Die Schablonenformen unserer Zuneigung

25. November 2012, 19:02
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Stephan Müller sucht und findet die Mechanik in den Gefühlen: "Anna Karenina" am Volkstheater

Wien - "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." Der berühmte erste Satz aus Leo Tolstois Anna Karenina ist allerspätestens nach 1200 Romanseiten bestätigt. Das Theater kann aber nicht so lange warten (ausgenommen es inszeniert Peter Stein) und greift auf handlichere Formate zurück.

Armin Petras schlanke Fassung ist ganz konzentriert auf die Mechanik dieser Liebestragödien, auf die stufenweise Entflammung eines Gefühls - oder die stufenweise Abkühlung, das allmähliche Verzeihen oder das schrittweise Nachgeben. Diese Mechanik schält Stephan Müllers Inszenierung am Volkstheater heraus. Gefühle drücken sich auf der mit roten Kulissenwänden verschachtelten Bühne (Hyun Chu) in großen Bewegungen aus, manchmal recht maschinell, als wären die hier Handelnden ferngesteuerte Figurinen, denen per Knopfdruck die Beine in die Höh' schwingen oder die Augen weit werden.

Im Zentrum steht die Beamtengattin Anna Karenina (Martina Stilp), deren Unglück im Angesicht der Misere der anderen Familien ins Riesenhafte wächst: Die Oblonskis (Susa Meyer, Patrick O. Beck) leiden an der Durchschnittlichkeit ihres Daseins und den außerehelichen Abenteuern des Patrons; Gutsbesitzer Lewin (Till Firit) macht sich das Leben schwer, weil er sich seiner angebeteten Kitty (Hanna Binder) gegenüber nicht für würdig empfindet. Bei den Karenins (Stilp, Michael Wenninger) zündet Graf Wronski (Roman Schmelzer) den unter den Ehegatten arrangierten Frieden an. Er stürzt sich mit heißem Herz und sülziger Poesie auf die schöne Karenina, sie bekommen ein Kind, werden geächtet, seine Liebe schwindet.

Was dieser maschinelle, unterkühlte Ablauf insbesondere sichtbar macht: Es herrschen heimtückische Ansprüche zwischen den Geschlechtern. Die Gefühle wirken durch ihre technoide Optik von Anfang an nicht echt, als wären sie bereits vom zukünftigen Unglück unterwandert. Kitty etwa wünscht sich einen schicken, urbanen Herrn in Maßanzügen, einen Typen wie Wronski, der ihre Prinzessinnenträume erfüllt. Als Eistänzerin in Tüll (Kostüme: Birgit Hutter) gleitet sie gleich zu Beginn dieser falschen Verheißung hinterher. Verehrt wird sie aber vom Großbauern aus der Provinz, Lewin (Firit), der mit dicken Wollhandschuhen und ehrlichen Absichten so viel lebendig pulsierendes Blut in diese Inszenierung bringt, dass man betroffen mitleidet. Für ihre Hochzeit gönnen sie sich auch ein wenig Slapstick.

Wie eine Totgeburt wirkt dagegen die in Schablonen gezeichnete Liebe von Karenina und Wronski. Dass er Vater wird, quittiert der pomadisierte Geck mit zähnefletschender Herzlichkeit. Was folgt, ist ein Totentanz, der die Karenina noch einmal verwandelt zeigt. Mit Pagenkopf und Medea-gleichem Furor zieht sie als Verstoßene mit Wronski umher. Das Baby ist gestorben, Wronski malt zur Gedankenzerstreuung, sie selbst schreibt Kinderbücher. Eine moderne Familie, die therapeutisch um sich selbst kämpft. Dass solchen Tragödien echte Massaker folgen können, deutet Müller mit dem Schlussbild an.

Die Theaterfassung ist ungnädiger zu den Figuren als der Roman von Tolstoi. Sie differenziert die Charaktere nicht aus, zeigt nur die Ichbezogenheit und steuert so gezielt auf das Ende zu - das geht auch auf Kosten der Empathie. Doch die Rechnung hält sich die Waage. Müllers Entschlossenheit zur Mechanisierung trägt andere Früchte. Sie lässt in strengen Choreografien die Schauspielerkörper mit dem Bühnenbild geradezu verschmelzen, als wären sie Teil ein und derselben Materie. (Margarete Affenzeller, 26.11.2012)

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    Blutrote Bühne: Roman Schmelzer (Wronski), Michael Wenninger (Karenin) und Martina Stilp als Anna Karenina.

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