Jahresrundschau: Heaven and Hell's Bells

    Ansichtssache15. Dezember 2012, 10:13
    67 Postings

    Geschenktipps für Genrefans: Die besten Phantastik-Romane des Jahres im Schnelldurchlauf - plus ein paar Neuvorstellungen

    Bild 18 von 19
    coverfoto: tor books

    Gregory Benford & Larry Niven: "Bowl of Heaven"

    Gebundene Ausgabe, 412 Seiten, Tor Books 2012

    Wenn Terry Pratchett und Stephen Baxter schon ein spektakuläres Autorenpaar waren, dann klingt dies hier nach einer Ehe, die im Himmel der Hard SF geschmiedet worden sein muss: Gregory Benford ("Zeitschaft") und der auf ewig im "Ringwelt"-Ruhm badende Larry Niven gehören beide derselben Generation wissenschaftlich orientierter Science-Fiction-AutorInnen an, die in den 70ern und 80ern ihre Blütezeit hatte. Insofern schien "Bowl of Heaven" vorab eine sichere Bank, um einen weiteren bislang noch nicht besprochenen Titel unter die Jahres-Best-of zu schmuggeln. Es hat sich auch als guter Roman erwiesen - aber eher für die nostalgisch Veranlagten.

    Big Dumb(?) Object

    Die Prämisse klingt verlockend, wenn auch bekannt - tatsächlich kann man über den gesamten Roman hinweg ein gewisses Déjà-vu-Gefühl nicht abschütteln: "Bowl of Heaven" ist ein klassischer BDO-Roman - die Ringwelt lässt grüßen. In diesem Falle stößt eine menschliche Expedition auf ein schüsselförmiges Konstrukt mit einem Durchmesser von etwas mehr als der Umlaufbahn des Merkur um die Sonne. Dieser rotierende "Wok mit Loch im Boden", wie es die Crew der "SunSeeker" einmal treffend beschreibt, folgt einem Roten Zwerg und fokussiert dessen Sonnenwind zu einem Plasmastrahl, der das gesamte gigantische Konstrukt mit 10.000 Kilometern pro Sekunde durch die Milchstraße bewegt.

    Gar soooo weit hat sich Niven von seinem Erfolgsrezept also nicht entfernt. Und da nur ein Streifen der inneren "Seitenwand" dieser Schüssel bewohnt ist, haben wir es genau genommen eh wieder mit einer Ringwelt zu tun. Auf der "SunSeeker" tauft man sie provisorisch Cupworld, so richtig zufrieden ist mit diesem Namen aber niemand. Und wenn es einmal heißt: Cliff had tried to think of something descriptive yet high-minded, and failed - dann drückt dies vor allem aus, wie die beiden Autoren vergeblich nach einer cooleren Bezeichnung für ihre Vision gesucht haben.

    Die Schüsselwelt tut ihr Möglichstes, um zu beeindrucken. Ironischerweise ist es aber das Anfangskapitel, in dem die Vorbereitung der Expedition beschrieben wird, das den meisten Sense of Wonder verbreitet. It struck him how much like artworks machines seemed in space. Here they suffered no constraints of gravity, and so looked like contorted abstracts of Euclidean geometries, cubes and ellipsoids and blunt cylinders that made mobiles without wires, moving with glacial grace against the faint jewels of brimming starlight. Eigentlich nur als Einstimmung gedacht, steckt der langsame Tanz der menschlichen Weltraum-Infrastruktur die später folgenden Gigantismen in die Tasche. 

    Die Handlung

    Angetrieben von einem Bussardkollektor, begibt sich die "SunSeeker" auf eine Reise, die nach Bordzeit Jahrzehnte, aufgrund der relativistischen Verzerrung aber eigentlich Jahrhunderte dauern wird. Ziel ist ein Stern, der hoffentlich einen kolonisierbaren Planeten hat. Extra interessant zudem, weil aus diesem System nicht einordenbare Gravitationswellen empfangen wurden - möglicherweise Anzeichen für eine außerirdische Zivilisation. Aber soweit kommt man vorerst gar nicht. Denn unterwegs taucht da plötzlich diese Schüssel auf, die offenbar auf denselben Stern zusteuert. Weil es technische Probleme gibt und die Vorräte aufgefrischt werden müssen, aber natürlich auch aus brennender Neugier, beschließt man auf der "SunSeeker", das Riesenobjekt zu erkunden.

