"Dringender Tatverdacht" und fehlendes Alibi im Fall Kührer

    6. Dezember 2012, 12:52
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    Als Mädchen zuletzt gesehen wurde, soll Festgenommener mit Handy in Pulkau eingeloggt und nicht im Ausland gewesen sein

    Wien/Pulkau - Nach der neuerlichen Festnahme eines 51-Jährigen im Fall Julia Kührer "ist der dringende Tatverdacht als erhärtet anzusehen". Das sagte der Landespolizeidirektor von Niederösterreich, Franz Prucher, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Innenministerium Wien. Laut Ernst Geiger, Ermittlungsleiter im Bundeskriminalamt (BK), ist das bisherige Alibi des Mannes widerlegt.

    Die Schülerin aus Pulkau im Weinviertel war seit 27. Juni 2006 abgängig gewesen. Am 30. Juni 2011 wurden ihre sterblichen Überreste in einem Erdkeller in Dietmannsdorf (Bezirk Hollabrunn) entdeckt.

    "Von Anfang an der Hauptverdächtige"

    Unmittelbar danach wurde der Grundstückseigentümer festgenommen. Aufgrund der Beweislage Anfang Juli 2011 wurde er jedoch nach 48 Stunden entlassen. Er gab an, jemand anderes müsse die Leiche in seinem Erdkeller abgelegt haben.

    Am gestrigen Mittwoch wurde er neuerlich festgenommen. An einem verkohlten Deckenrest waren bei verfeinerten Untersuchungen DNA-Spuren des 51-Jährigen, der "von Anfang an der Hauptverdächtige" gewesen war, sichergestellt worden.

    Todesursache nicht letztgültig zu klären

    Die Todesursache lässt sich nicht mehr zu 100 Prozent klären, betonte Ernst Geiger, Ermittlungsleiter im Bundeskriminalamt bei der Pressekonferenz. Die Gutachten würden aber aussagen, dass der Tod des Mädchens "nicht bloß fahrlässig oder eigenverschuldet eingetreten ist". Die Ermittlungen gehen in Richtung Mord, so Geiger.

    Die DNA-Analyse ergab: 15 der 16 Merkmalspuren stimmen mit dem DNA-Profil des Verdächtigen überein. "Das ist ein DNA-Beweis", sagte Geiger. Der Festgenommene hat vorerst kein Geständnis abgelegt. "Er bedient sich einer leugnenden Verantwortung", so Geier, und behauptete stets, zum Zeitpunkt des Verschwindens des 16-jährigen Mädchens in Tschechien gewesen zu sein.

    Die Ermittler könnten aber mittlerweile nachweisen, dass er, als Julia Kührer zuletzt gesehen wurde - nämlich als sie aus einem Bus in Pulkau ausgestiegen ist -, mit seinem Handy am Hauptplatz in Pulkau eingeloggt war, sagte Geiger. Sein Mobiltelefon konnte in seiner damaligen Videothek lokalisiert worden. 

    Erfahrungsaustausch mit Deutschland

    Jugendliche wären in dem Lokal ein- und ausgegangen, hätten Getränke und auch Suchtmittel konsumiert. Es gebe viele Aussagen, die den behaupteten losen Kontakt des Verdächtigen mit Julia Kührer widerlegen würden, sagte Geiger. Außerdem hätte die Zusammenarbeit mit der Grenzpolizei ergeben, dass der Mann erst einen Tag später als bisher angegeben in Tschechien eingereist sei.

    Für den nunmehrigen Sachbeweis kam den Ermittlern der Erfahrungsaustausch mit deutschen Kollegen, konkret mit dem Landeskriminalamt Hessen, zugute. Im "Mordfall Mirco" sei eine sehr aufwendige Hautschuppenanalyse durchgeführt worden und habe zum Erfolg geführt. Diese wurde dann auch bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg angeregt und in Mödling durchgeführt, was zur Festnahme des Verdächtigen führte. 

    Verteidigung pocht auf Unschuld

    Die DNA-Spur auf der Decke "sagt noch nichts" und sei "zu wenig", betonte indes Anwalt Farid Rifaat, der Rechtsvertreter des 51-Jährigen. Sein Mandant habe mit dem Verschwinden und Ableben Julia Kührers nichts zu tun. Es sei daher nicht verwunderlich, dass er kein Geständnis ablege.

    Erst wenn die Polizei imstande sei nachzuweisen, dass sein Mandant der Erwerber und alleinige Benützer der Decke gewesen sei, wäre die Annahme eines dringenden Tatverdachts berechtigt. Dieser habe das Stück jedenfalls nicht gekauft. Dass er damit in Berührung gekommen sein kann, sei nicht auszuschließen. Deshalb sei er jedoch "noch lange nicht der Täter", so der Anwalt. Es gebe auch nach wie vor keine Todesursache Julia Kührers. "Daher habe ich kein Delikt."

    Für den Anwalt ist auch kein Alibi widerlegt worden. Es sei vielmehr "eine gewisse Klärung" dahingehend erfolgt, dass sein Mandant nicht am 27. Juni 2006, dem Tag des Verschwindens der damals 16-Jährigen, sondern erst am folgenden Tag in Tschechien war. Sein Mandant sei bei den Befragungen im BK kooperativ.

    Anwalt der Eltern sieht "massive Zweifel"

    Gerald Ganzger, der als Anwalt die Eltern von Julia Kührer vertritt, sieht in der Festnahme des 51-Jährigen einen möglichen Durchbruch in dem Fall. Es sei freilich noch "zu früh, es zu beurteilen", sagte er Donnerstagvormittag. Die DNA-Spur auf der Decke sei jedenfalls ein "sehr wichtiges, möglicherweise entscheidendes Indiz, das gefunden worden ist". Ganzger merkte in diesem Zusammenhang an, dass der Verdächtige "bisher jeden Zusammenhang mit der Leiche verneint" habe. Nun würden sich "massive Zweifel" an der Verantwortung des 51-Jährigen ergeben. Julias Eltern würden die Ermittlungen mit großem Interesse verfolgen.

    Der 51-Jährige wurde am Donnerstag weiter einvernommen. Am Freitagabend soll er ins Landesgericht Korneuburg eingeliefert werden. (APA/red, 6.12.2012)

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      Ein Polizeibus vor dem Haus in Dietmannsdorf, in dessen Keller die Überreste Julia Kührers gefunden wurden.

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      Sowohl der Wohn- als auch der mutmaßliche Tatort liegen im nördlichen Niederösterreich.

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