Armut ist immer relativ

Blog5. Dezember 2012, 12:42
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Im Streit um Zu- oder Abnahme in Österreich argumentieren beide Seiten mit ideologischen Scheuklappen

Nun hat sich auch ÖVP-Seniorenbundchef Andreas Khol im Standard in die Debatte rund um das Ausmaß der Armut eingeschaltet. Und wie zu erwarten, bleibt er auf Parteilinie, in dem er die Zahlen der anderen Seite (Statistik Austria, AK, SPÖ) infrage stellt.

Aber auch die Beiträge aus SPÖ und Arbeiterkammer zum Armutsbericht der Statistik Austria, ebenso wie die Verteidigung des Berichts durch Statistik-Chef Konrad Pesendorfer, dienten vor allem dazu, politische Standpunkte zu vertreten statt aufzuklären.

In der Erwartung, dass ich dann von beiden Seiten Prügel einstecken werde, will ich das komplexe Thema Armut ohne ideologische und parteipolitische Schauklappen angehen.

Kurz gefasst: Armut ist immer relativ. Wenn man von der lebensbedrohenden Unterernährung in Teilen Afrikas und Asiens absieht, bedeutet Armut immer, dass man deutlich weniger zum Leben hat als die Mehrheit in der eigenen Gesellschaft als angemessen erachtet.

Relative Armut ist nicht weniger schmerzhaft als absolute, das zeigen alle Studien. Aber sie ändert sich, je nach Land und Zeit. Armut im Österreich von heute ist etwas ganz anderes als vor 100 Jahren oder auch nur vor 50, und anders als in Indien, der Ukraine oder auch nur in Ungarn.

Das ursprüngliche Kriterium der Armutsmessung - arm ist, wer weniger als 60 Prozent des Median verdient - ist per Definition relativ und sinkt auch nicht, wenn die Gesellschaft als Ganzes reicher wird.

Aber es ist auch richtig, dass sich die zusätzlichen Kriterien mit wachsendem Konsum verändern. Der Besitz eines Farbfernsehers (wo bitte, kriegt man heute übrigens noch ein Schwarz-Weiß-TV her?) ist kein Zeichen, dass eine Familie nicht arm ist. Und auch mit einer Kategorie-C-Wohnung am Gürtel gehörte man einst zur unteren Mittelschicht, heute aber wahrscheinlich zur Gruppe der Armutsgefährdeten.

Bloß weil sich die Maßstäbe verändern, heißt es nicht, dass es weniger Arme gibt. Aber angesichts der veränderten Indikatoren kann man auch nicht pauschal behaupten, dass es in einem reichen Land wie Österreich keine Armut geben dürfe und deren anhaltende Existenz ein Skandal sei.

Relative Armut ist unvermeidbar in einer Gesellschaft, in der nicht jeder gleich ist. Das müsste auch Statistiker Pesendorfer wissen, bevor er Sätze wie "Armut ist in reichen Staaten vermeidbar" schreibt und seinen Kritikern ideologische Vorurteile vorwirft.

Die Zahl der Armutsgefährdeten hoch zu lizitieren, weil man die Definition verändert hat, ist unseriös; sie herunterzuschreiben, indem man sich an überholten Armutskriterien klammert, ebenso.   

Wenn die relative Armut in einer Gesellschaft zunimmt, dann hat das mit wachsender Ungleichheit zu tun. Und die Ungleichheit nimmt auch in Österreich zu, wenn auch recht langsam und von einem niedrigen Niveau.

Dafür gibt es drei Hauptgründe:

  1. Die wirtschaftliche Globalisierung belohnt Menschen mit guter Ausbildung und bestraft jene, die keine Qualifikationen haben.
  2. Arm sind vor allem alleinerziehende Mütter, und deren Zahl nimmt durch Scheidungen und neue Familienbilder zu.
  3. Armut ist außerdem typisch für Menschen mit Migrationshintergrund, und auch deren Zahl nimmt zu. Das gilt für alle Länder der Welt (auch für "Einwandererparadiese" wie Kanada), in Österreich kommen noch besondere Integrationshürden dazu.

Dadurch verschärft sich das Armutsproblem auch in Österreich. Wer diese Armut verringern will, muss sich dieser Phänomene annehmen.

Der Schlüssel liegt weniger in einer Politik der Umverteilung - so hoch können Vermögenssteuern gar nicht sein, als dass die Kluft zwischen oben und unten deutlich schrumpft - als in gezielten Maßnahmen gegen jene Faktoren, die Geringqualifizierte, Alleinerzieherinnen und Migranten finanziell zurückhalten. Das geht über eine flächendeckende Kinderbetreuung schon im Kleinkindalter und einer besseren Schulbildung auf dem untersten Niveau.

Österreich macht in dieser Hinsicht Fortschritte, aber wie man beim Gerangel um die Ganztagsschule sieht, die einen Quantensprung für die Armutsbekämpfung darstellen würde, viel zu langsam.

Hier sollte die Armutsdebatte ansetzen, nicht beim Streit um die Definition. (Eric Frey, derStandard.at, 5.12.2012)

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