Gesamtkunstwerk Provinzhauptstadt

12. August 2003, 19:45
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Die Gründung der "Republik Acconci" als amüsanter Zerrspiegel von "Graz 2003"

Graz/Acconci a. d. Mur - Sie hat eine niedrigere Glücksspielrate als das Fürstentum Monaco, ihre (offizielle) Fruchtbarkeitsrate ist höher als die des Vatikanstaats, und Max Frisch hat nie ein Theaterstück mit ihrem Namen verfasst - doch in ihr ist alles Theater: die Republik Acconci an der Mur, ein wahrer Inselstaat.

Ausgerufen am Donnerstagabend von Grazer Bürgern, die im Brotberuf Schauspieler und Regisseure des Theaters im Bahnhof (TiB) sind und mit der Staatsgründung das auf die Mur-Insel zurückholen, was zum Designerteil des New Yorkers Vito Acconci passt wie die Faust aufs Auge: die hohe Kunst der Provinzialität. Bis 13. Juli soll zehn Tage lang die "provinzielle Essenz des echten Graz" gerettet werden. Nach der Devise: Ganz Graz ist nur Theater, alles hier gespielt, nur in Acconci herrscht das echte Leben.

Im Programm der Kulturhauptstadt sieht das so aus: Das TiB-Ensemble bespielt rund 14 Stunden am Tag die "sicherste Insel der ganzen Welt" samt "Strand der Halbperfekten", wo man selbstbewusst "die eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten" zur Schau tragen kann.
Doch Konsul Hoff alias Helmut Köpping erklärte bei der feierlichen Staatsgründung am Donnerstagabend, dem ersten Staatsfeiertag von Acconci, die "Wirklichkeit": Ein Heer von Statisten und arbeitslosen Schauspielern spielt 2003 die gesamte Grazer Bevölkerung. Und - wie Hoff anhand eines Videos bemängelte - sie tut es nicht besonders gut. Etwa am Grazer Kaiser-Josef-Markt, wo Schmierendarsteller mit leeren Taschen vorgeben einzukaufen. Nach des Konsuls Predigt und der vom slowenischen Regisseur Thomas Strucl inszenierten Blaskapelle (Komposition: Mitja Smrekar) wurde mit einem ferngesteuerten Kampfjet über der Freiluftarena des Inselstaats dessen Abwehrkraft demonstriert.

Später weihte die Wiener Gruppe Maschek, die mit ihren Livesynchronisationen von ORF-Programmen einen tiefer gehenden Blick in die österreichische Medienlandschaft wagte, die ersten Gäste mit ihrem Safety Dance in die Theorie ganzheitlicher Sicherheit ein.

Staats- und Ehrengäste

Acconci an der Mur hat aber auch sein eigenes Fernsehen, seine Talkshow, tägliche "Einschlafgespräche" und Familien, die Hochzeiten feiern, wie sie fallen. Die Geschichte der Republik wird zudem von Hygiene Heute aus Deutschland, dem Baseler Theater Klara und den Performancekünstlern Forced Entertainment aus dem englischen Sheffield bestimmt werden. Sie alle sind Staatsgäste.

Die Liste der Ehrengäste der Eröffnung war indes eine Umkehr üblicher Events von Graz 2003: Aus dem Telefonbuch wurden 200 Grazer mit schönen Namen - unter ihnen eine Cäsar und eine Kanzler - gewählt und mit Begleitung eingeladen. Sie wurden mit Sekt empfangen, während der Kulturhauptstadt-Intendant Wolfgang Lorenz und VP-Kulturstadtrat Christian Buchmann noch auf der Warteliste für Restplätze standen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.7.2003)

Von
Leander Lerchenfeld

Link

acconci.mur.at

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