Jahresrundschau: Heaven and Hell's Bells

    Ansichtssache15. Dezember 2012, 10:13
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    Geschenktipps für Genrefans: Die besten Phantastik-Romane des Jahres im Schnelldurchlauf - plus ein paar Neuvorstellungen

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    coverfoto: p.machinery

    Ralph Boldt & Wolfgang Jeschke (Hrsg.): "Die Stille nach dem Ton. Und die anderen preisgekrönten SF-Kurzgeschichten des SFCD-Literaturpreises 1985-1998 und des Deutschen Science-Fiction-Preises 1999-2012"

    Broschiert, 392 Seiten, p.machinery 2012

    Als Ergänzung für StammleserInnen der Rundschau kommen jetzt noch ein paar Neuvorstellungen - allerdings solche, die sich unter dem "Best of"-Emblem einreihen lassen. Beim ersten Titel gilt dies gleich in doppelter Hinsicht: "Die Stille nach dem Ton" ist nämlich die Sammlung sämtlicher Kurzgeschichten, die jemals den Deutschen Science Fiction Preis gewonnen haben. Der 1985 eingeführte SFCD-Preis ist neben dem Kurd-Laßwitz-Preis die wichtigste deutschsprachige Auszeichnung im Genre - großartige Idee für eine Anthologie also. Was allerdings nicht der einzige Grund ist, warum sich beim Lesen ein erhabenes Gefühl einstellt. Weil der Band das ungewöhnliche Format 30 x 15 Zentimeter hat, kommt man sich mit diesem Ding in der Hand vor wie Moses, der mit den Gesetzestafeln vom Berg herabsteigt. Und die Seiten sind auch ausgesprochen eng bedruckt - da steckt eine ordentliche Menge Lesestoff drin.

    Immer gut: Wolfgang Jeschke

    Bei 28 Geschichten ist es natürlich unmöglich, auf jede einzeln einzugehen. Im Folgenden also eine Perlenlese - und da kommt man automatisch zu Wolfgang Jeschke, einem der Veteranen der deutschsprachigen SF. Zugleich ist Jeschke einer von nur drei Autoren, die den Kurzgeschichten-Preis dreimal abgeräumt haben. Und jede dieser Erzählungen gehört auch wirklich zu den allerbesten. Zum Beispiel "Nekromanteion" aus 1986: Geschildert aus der Perspektive der kleinen Leute, nämlich einer Familie in einem griechischen Dorf, clashen hier Zukunft und Tradition aneinander. Auslöser ist eine Technologie, die es ermöglicht, Verstorbene für einen kurzen Zeitraum in Form einer Kopie zu "reanimieren". Dass das Verfahren eigentlich nur das Abfallprodukt einer Methode zur Erzeugung künstlicher Lebensmittel ist, lässt schon erahnen, wie feierlich das Ergebnis aussehen wird. Die Erzählung ist detailreich und nachfühlbar - man merkt, dass der Autor sein Setting kennt.

    In "Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan" (1994) wird selbigem in grausiger Weise vor Augen geführt, was es bedeutet, den Schutz des ungeborenen Lebens über den des geborenen zu stellen. Nicht dass es etwas nützen würde, natürlich nicht. "Orte der Erinnerung" schließlich, die Siegergeschichte von 2011, zeigt, dass Jeschke nach wie vor zu den Großen zählt: Hier geht es um das Ehepaar Howard und Yule, deren Leben zunehmend durch Anrufe von einem Unbekannten gesteuert wird, der offenbar die Zukunft kennt. Das Wissen um das, was kommen wird, und die darin mitschwingende Unvermeidlichkeit verleihen der wunderbaren Geschichte zwangsläufig eine melancholische Note. Wer mehr von Jeschke lesen will, sei auf die bei Shayol erschienenen Storybände "Der Zeiter", "Partner fürs Leben" und "Orte der Erinnerung" hingewiesen. Empfehlung!

    Ebenso: Michael K. Iwoleit ...

    Den zweiten Preis-Hattrick hat Michael K. Iwoleit gelandet - siehe seinen vorhin bereits angeführten Erzählband "Die letzten Tage der Ewigkeit", in dem auch "Ich fürchte kein Unglück" (2004) enthalten ist. 2002 gewann er den Preis zum ersten Mal mit "Wege ins Licht", einer Holocaust-Geschichte um persönliche Rache, Schuld und Reue - verlegt allerdings in eine postapokalyptische Zukunft. Nanoviren lassen die unsterblichen BewohnerInnen dieser Welt nach jedem Tod wiederauferstehen - jedes Mal ein Stück mehr entstellt und jedes Mal unter Verlust eines weiteren Teils ihrer Erinnerungen. Das Motiv des Gedächtnisverlusts hat Iwoleit in "Psyhack" (2006) noch einmal aufgegriffen. In den 2040er Jahren haben biotechnologische Verbrechen ein Ausmaß an Menschenverachtung erreicht, das kaum noch erträglich ist - und Hauptfigur Marek erledigt selbst noch die dreckigsten Jobs. Eines Tages wird er jedoch mit seiner längst gelöschten Vergangenheit konfrontiert - und muss erkennen, dass er mal ein echter Idealist war.

