Rundschau: Zeitreisen und Höllentrips

    Ansichtssache24. November 2012, 10:13
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    Neue Romane unter anderem von John Scalzi, Joe Haldeman, Jay Lake, Jack McDevitt und Horror-Regisseur Tobe Hooper

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    coverfoto: bastei lübbe

    Jay Lake: "Die Räder des Lebens"

    Broschiert, 559 Seiten, € 15,50, Bastei Lübbe 2012 (Original: "Escapement", 2008)

    Viel furioser kann man es in Sachen Worldbuilding nicht angehen, als es US-Autor Jay Lake mit seinem Roman "Mainspring" ("Die Räder der Welt") getan hat. Wir erinnern uns: In seinem Weltmodell, das selbst Newton zu mechanistisch gewesen wäre, ist die Erde wortwörtlich als Uhrwerk zu verstehen. Am Äquator zieht sich ein hundert Meilen hohes Gebirge - die Mauer - entlang, auf dessen Oberkante gigantische Zahnradzacken sitzen. An denen dreht sich die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne. Wie jeder andere Himmelskörper auch rollt sie dabei an einer Messingschiene entlang, die durchs All gezogen ist - so groß, dass man sie vom Boden aus sehen kann. In "Mainspring" wurde der junge Hethor dazu berufen, die schwankende Erdachse wieder ins Lot zu bringen. Nachdem dies gelungen ist, setzt Lake seine Clockpunk-Trilogie nun mit verändertem Personal fort.

    Der Schöpfer und seine Mauer

    Und wir dürfen neue Blicke ins Innere des Weltmechanismus werfen - nicht zuletzt in die Mauer selbst. Dieses vertikale Ökosystem beherbergt auf seinen unzähligen Terrassen nicht nur Klein-Zivilisationen, die sich auf eine biblische Gründungsgeschichte berufen, sondern auch nicht-menschliche Bewohner wie barbarische "Engel"  oder Messing genannte Androiden. Noch erstaunlicher ist die bislang nicht erwähnte Infrastruktur der Mauer - da findet sich zum Beispiel unter all den Felsmassen eine Messing-U-Bahn, mit der man binnen Stunden den Globus umrunden kann. Sieht aus, als hätte sich der Schöpfer bei seinem Werk eine Menge Gedanken um die Details gemacht. Nicht umsonst betet man hier: "Vater unser, der Du bist im Himmel, Handwerker sei Dein Name ... denn Dein ist die Antriebskraft und die Präzision in Ewigkeit, Amen."

    In "Räder des Lebens" streicht Lake zugleich stärker die metaphorische Bedeutung der Mauer, die die Nordhalbkugel von der völlig unbekannten südlichen Hemisphäre trennt, hervor. Als Fels gewordene Manifestation der göttlichen Allmacht und Unverständlichkeit stellt sie eine Herausforderung dar, an der im Verlauf der Geschichte schon ganze Weltreiche gescheitert sind. Doch lockt sie immer wieder neue Interessenten an - wie im zweiten Band der Trilogie eine Expedition des britischen Empire. Queen Victoria herrscht in dieser Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts über praktisch ganz Europa und Nordamerika. Der einzig verbliebene Rivale ist das chinesische Kaiserreich. Um einem etwaigen Vorstoß Chinas zuvorzukommen, beschließt man in London, die Mauer zu untertunneln, um sich die Südhalbkugel zu erschließen. Al-Wazir, ein wettergegerbter Angehöriger der Luft-Marine, soll die Bohrmannschaft leiten. Er ahnt aber früh, dass das menschenverschlingende Projekt (eindringlich verbildlicht durch den beängstigenden Moloch von Bohrmaschine) unter keinem guten Stern steht.

    Die ProtagonistInnen

    Al-Wazir ist aber nur eine von drei Hauptfiguren, deren Erlebnisse parallel zueinander verlaufen; Lakes Reißverschlusssystem in der Kapitelaufteilung steht seiner Romanwelt in Sachen präzisem Ablauf in nichts nach. Die zweite Protagonistin hatte bereits im vorigen Band eine Nebenrolle: Emily Childress ist eine Yale-Bibliothekarin in reiferen Jahren und zugleich eine unbedeutende Angehörige des Geheimbunds avebianco. Diese "weißen Vögel" versuchen Vernunft und Spiritualität miteinander zu verbinden (schwieriges Unterfangen, andererseits hat der Schöpfer hier ja wirklich unübersehbare Spuren seiner Tätigkeit hinterlassen ...) und stehen in tödlicher Konkurrenz zu einem Orden strenger Rationalisten. Childress soll im Intrigenspiel der beiden Geheimgesellschaften geopfert werden, doch scheitert ihre Überführung. Sie wird von einem chinesischen U-Boot aufgegriffen, weil man sie fälschlicherweise für ein hochrangiges Mitglied des avebianco hält, und schippert fortan als Gefangene über die Weltmeere. Verbissen darum bemüht, ihrer Scheinidentität gerecht zu werden, stößt sie bald auf ein weiteres Projekt zur Überwindung der Mauer.

