Mehr Derivate für eine bessere Welt

12. Oktober 2012, 05:38
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Blasen und Crashes überraschen US-Forscher Shiller nicht, weil der Mensch ist, wie er ist. Er will mehr statt weniger Finanzinnovationen

Der Mensch verhält sich rational, zumindest in dem Sinne, dass er in seinem eigenen Interesse handelt: Von dieser Prämisse geht die traditionelle ökonomische Theorie aus. Konjunkturschwankungen sind demnach vor allem die Folge technologischen Wandels oder unvorhersehbarer Eingriffe des Staates. Bei jedem Börsencrash müssen sich Wirtschaftswissenschafter wegen dieser und der Überzeugung, dass Finanzmärkte effizient seien, jede Menge Spott gefallen lassen.

Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter Robert Shiller geht einen Schritt weiter. Diese Grundannahme der Ökonomie sei schlicht falsch, so der US-Forscher und postuliert zu viel Glauben an die Vernunft der Marktakteure. "Märkte-Versteher" (Manager-Magazin) Shiller hat die aktuelle Krise früh vorausgesagt. Heuer wird er wieder einmal für den Wirtschafts-Nobelpreis hoch gehandelt für seine Beiträge über die Volatilität der Finanzmärkte.

Von Menschen und Märkten

Ein wichtiger Auslöser der Finanzkrise war bekanntlich die Annahme, die Hauspreise würden immer nur steigen und nie fallen. Dass es sich dabei um eine grobe Fehleinschätzung handelt, weiß man mittlerweile allzu gut. Aber hätte man das nicht auch früher wissen können? Oder anders gefragt: Wie kommt es dazu, dass Menschen sich zu so irrigen Annahmen verleiten lassen?

In einem Interview mit der „FAZ" erklärt Shiller das so: "Es scheint, als ob die Menschen während des Booms sich nicht daran erinnert hätten, wie sie vor zwanzig Jahren über Hauspreise gedacht haben. Was wiederum daran liegen mag, dass sie damals ohnehin keinen Gedanken daran verschwendet haben. Außerdem steckten natürlich auch handfeste wirtschaftliche Interessen von Maklern und anderen dahinter, die die Menschen in ihrer falschen Einschätzung bestärkt haben." In gewisser Weise habe sich die Entwicklung eine Weile selbst hochgeschaukelt: "Die Beobachtung steigender Preise bestätigte die Menschen in der Auffassung, dass es stets bergauf gehen würde, und sie trieben durch ihre Käufe die Preise weiter. Spekulative Blasen entstehen durch solche sich gegenseitig verstärkende Effekte, die zur Verbreitung von Vorstellungen und Ideen führen."

Wenn der Herdentrieb wirkt

Die Börsenkurse können also quasi abheben, weil die Masse der Anleger dem Herdentrieb folgt - und nicht rationalen Erwartungen von Gewinnchancen, wie die in der Finanzlehre vorherrschende Theorie der effizienten Märkte annimmt. Solch instinktgetriebenes Handeln ist nach Shillers Einschätzung eher die Regel als die Ausnahme. Dass Anleger, die in Scharen in überbewertete Technologieaktien investierten, wie die Lemminge dem Abgrund zuströmten, sagte Shiller Anfang 2000 in einem Buch voraus - gerade noch rechtzeitig vor dem Crash von Nasdaq, Neuem Markt und Co. Auch die US-Immobilienblase hat sich in Shillers Universum früh abgezeichnet.

Der Markt hat nicht immer Recht, lautet das Fazit des Forschers: "Menschen handeln vielfach eben nicht rational. Diese Inkonsistenz im Handeln ist die wesentliche Triebkraft der Wirtschaft." Das Gegenteil - nämlich, dass der Markt nie recht habe - sei allerdings auch nicht wahr, wie Shiller in der "FAZ" kundtat: "Ich erzähle meinen Studenten immer, dass Märkte effizienter sind als man vielleicht denkt. Ich sage: Erwartet nicht, dass ihr schnell viel Geld damit verdient, wenn ihr versucht, klüger zu investieren als die anderen auf dem Markt, auch wenn ihr Einser-Studenten seid. Es ist nicht einfach, den Markt zu schlagen. Es steckt also durchaus etwas Wahrheit in der Theorie effizienter Märkte. Nur gab es die Tendenz, es zu weit zu treiben."