    ... beweist dabei aber nicht gerade diplomatisches Geschick. Mit dem Ergebnis, dass das Erkundungsteam in zwei Grüppchen aufgespalten wird, die sich getrennt voneinander über die unvorstellbar große Oberfläche der Kunstwelt durchschlagen müssen. Eines wird vom Biologen Cliff Kammash geleitet, das andere von seiner Frau Beth Marble. Die Trennung der beiden stellt den Human-Drama-Anteil des Romans, ohne jedoch wirklich zum Mitfiebern Anlass zu geben. Primär ist es eine Survival-Geschichte in exotischer Wildnis (mit Dinosauriern und diversem anderen Getier, das dem der Erde gar nicht so unähnlich ist). Detail am Rande: In einem fort werden die Mühen der beiden Teams beschrieben, Nahrung aufzutreiben. Sie scheinen aber beim Jagen recht erfolgreich zu sein, jedenfalls essen sie auf jeder zweiten Seite.

    Vögel und andere Produkte der Evolution

    Einer der Hauptunterschiede zu "Ringwelt" liegt darin, dass die Cupworld immer noch voll funktionsfähig ist. Und ihre Herren sind auch noch da. Ob sie das Ding auch wirklich selbst gebaut haben, sei mal dahingestellt - so richtig überzeugend als Superzivilisation kommen sie nämlich zumindest für mich nicht rüber. Ihre Elite jedenfalls gebärdet sich wie karrierefokussierte Beamte in einem streng hierarchischen Intrigantenstadl. Und ist es ein Zeichen von geistiger Überlegenheit, wenn man sich bemüßigt fühlt, ebendiese Überlegenheit permanent zum Ausdruck zu bringen? Oder wird damit nicht eher eine tiefsitzende Unsicherheit kaschiert? Vielleicht kommt hier ja noch die "Große Schande" aus der Vergangenheit ins Spiel, die mal kurz erwähnt wird - der nächste Band wird es vermutlich zeigen.

    Die Cupworld-BewohnerInnen stammen von vogelähnlichen Wesen ab, sind extrem langlebig und haben ihre gesamte Kultur darauf eingestellt, alles stabil und veränderungslos zu halten. Körperlich haben sie sich in eine Reihe von Unterarten mit unterschiedlicher Intelligenz aufgespalten, an deren Spitze die Astronomers stehen. Und eineR davon, Memor, demonstriert uns auch gleich eine weitere Besonderheit: Im Laufe ihres Lebens wechseln sie nämlich das Geschlecht ... und mit ihm auch den Grundcharakter. Das gibt in Summe eine ganze Reihe Faktoren, die Larry Niven das tun lassen, was er so gerne tut: Eine Zivilisation auf ihre biologischen Determinanten zurückzuführen. Selbstironisch schreibt das Autoren-Duo: Evolutionary theory would predict a clear pattern in the aliens, and males loved the mechanisms of theory. Das denkt Memor über die Menschen und das denken umgekehrt genauso die Menschen über Memors Volk. Und unterhalten sich darüber während ihrer zahlreichen Esspausen lang und breit - Memor würde sagen: typisch geschwätzige Primaten.

    Resümee

    So glamourös, wie die Autorennamen es vielleicht erwarten ließen, ist "Bowl of Heaven" leider nicht geworden. Es ist aber immerhin der richtige Roman für alle diejenigen, die Sense-of-Wonder-SF im Stil der 70er lieben. Dass der Roman fest im Geist dieser Ära verankert ist, zeigt nicht zuletzt der Umstand, wie beiläufig die beiden Autoren z. B. mit dem Thema Künstliche Intelligenzen umgehen. Priorität haben hier die Topoi Mobilität und Architektur, nicht die Wunder der Informationstechnologie, auf die jüngere AutorInnen in ihren Space Operas sehr viel fundierter eingehen würden. Kurz: "Bowl of Heaven" ist Old School SF.

    Eine kleine Vorwarnung noch: "Bowl of Heaven" ist nur der erste Band einer Duologie, vielleicht auch einer Trilogie (so genau weiß man das noch nicht). Und der Roman endet so abrupt, als würde es nach einer kurzen Werbepause gleich weitergehen. Vom Nachfolgeband steht bislang allerdings noch kein VÖ-Termin, sondern erst der Titel fest: "Shipstar". Hoffentlich wird der dann befriedigende Antworten auf die zahlreichen offen gebliebenen Fragen geben. Darunter sind nämlich auch einige plotmäßige Zeitbomben, die Benford & Niven noch durchaus ins Gesicht explodieren könnten ...

    weiter ›
    Share if you care.