    Wichtigste Protagonistin des Romans und Dreh- und Angelpunkt des gesamten Geschehens ist die 15-jährige Paolina Barthes. Aufgewachsen in einer winzigen Siedlung am atlantischen Teil der Mauer, sehnt sie sich nach gebildeterer Gesellschaft und nutzt die erste Gelegenheit, ihr Dorf Richtung England zu verlassen. Im Gepäck trägt sie nicht nur jede Menge Wut, da sie zeit ihres Lebens unter der Gewalt und Borniertheit der Männer ihres Dorfs zu leiden hatte. Da ist auch noch eine ganz besondere Gabe: Paolina ist eine Art neuer Newton. Mindestens. In einem geistigen Ausnahmezustand baut sie ein Gerät zusammen, das Einfluss auf das Uhrwerk der Welt nehmen kann und bald die Begehrlichkeiten der genannten Geheimgesellschaften weckt. Und sie ist eine Hauptfigur mit Ecken und Kanten: Unerfahren und spürbar sehr, sehr jung - andererseits aber auch zornig und durchaus selbstgerecht. Zusammen mit ihren einzigartigen Fähigkeiten ergibt das eine brisante Mischung. Denn Paolinas Ehrgeiz ist groß: Werkzeuge und Metall. Damit konnte jede intelligente Frau die Welt erneut erschaffen. Nichts weniger als das.

    Stärken und Schwächen des Romans

    Kommen wir zu den Plus- und Minuspunkten des Romans. Auf der Plus-Seite stehen Lakes lebendige Schreibe und natürlich das atemberaubende Worldbuilding, von der Physik der Welt bis zu ihrer alternativen Geschichte. Letztere wartet mit weniger "In dieser Welt ist XY ganz was anderes geworden als bei uns"-Gags auf, als das vielleicht bei anderen AutorInnen der Fall wäre. Aber die von Lake sind dafür gut - siehe etwa die Erwähnung eines gescheiterten amerikanischen Bauernaufstands gegen die Krone. Die Anführer der Bauern: Abraham Lincoln und Robert E. Lee, mal auf derselben Seite der Front.

    Auf der Minus-Seite steht, dass der Roman gut ein Drittel zu lang ist und diverse Füllsel enthält - Episoden wie beispielsweise Al-Wazirs Begegnung mit einer Art Cthulhu-Kult. Dabei ist noch eine ganze Menge Interessantes liegengeblieben: Leider erfahren wir nicht, ob die Bohrexpedition von Erfolg gekrönt ist oder - wahrscheinlicher - ein bitteres Ende gefunden hat. Denn Al-Wazir verlässt den Schauplatz, um den Odysseen von Childress und Paolina eine dritte hinzuzufügen. Und keine der drei Hauptfiguren erreicht ihr anfängliches Ziel. Entweder werden sie gewaltsam umgeleitet oder befinden unterwegs selbst, dass die Mühe doch nicht lohnt.

    Der Vorgängerband um Hethors Weltrettungsmission hatte einen klaren Aufbau, eine Mission und ein Ziel - ein Abenteuerroman eben. "Räder der Welt" setzt stärker auf das Innenleben seiner drei Hauptfiguren sowie auf das nach wie vor undurchschaubare Geflecht von Interessengruppen, die die Romanwelt nach ihren Vorstellungen gestalten wollen. Man könnte sagen, dass Jay Lake im zweiten Band mehr in die Tiefe geht als zuvor, in dieser Tiefe dann aber etwas ziellos herumwandert. Andererseits kennt man ja das "Middle Book Syndrome" von Trilogien. Der Abschlussband "Pinion" wird dann hoffentlich alles knackig zusammenführen und sämtliche offenen Fragen beantworten. Erscheinungszeitpunkt der deutschen Übersetzung ("Die Räder der Zeit") ist März nächsten Jahres.

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