Grand Old Party: Zu alt, zu männlich, zu weiß

8. November 2012, 18:26
318 Postings

Drei von vier Wählern sind weiße Amerikaner - Früher waren es mehr als 90 Prozent - Die Republikaner brauchen eine neue Strategie

Kaum war der Wahlsieger verkündet, begann auch schon das laute Nachdenken in den Reihen der unterlegenen Republikaner. "Die Partei sollte sich fortwährend fragen, wen sie eigentlich repräsentiert", grübelte Marco Rubio, ein junger Senator aus Florida, der schon jetzt zu den Favoriten auf die Kandidatur 2016 zählt. "Wir müssen über unser Basislager hinaus Brücken bauen", mahnte Rob Portman, Senator für Ohio.

Weniger diplomatisch formulierte es Mike Murphy, altgedienter Stratege der Grand Old Party (GOP), als er den bizarr einseitigen Nachrichtensender Fox News kritisiert: "Diese Wagenburg versperrt uns die Sicht auf die reale Welt. Mit ihrer Paranoia schafft sie nur Anreize, dass wir eine Wahl nach der anderen verlieren."

Zu alt, zu männlich, zu weiß - so bringen Kritiker den Zustand der GOP auf den Punkt. Bei zu vielen Wählerschichten stand Mitt Romney im Duell gegen Barack Obama auf verlorenem Posten.

Hausmacht Malocher

Die Hausmacht der Republikaner sind und bleiben weißhäutige Männer, nicht zuletzt jene Malocher, die eher mit dem burschikosen Paul Ryan auf ein Bier gehen würden als mit dem professoralen Präsidenten.

Ein Blick ins statistische Jahrbuch genügt, um das Dilemma der Republikaner zu erkennen: 1980 stellten Weiße 91 Prozent der Wahlberechtigten, heute nur noch 72 Prozent, Tendenz fallend. Die demografische Wirklichkeit spiegeln republikanische Parteikongresse längst nicht mehr wider; im August in Tampa konnte man es exemplarisch studieren. Das Big Tent - das große Zelt, in dem jeder Platz hat, unabhängig von Rasse, Religion, Geschichte und sexueller Neigung - steht eher im Camp der Demokraten.

Kein Wunder, dass potenzielle Reformer wie Rubio eine Kursänderung verlangen.

Hispanics für Obama

In erster Linie dreht sich die Debatte um den Umgang mit den Hispanics, die zu 71 Prozent für Obama stimmten. Ihr Gewicht wird noch zunehmen. Leben derzeit rund 50 Millionen Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln hier, so werden es 2030 bereits 80 Millionen sein: 22 statt der aktuellen 16 Prozent der Bevölkerung.

Theoretisch sollten solche Prognosen die Republikaner beflügeln, nicht abschrecken: Hispanics pflegen ein traditionelleres Familienbild, gehen eifriger in die Kirche und lehnen Abtreibungen mit größerer Mehrheit ab. Viele sind selbstständig oder haben kleine Firmen gegründet.

"Latinos sind Republikaner - sie wissen es nur noch nicht", orakelte Ronald Reagan. George W. Bush, einst Gouverneur im zunehmend hispanisch geprägten Texas, hatte 2004 noch 44 Prozent der Latino-Stimmen gewonnen. Romney dagegen stellte sich mit seiner geradezu inhuman wirkenden Haltung in der Einwandererfrage selber ein Bein. Illegalen Immigranten aus Mexiko, El Salvador oder Guatemala, rund zwölf Millionen Menschen, deren Kinder häufig in den USA geboren wurden und daher US-Bürger sind, gab er kaltschnäuzig den Rat, mangels Perspektiven in ihre Heimat zurückzukehren, sich "selbst zu deportieren".

Abrechnung in den Wahlkabinen

Die herzlose Attitüde vermittelt auch Latinos, die bereits in zweiter oder dritter Generation im Land leben, das Gefühl, sie seien unerwünscht. In den Wahlkabinen bekam Romney die Rechnung, und es dürfte nicht lange dauern, bis der republikanische Tenor wieder freundlicher wird.

Es fällt auf, wie plötzlich und öffentlich konservative Abgeordnete seit zwei Tagen für eine Reform des Einwanderungsrechts plädieren. Und nicht nur der kubanischstämmige Rubio dürfte von dem Schwenk profitieren: Auch ein Comeback der Bush-Dynastie ist denkbar. Jeb Bush, der jüngere Bruder von George W., spricht fließend Spanisch, heiratete eine Mexikanerin und ist unter Latinos beliebt. Zudem befürwortet er eine Politik, die Illegalen den Weg zum ordentlichen Aufenthaltsstatus ebnet. Im März erscheint ein Buch aus seiner Feder. Genau: zur Reform der Migrationspolitik. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 8.11.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Gebete von Romney-Fans in Sanford, Florida, für einen Wahlsieg der Republikaner blieben unerhört. Die Grand Old Party scheiterte nicht zuletzt wegen demografischer Strukturprobleme.

Share if you care.