    Ein Highlight ist auch die surreale Erzählung "Die Stille nach dem Ton" (1999) von Michael Marrak: Was immer deren Protagonist Radiant daheim am Fernseher sieht, ist am nächsten Tag aus der Realität verschwunden - erst Glocken und Hunde, dann ... mehr. Karla Schmidt lässt in "Weg mit Stella Maris" (2009) eine Ökologin gegen ihre Mutter, eine Weltraumpionierin, antreten. Was nach einer simplen Konfrontation der Prioritäten in Sachen Zukunft der Menschheit aussieht, wird jedoch auf eine viel originellere Weise zusammengeführt. Und wenn wir schon beim Stichwort "originell" sind: Bei Pointen macht Heidrun Jänchen so schnell keiner was vor. In "In der Freihandelszone" (2012) fallen zwei Sorten von Ausbeutern parallel über den Planeten Leiwal her: Männliche Sextouristen und eine raffgierige Handelsdelegation von der Erde. Wie die beiden Elemente schließlich zusammengeführt werden, ist großartig. Und böse. Und damit natürlich superlustig.

    Marcus Hammerschmitt ("Nachtflug") hat sich inzwischen den Ruf erworben, einer der besten SF-Erzähler deutscher Zunge zu sein. Hier ist er zweimal vertreten: In "Die Sonde" (1996) verschwimmen für einen Mars-Astronauten mit Gehirn-Implantat Gegenwart und Erinnerungen, Realität und Träume. "Canea Null" setzt ein Team von PionierInnen auf einer Welt aus, in der Pilze die alles dominierende Lebensform darstellen. 15 Menschen sind es, und doch kein Team - jeder bleibt für sich allein. Und keiner von ihnen wirkt noch so richtig normal.

    Was fehlt

    Ein Manko ist leider, dass die Anthologie keine biografischen Angaben zu den AutorInnen enthält. Umso mehr, als hier nicht nur bekannte Größen enthalten sind - von der Generation der 70er und frühen 80er Jahre (Reinmar Cunis, Thomas R. P. Mielke) bis zu später bekannt gewordenen Namen wie Andreas Eschbach oder Frank W. Haubold. Dazwischen gibt es auch solche, die nur mal kurz ins Genre hineingeschnuppert haben, um sich dann wieder anderen Dingen zu widmen. Und sogar einige echte "Whatever happened to?"-Fälle. Da wäre ein bisschen Zusatz-Info schön gewesen.

    Interessant beispielsweise die Vita von Rainer Erler: Seine wichtigsten Beiträge zum Genre lagen nicht in der Literatur, sondern im Fernsehen. Filme wie "Operation Ganymed", "Fleisch" oder die Serie "Das Blaue Palais" aus den 70er Jahren stehen für eine Zeit, in der sich die TV-Anstalten plötzlich an die Produktion von SF-Stoffen wagten, und prägten eine ganze Generation. In "Die Stille nach dem Ton" ist Erler zweimal vertreten: Die bessere Geschichte ist "Ein Plädoyer" (2001), die selbstherrliche Suada eines Genetikers, der aus Schimpansen eine neue "Superrasse" gezüchtet hat. Der Beschreibung nach allerdings eine, die Stück für Stück all das wiederholt, was der Menschheit ihren schlechten Ruf eingebracht hat.

    As time goes by

    Dass sich die Anthologie über ein Vierteljahrhundert erstreckt, merkt man natürlich. Und damit sind nicht nur vereinzelte Details gemeint, die inzwischen obsolet geworden sind. Etwa wenn sich ein Computerjunkie via Modem in eine superechte Virtuelle Realität einklinkt. Oder wenn das Spaceshuttle-Programm anhaltende Erfolge feiert. Viel interessanter ist, wenn eine Erzählung erkennbar von ihren zeitlichen Rahmenbedingungen beeinflusst worden ist. "Die Asche des Paradieses" (2005) von Karl Michael Armer etwa entstand eindeutig unter dem Eindruck der Irak-Invasion - Inhalt der mitunter ein wenig plakativen Geschichte ist der zum Weltkrieg gewordene Konflikt zwischen Christentum und Islam. Ein anderes Beispiel wäre das satirische "Vryheit do ik jo openbar" (1987) von Reinmar Cunis. Der darin beschriebene Zerfall der Bundesrepublik Deutschland in Mikro-Staaten mutet auf den ersten Blick seltsam an - stammt aber aus einer Ära, als europaweit die Regionalismusbewegungen auflebten.

    Die im Rückblick schwächste Phase des Preises lag in den späten 80ern und frühen 90ern, als das SFCD-Preiskomitee offenbar eine Schwäche für selbstverliebt-manierierten Stil und launigen Dozenten-Humor hatte. Natürlich gab es in jeder Zeit Ausreißer nach oben und unten, aber generell lässt sich doch feststellen: Die Stories aus den 90ern waren im Schnitt besser als die aus den 80ern - und die nach dem Millennium veröffentlichten besser als die aus den 90ern. Das ist doch mal ein Trend, der optimistisch stimmt!

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