Missbrauchsskandal: BBC kämpft um Glaubwürdigkeit

29. Oktober 2012, 19:52
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Sender will seine eigene Rolle im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Ex-Moderator aufarbeiten

Die britische BBC hat am Montag angekündigt, ihre eigene Rolle im Kinderschänderskandal um den früheren Moderator Jimmy Savile zu untersuchen. Dabei geht es zum einen um die "Kultur und Praxis" bei dem Sender seit dem Aufstieg des 2011 verstorbenen Savile zum TV-Star in den 60er-Jahren. Zum anderen soll sichergestellt werden, dass Minderjährige heute geschützt sind.

Der Moderator der Sendung "Top of the Pops" soll über Jahrzehnte Kinder sexuell missbraucht haben und könnte dabei auch prominente Komplizen gehabt haben. Wie berichtet, gab es die erste Festnahme: Der frühere Popstar Gary Glitter (68) wurde aus seiner Wohnung im Londoner Zentrum von Kriminalbeamten abgeführt. Glitter, der mit bürgerlichem Namen Paul Gadd heißt, habe in den 70er-Jahren mit einem Schulmädchen in Saviles Ankleideraum Sex gehabt, behauptet eine Zeugin.

Glitter bestreitet diesen Vorwurf. Er war 1999 wegen Besitzes von Kinderpornos zu vier Monaten Haft verurteilt worden. 2006 wurde er in Vietnam zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er zwei minderjährige Mädchen missbraucht hatte, 2008 kehrte er nach Großbritannien zurück.

Der Skandal, der mittlerweile den Ruf der gesamten BBC gefährdet, brach auf, als der Kommerzsender ITV zu Monatsbeginn eine Dokumentation über den im vergangenen Herbst 84-jährig verstorbenen Savile ausgestrahlt hatte. Daraus ging hervor, dass die BBC den Gerüchten über Saviles mutmaßlichen Straftaten bereits vor einem Jahr nachgegangen war, der investigative Beitrag des Newsnight-Magazins wurde dann aber doch nicht ausgestrahlt.

Päpstlicher Orden aberkannt

Zu Weihnachten 2011 gedachte die BBC dann mit TV- und Radiosendungen ihres verstorbenen Stars, ohne die Vorwürfe zu erwähnen. Dass es schlimm steht um die BBC, verdeutlicht auch, dass Alastair Campbell dem alten Lieblingsfeind zu Hilfe eilt. Tony Blairs legendärer Spindoktor hielt den bekanntesten öffentlich-rechtlichen Sender der Welt zu seinen Amtszeiten (1994-2003) für ein "heruntergekommenes, überbesetztes, hochbürokratisches, lächerliches Unternehmen". Jetzt meint er: "Ich bleibe ein Unterstützer der BBC." Der Generalintendant der im Volksmund liebevoll "Tantchen Beeb" genannten Institution wird es gern hören - George Entwistle ist erst seit wenigen Wochen im Amt.

Zu den Ehrungen, die Savile nun posthum aberkannt werden sollen, gehört auch der päpstliche Ritterorden. Zwei Wohltätigkeitsorganisationen, die den Namen des Verstorbenen trugen, haben Selbstauflösung angekündigt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 30.10.2012)

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