Rundschau: Zeitreisen und Höllentrips

    Ansichtssache24. November 2012, 10:13
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    Neue Romane unter anderem von John Scalzi, Joe Haldeman, Jay Lake, Jack McDevitt und Horror-Regisseur Tobe Hooper

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    coverfoto: bastei lübbe

    Jack McDevitt: "Firebird"

    Broschiert, 525 Seiten, € 10,30, Bastei Lübbe 2012 (Original: "Firebird", 2011)

    Die Phantastik hat im Lauf der Zeit eine Menge serientauglicher Detektive hervorgebracht: Jack Vances "Magnus Ridolph", Randall Garrets "Lord Darcy", Gisbert Haefs' "Mungo Carteret" ... jeder picke sich selbst heraus, wer ihm am liebsten ist. US-Autor Jack McDevitt hat im vergangenen Jahrzehnt fünf Romane rund um eine Figur geschrieben, die erstmals 1989 die SF-Bühne betreten hatte: Alex Benedict, ein interstellarer Antiquitätenhändler des 12. Jahrtausends, dessen Kundenbetreuung irgendwie immer in Detektivarbeit ausartet.

    Was genau dabei in seinem Kopf vorgeht, werden wir wohl nie erfahren, denn eines der Markenzeichen der "Alex Benedict"-Romane ist, dass sie stets aus der Perspektive seiner Assistentin Chase Kolpath geschrieben sind. Benedict selbst, den manche schlicht für einen Grabräuber halten und dessen einsame Entscheidungen sein Umfeld in so manches Dilemma stürzen, bleibt letztlich ein Mysterium. Anders als seine Fälle, denn die klärt er immer auf.

    The future looks a lot like the past

    Die jüngste Episode, "Firebird", beginnt nach kurzem SF-Prolog wie eine Detektivgeschichte aus den 40er Jahren: Benedict sitzt in seinem Büro und empfängt eine Kundin, die das typisch transhumane Outfit von Bluse und großem Hut trägt - da fehlen nur noch Nylons und Pumps. Denn auch das ist ein Markenzeichen dieser Reihe: Wir mögen 10.000 Jahre in der Zukunft sein, bewegen uns aber dennoch durch eine Welt, in der im Café köstlicher Schokoladenkuchen serviert wird, Fernseh-Talkshows ihre Gäste bloßstellen und das Telefon beim Herstellen einer Verbindung Klickgeräusche macht. In einer ironischen Szene fragen sich Alex und Chase, wie wohl die Menschen in weiteren 10.000 Jahren so sein mögen - McDevitt ist sich seines anachronistischen Ambientes also sehr wohl bewusst. Dass hier alles nach Amerika Mitte des 20. Jahrhunderts aussieht, ermöglicht aber überhaupt erst, eine Detektivgeschichte klassischen Zuschnitts zu erzählen. Denn dafür braucht es Dinglichkeit: Nicht nur Daten, sondern reale Objekte, die verschwinden und wiedergefunden werden können. Nicht nur Kommunikation übers universale Datennetz, sondern Zeugen, die man von Angesicht zu Angesicht interviewen will. Dafür düst man dann auch gerne mal mit dem Privat-Raumschiff zu ihnen ...

    Der aktuelle Fall unterstreicht den Time-Warp-Effekt noch zusätzlich: Diesmal geht es nämlich um den Nachlass eines vor Jahrzehnten verschwundenen Fringe-Physikers, der sich mit Themen beschäftigt hat, die heute wie offenbar auch noch im 12. Jahrtausend als obskur gelten: Paralleluniversen, Zeitreisen usw. Von einem Verständnis der theoretischen Physik, das weiter fortgeschritten wäre als unseres heute, ist weit und breit nichts zu bemerken - und das in einer Welt, die immerhin den Hyperraumantrieb kennt. Das kann man jetzt als unglaubwürdig kritisieren oder herrlich paradox finden, jeder nach seinem Geschmack.

    Das Plot-Puzzle

    Die eigentliche Raffinesse liegt darin, dass McDevitt seine Detektiv- bzw. Mystery-Romane trotz Retro-Optik stets mit Plots versieht, die nur innerhalb der Science Fiction funktionieren können. Auf die Gegenwart, die sie doch so sehr widerzuspiegeln scheinen, ließen sie sich nicht so ohne weiteres übertragen. Diesmal auf dem Programm: Verschwundene Personen und Raumschiffe, Sichtungen unidentifizierter "Phantomschiffe" (etwa Aliens?), eine ungewöhnliche Naturkatastrophe, die Benedicts Heimatplaneten Rimway zu dem Zeitpunkt heimsuchte, als der Physiker verschwand, und ein ganzer "Geisterplanet" voller vergessener KIs. (Fast unnötig zu sagen, dass die von den fremdartigen Daten-Gottheiten in Ian McDonalds "Cyberabad" so weit entfernt sind, wie's nur geht. Bei McDevitt sind Künstliche Intelligenzen verkabelte Kastln - auch hier wird aber die alte SF-Frage aufgeworfen, ob Maschinen ein Bewusstsein haben können oder nur eines emulieren.)

    Das sind ganz schön viele Plot-Elemente - möglicherweise zu viele, denn nicht alles, was angerissen wird, wird letztlich auch ausgearbeitet. Ein bisschen hat sich McDevitt dann doch verzettelt, immerhin mündet die Handlung in gleich zwei verschiedene Rettungsmissionen, die parallel zueinander laufen - schwierig, da jedem Handlungsstrang noch die volle schriftstellerische Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem wurde "Firebird" für den Nebula Award nominiert, schließlich ist der Roman unterhaltsam wie von McDevitt gewohnt.

    Aber noch einmal zurück zum Thema Anachronismen, diesmal von einer anderen Seite betrachtet. Ein bisschen muss sich die heutige Science Fiction schon den Vorwurf gefallen lassen, dass sie im Bemühen, technologisch stets State of the Art zu sein, vor allem genreinternen Ansprüchen gerecht werden will. Und dabei langsam das Mainstream-Publikum verloren hat. Ein Gedankenspiel: Nehmen wir den thematisch aufgeschlossenen Leser X, der Bücher an sich mag. Was im Följetong empfohlen wird, liest er genauso gerne wie Krimis, historische Romane, was auch immer. Jetzt möchte er's auch mal mit SF versuchen und greift aufgrund der hymnischen Besprechungen zu Hannu Rajaniemis "Quantum". Wie viele Seiten wird es wohl dauern, bis er aus völliger Hilflosigkeit die Nerven wegschmeißt? McDevitt schreibt für alle.

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