Kollektive Weisheit oder nicht

Als einen der größten Fehler der Geschichte des ökonomischen Denkens bezeichnet der US-Forscher die Tatsache, dass die meisten Makroökonomen und Finanzmarktspezialisten der festen Überzeugung waren, dass man die Marktpreise respektieren müsse als die kollektive Weisheit der Menschen, die jedermanns individuelles Wissen übersteigt. Die Ökonomie als Wissenschaft müsse mehr Erkenntnisse aus der Psychologie aufnehmen, um das Verhalten der Menschen in der echten Wirtschaft erklären zu können, lautet sein Credo.

Dem Yale-Professor liegt es allerdings fern, nun die Märkte, Finanzwelt und Banken zu verteufeln. Eher mehr als weniger davon, würde er verordnen. "Die jetzige Finanzkrise wird oft als ein Grund für einen geordneten Rückzug gesehen, für ein Zurück zur einfachen Finanzwelt von gestern", konstatiert Shiller. Das sei ein Fehler. "Im Gegenteil, diese Situation ist eine Gelegenheit, sich doppelt so stark um eine Verbesserung unserer Institutionen im Risikomanagement zu bemühen." Die Menschen sollten wirtschaftliche Risiken nicht scheuen, sondern sie eingehen - sich gleichzeitig aber gegen die Folgen absichern.

Der gut informierte Mensch

Keineswegs solle man Finanzinnovationen wie Kreditderivate eindämmen oder gar verbannen. Wer ein Haus kaufe und auf steigende Preise hoffe, könne sich mit Indexzertifikaten gegen sinkende Preise absichern. "Solche Verträge könnten viel dazu beitragen, Hauseigentümer vor Überschuldung zu bewahren, sodass sie in ihren Häusern bleiben können", rät Shiller zu emsigem Einsatz diverser Instrumente. Auch Staaten könnten ihre Bürger so gegen eine Rezession im eigenen Land versichern. Solch ein Markt funktioniere jedoch nur, wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung daran beteilige und wenn er entsprechend gut informiert sei.

Dafür sei unabhängiger Rat - etwa von Konsumentenschützern und Verbraucherzentralen - notwendig. Die Bürger sollen sich also beim Hauskauf nicht auf das Urteil der Makler verlassen, ihr Vermögen nicht dem Bankberater anvertrauen und keinesfalls auf jemanden hören, der mit Provisionen am Verkauf von Produkten mitverdient. (rb, derStandard.at, 11.10.2012)

Der US-Ökonom Robert Shiller gilt als ein Vordenker der Verhaltensökonomie. Ihr Ziel: Die Psychologie in die Wirtschaftswissenschaften zu integrieren. Gemeinsam mit Karl Case hat Shiller den bekannten Case/Shiller-Index für amerikanische Hauspreise entwickelt. Shiller ist auch Mitgründer der Investmentfirma Macromarkets, die Futures auf den Case-Shiller-Index zum Handel an der Chicagoer Warenterminbörse anbietet. Als Investor wird ihm wenig Erfolg nachgesagt.

Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Market Volatility" (1993), "Irrational Exuberance" (2000), "The Subprime Solution" (2008), "Animal Spirits" (mit George Akerlof, März 2009). Zuletzt erschien das Buch: "Märkte für Menschen", so schaffen wir ein besseres Finanzsystem.

 

Siehe auch: Gastkommentar Robert Shillers im Handelsblatt

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    Wenn Menschen irrational und kollektiv ins Verderben laufen, heißt es, dass sie sich "wie die Lemminge" verhalten. Die überlieferten Massenselbstmorde der kleinen Nager verwies die Wissenschaft allerdings mittlerweile ins Reich der Mythen.

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    Robert Shiller postuliert mehr Finanzinnovationen für eine gerechtere Welt.

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