Zwölf Tote finden nach bizarrer Odyssee die letzte Ruhe

6. November 2012, 19:08
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Särge kamen in gestohlenem Auto irrtümlich von Berlin nach Polen und wurden dort im Wald abgestellt

Die zwölf toten Deutschen sind endlich zurück. Der Staatsanwalt in Frankfurt an der Oder bestätigt dies, das Beerdigungsinstitut auch, das Krematorium ebenfalls. Die Angehörigen möchten nichts sagen - verständlicherweise.

Vor drei Wochen wollte sie ihre Verstorbenen zur letzten Ruhe geleiten. Doch dann dauerte es viel länger und in der Zeit dazwischen ruhten die Toten sehr unsanft.

Rückblick zum 15. Oktober: In Berlin-Hoppegarten zurrt der Fahrer die Fracht in seinem Transporter fest: zwölf Särge, die in ein Krematorium nach Sachsen gebracht werden sollen, weil die Einäscherung dort billiger ist als in Berlin.

Danach geht er kurz zur Toilette, und als er wieder kommt, ist der Transporter fort. Es ist ein weißer Mercedes-Sprinter ohne jede Aufschrift des Bestattungsunternehmens. Die Diebe ahnen nicht, was sich darin befindet.

"SoKo Grenze" in Aktion

Wagen weg, Leichen weg - die Polizei wird gerufen und eine extra geschaffene "SoKo Grenze" sucht fortan im deutsch-polnischen Grenzgebiet fieberhaft nach dem Wagen und seiner Fracht. Nach sieben Tagen findet sie den Wagen in Polen, aber er ist leer.

Einen Tag später stoßen die Fahnder auch auf die Särge. Sie stehen in einem polnischen Waldstück, 275 Kilometer östlich der Grenze, die Autodiebe haben sie dort ausgesetzt. "Am wichtigsten ist, dass wir alle zwölf Särge gefunden haben", sagt Andrzej Borowiak, der Sprecher der Polizei in Posen, erleichtert.

Für die Angehörigen ist die Tortur jedoch noch nicht beendet. Die Leichen können nicht so einfach zurück gegeben werden. Erst müssen sie zwecks Identifizierung in die Gerichtsmedizin nach Posen, man will sicher sein, dass man nicht irgendwelche Toten nach Deutschland schafft.

Zinksärge vorgeschrieben

Dann verlangen die polnischen Behörden Sterbeurkunden und Vollmachten der Familien. Neue Särge müssen auch her, die Überführung ist nur in Zinksärgen gestattet, nicht in den einfachen Holzboxen. Es ist unklar, wer für die Kosten aufkommen muss.

Die Zeit vergeht, es dauert und dauert. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) macht Druck, auch Brandenburgs CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski fordert eine "unbürokratische und kurzfristige Lösung".

Drei Tatverdächtige gefasst

Erst nach drei Wochen, in der Nacht auf Dienstag, werden die zwölf Toten nach Deutschland überstellt. Zehn von ihnen kommen noch in der Nacht zur verspäteten Einäscherung ins sächsische Krematorium. Für zwei weitere wollen die Familien erst einmal eine Gedenkfeier organisieren.

Die Polizei hat in Polen übrigens drei Tatverdächtige gefasst. Und Oliver Wirthmann vom Bundesverband Deutscher Bestatter findet die Geschichte schrecklich: "In diesem Leichen-Tourismus geht es nur noch um Entsorgungsobjekte. Das hat mit Würde nichts mehr zu tun. Man kann nicht mit zwölf Verstorbenen in der Weltgeschichte herumfahren." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 7.11.2012)

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    Nach acht Tagen wurden die Särge aus Deutschland in einem polnischen Waldstück gefunden.

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