Ich bin da und da und da ...

6. November 2012, 21:18
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Ins Museumsquartier, ins Fitnesscenter, in den Gewerbepark - Nicht nach Ästhetik, sondern nach Funktion suchen sich Jugendliche ihre Wiener Lieblingsorte aus

Irgendwo ist man immer. Das ist eine lapidare Feststellung, aber Ausgangspunkt für gar nicht simple Forschung. Denn selten machen wir uns unsere täglichen Wege, Aufenthaltsorte und Freiräume bewusst.

Die Kartografie erlebt einen Boom in der aktuellen Forschungslandschaft (siehe Artikel unten). Auch in unserem Alltag sind Ortsverzeichnisse, vor allem die virtuellen, ständig im Einsatz. "Es wird sehr viel Geoinformation verwendet, aber es gibt wenig Wissen dahinter, was diese Daten bedeuten und bringen", sagt Andreas Muhar, Leiter des Instituts für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung an der Uni für Bodenkultur.

Gemeinsam mit Thomas Schauppenlehner arbeitet er am Projekt "I am here!" , das sich für das Raumverhalten von Jugendlichen in der Stadt interessiert. "Sie haben in der öffentlichen Planung keine Lobby", umreißt Schauppenlehner den Ausgangspunkt des Projekts. "Es gibt viel für Kinder und junge Erwachsene, aber wenig für Jugendliche."

"I am here!" wird im Rahmen des Nachwuchsforschungsprogramms Sparkling Science vom Wissenschaftsministeriums gefördert. Drei Schulen nahmen an dem 31-monatigen Projekt teil, das im Februar nächsten Jahres abschließen wird: die AHS Rahlgasse im sechsten, das BRG Krottenbachstraße im 19. und die HTL Donaustadt im 22. Wiener Bezirk.

In Workshops und kurzen Praktika untersuchten die Schüler und Wissenschafter, welche Räume sich die Jugendlichen aneignen. Dabei wurden die Lieblingsplätze der Schüler besprochen und ein Überblick darüber geschaffen, wer warum wohin geht. "Chillen, Sport und Freunde treffen" waren hier die wichtigsten Punkte für die Jugendlichen, erzählt Schauppenlehner. Stark sei auch die Tendenz zur "organisierten Umgebung" zu bemerken, etwa dass sie zum Sporteln ins Fitnesscenter gehen.

"Was für die Jugendlichen ganz wichtig ist, ist ein funktionaler Raum", resümiert Schauppenlehner die Forschungsergebnisse. Und sie wollen unterhalten werden: "Wenn sie visionäre Räume aufgezeichnet haben, waren immer Bühnen, Sportgeräte oder anderes Entertainment dabei." Die Ästhetik des Raumes stehe dagegen völlig im Hintergrund.

In einem weiteren Schritt wurde technologisch kartografiert: Die Schüler wurden mit GPS-Geräten gespickt und auf ihre täglichen Wege geschickt. Das Gerät merkte sich die zurückgelegten Strecken und fertigte daraus eine Landkarte an. Ohne Erklärung der Schüler wagte Schauppenlehner eine erste Analyse dieser Daten. Und: "Die Trefferquote war ziemlich hoch." Das sollte den Jugendlichen zeigen, wie viel man allein aus solchen Mustern lesen kann.

Die Karten zeigten auch, dass die Donau wie eine Grenze wirkt, sagt Muhar. Es gibt eine Trennung zwischen diesseits und jenseits des Flusses: Trans- und Cisdanubien. Die Jugendlichen überqueren diese Grenze selten.

Auch die Unterschiedlichkeit der beteiligten Schulen schlug sich nieder. So stellten die Forscher fest, dass sich die Schüler des sechsten Bezirks eher in einem "Kerngebiet" zwischen Museumsquartier und Mariahilfer Straße aufhalten, während jene aus dem 19. in ihrem Bezirk bleiben, um die Grünflächen zu nutzen, zum Ausgehen aber in die Innenstadt wandern. Die Schüler des 22. Bezirks bewegten sich häufiger motorisiert und nutzen auch "unattraktivere Flächen" wie etwa Gewerbeparks.

Überdachte Freiräume

Im Sinne von Sparkling Science ist auch, dass sich die Wissenschafter von den Schülern inspirieren lassen - wobei sie in vielerlei Hinsicht überrascht wurden. Erst einmal musste man sich über Begrifflichkeiten einig werden. "Als Fachexperte hat man die spezifische Terminologie verinnerlicht. Das Projekt ist eine gute Gelegenheit, das infrage zu stellen", sagt Muhar. "Wir waren außerdem überrascht, dass die Jugendlichen unter Freiraum vor allem überdachte Innenräume verstehen", erzählt Schauppenlehner.

Die Forscher erkannten, dass klassische Kategorien der Raumplanung mit den Lebensumständen der Jugendlichen schwer zusammengehen. Man denke zu sehr in getrennten Bereichen, sagt Muhar: "Den Jugendlichen ist es egal, ob sie auf einer Bank auf öffentlichem oder privatem Besitz sitzen. Sie nutzen sie einfach."

Mit Abschluss des Projekts, werden die Schüler und Wissenschafter ihre Ergebnisse und Vorschläge mit der Wiener Magistratsabteilung für Stadtentwicklung diskutieren. "Wir wollten, dass das Projekt nicht am Schreibtisch, sondern mit einem Dialog endet." (Julia Grillmayr, DER STANDARD, 07.11.2012)

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    Raus aus dem Schatten: Die Raumnutzung von Jugendlichen entspricht oft nicht den Vorstellungen der Stadtplanung.

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