrimi offiziell am 18. Dezember 1912. Damals stellte der angesehene Paläontologe Arthur Smith Woodward den Sensationsfund bei einem Treffen der Geological Society vor. Der Rechtsanwalt und Hobby-Forscher Charles Dawson hatte ihn kontaktiert und ihm von seiner Entdeckung berichtet: Teile eines menschlichen Schädels mit dazugehörigem Kieferknochen, geschätztes Alter: rund 500.000 Jahre.

Das Besondere an diesem vorgeblichen Puzzleteil der Menschheitsevolution: Die Größe des Schädels deutete auf ein vergleichsweise hoch entwickeltes menschliches Gehirn hin. Der Kieferknochen hingegen erinnerte eher an einen Affen mit menschlich aussehenden Zähnen. Der Fund wurde vor allem als Beweis für die Theorie angesehen, dass die Entwicklung des Gehirns zuerst kam und die Ausbildung anderer Merkmale des modernen Menschen antrieb.

Ein Fund am rechten Ort

Der spektakuläre Fund kam zu einem günstigen Zeitpunkt: Angefangen mit dem Neandertaler in Deutschland waren in den Jahren zuvor in Europa und anderen Teilen der Welt mehr und mehr Fossilien von frühen Menschen gefunden worden. Allein auf den britischen Inseln wollte sich bis dahin keine Vormenschen-Spuren finden lassen.

Dieses Manko sieht der Paläoanthropologe Chris Stringer (Natural History Museum London) in einem Kommentar im Fachmagazin "Nature" als Hauptgrund an, warum trotz einiger Zweifel die Mehrzahl der Wissenschafter damals glauben wollte, der Fund sei echt. Seit 1953 hingegen weiß man: Der Kieferknochen stammte vermutlich von einem Orang-Utan, die menschlichen Schädelknochen sind höchstens 1000 Jahre alt. Sie waren zusammengestohlen, relativ raffiniert auf "alt" getrimmt und vergraben worden.

Seit 100 Jahren beschäftigen sich Forscher mit dem Fund, heute allerdings aus einem völlig anderen Grund als einst. Vor allem fasziniert die Forscher bis heute die Frage, wer dahintersteckte. Auch aus diesem Grund untersuchen Stringer und 14 Kollegen des Londoner Natural History Museum und verschiedener Universitäten die Funde mit neuesten Techniken. Wie die Forschung seit langem vermutet, war höchstwahrscheinlich Dawson dafür verantwortlich.

Der Wissenschaftshistoriker Oliver Hochadel spekuliert neuerdings, dass Dawson womöglich von einem ähnlichen, aber einfacher gestrickten Betrugsfall in Deutschland zur Aktion inspiriert wurde: Der Apotheker Wilhelm Rappe hatte in der Teufelshöhle bei Steinau einen zerbrochenen Schimpansenschädel vergraben, der 1911 prompt gefunden und für kurze Zeit als Sensationsfund bejubelt wurde.

Conan Doyle als Komplize?

Wer aber waren Dawsons Komplizen? Als ein Kandidat wird unter anderem "Sherlock Holmes"-Erfinder Arthur Conan Doyle genannt. Sein Motiv: Rache an der damaligen Wissenschaft. Infrage kommt aber auch der französische Jesuit und Forscher Pierre Teilhard de Chardin, der an den Grabungen beteiligt war. Diese Frage will Stringer demnächst mit seinen Kollegen klären.

Wer auch immer eingeweiht war - für Stringer gilt eine Lehre, die aus dem Fall zu ziehen ist, bis heute: "Die Piltdown-Fälschung ist eine beständige Erinnerung an Wissenschafter, dass etwas, was zu schön erscheint, um wahr zu sein, es wahrscheinlich auch nicht ist." (tasch, DER STANDARD, 13.12.2012)


Link
Nature: "The 100-year mystery of Piltdown Man" (kostenpflichtiger Artikel)

  • Sensationsfund oder Fälschung? Ein Gemälde aus dem Jahr 1915 zeigt Forscher beim Studium der Piltdown-Fossilien.
    foto: geological society of london

    Sensationsfund oder Fälschung? Ein Gemälde aus dem Jahr 1915 zeigt Forscher beim Studium der Piltdown-Fossilien.

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