Portugal: Eine Generation, eingeklemmt zwischen Zwang und Not

4. Oktober 2012, 10:44
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Raus aus der Uni und auf nach Angola - portugiesische Jungakademiker fliehen massenhaft vor Krise und Perspektivlosigkeit. Doch nun verstärken sich die Proteste der Jungen gegen das Diktat einer Sparpolitik, der sie die Schuld an ihrer Misere geben

Stundenlang strömen immer neue Menschen durch die Lissabonner Avenida da Républica. "Portugal gehört auch uns", steht auf einem Plakat, "Pedro, Zeit, dass DU auswanderst!" auf einem anderen.

Der angesprochene Pedro Passos Coelho, Portugals Premierminister, hatte der wachsenden Zahl Arbeitsloser zur Auswanderung geraten. Die Proteste am 15. September, die seither immer wieder aufflammen, richteten sich neben seiner Regierung vor allem gegen die Troika aus EU-Kommission, Zentralbank und Internationalem Währungsfonds. Sie gibt die Politik vor, seit Portugal im Mai 2011 um Finanzhilfe ansuchte.

"Mittlerweile überlege auch ich wirklich auszuwandern", sagt Helena Gomes. Die 33-jährige Veterinärmedizinerin hat nach ihrem Studium in den USA gearbeitet, dann im nordportugiesischen Braga ein Hostel eröffnet. Zehntausende ihrer Generation haben Portugal bereits den Rücken gekehrt. Bevorzugte Zielländer sind wegen der gemeinsamen Sprache Ex-Kolonien wie Angola, Brasilien oder Mosambik (siehe Wissen). Auch Gomes hat an den Demonstrationen teilgenommen: "Wir sind eigentlich kein protestfreudiges Volk, aber die Leute sind jetzt an der Kippe", sagt sie.

Grund des Ärgers ist der rapide fallende Lebensstandard, seit die Troika die Kontrolle übernommen hat. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg zuletzt auf 36 Prozent. Auch ein Uni-Abschluss in technischen oder medizinischen Fächern, lange eine Jobgarantie, zählt nicht mehr viel.

Unterstützung durch die Eltern ist während der langwierigen Arbeitssuche ein Muss, doch auch die älteren Generationen leiden unter der Krisenpolitik: Alle Branchen mussten Lohnkürzungen hinnehmen. Selbst der Mindestlohn wurde gekürzt, Arbeitslosengeld und Pensionen ebenso. Als Folge steckt das Land in der Rezession fest, die soziale Lage verschärft sich.

Schluss mit stoisch

Lange schienen die Portugiesen alles stoisch hinzunehmen. Doch als die Regierung ankündigte, die Sozialabgaben der Arbeitnehmer zu erhöhen und zugleich jene der Arbeitgeber zu senken - eine Umverteilung von 2,2 Milliarden Euro pro Jahr zugunsten der Unternehmen - platzte vielen der Kragen.

"Die Größe der Demos war massiv", freut sich Luís Bernardo, Soziologie-Doktorand an der Uni Lissabon und politischer Aktivist. Laut Medienberichten waren landesweit eine Million Menschen auf den Straßen - ein Zehntel der Bevölkerung.

"Das ist mehr als nur eine Studentenbewegung", sagt Bernardo, "Menschen aus allen Schichten und Berufsgruppen sind dabei." Eine "vererbte Ungleichheit im Bildungssystem" ist für ihn dafür verantwortlich, dass Proteste in Portugal bislang selten waren: "400 Jahre lang hatten nur die Eliten Zugang zu den Unis." In anderen Schichten habe Bildung deshalb keinen großen Stellenwert. "Die politische Partizipation war daher immer sehr schwach."

"Dekade der Randexistenz"

Ein weiteres Krisenphänomen ist die Ausbreitung von Jobs mit Niedriglöhnen und ohne jede Absicherung. "Es gibt rund zwei Millionen prekär Beschäftigte in Portugal - das ist jeder dritte Arbeitnehmer", sagt André Albuquerque. Er vertritt eine selbstorganisierte Gruppe Betroffener, die sich die "Unflexiblen Prekären" nennt. "Flexibilität am Arbeitsmarkt heißt bei uns schlicht, dass man Leute rauswerfen kann, wann immer man will", kritisiert er, "gerade von den Jungen bekommt niemand einen echten Vertrag." Auch bei Akademikern sei Prekarität längst der Normalfall.

Eine "Dekade der Randexistenz" prophezeite eine Studie von Soziologen zuletzt der jungen Generation. Ein Großteil werde auch mit 30 oder 40 noch mit Dauerpraktika und Prekarität zu kämpfen haben. Die "Generation in der Klemme" ist zum geflügelten Wort geworden - und die Politik verschärfe ihre Lage noch, meint Albuquerque. Die Krise diene als Vorwand, Löhne zu senken und Arbeitnehmerrechte abzubauen. Er zitiert Warren Buffett, den drittreichsten Menschen der Welt: "Es herrscht Klassenkampf, und meine Klasse gewinnt."

Gänzlich anders sehen das Pedro Freitas und João Morgado. Die beiden Wirtschaftsstudenten sind Mitglieder im "Nova Economics Club", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Umsetzung der Kürzungsprogramme und ihre Folgen anhand ökonomischer Kennzahlen zu überprüfen. Im Juni präsentierten sie erste Ergebnisse vor Troika-Vertretern.

"Portugal braucht Strukturreformen und muss seine Regierungsausgaben kürzen", sagt Morgado. "Wir müssten diese Reformen auch umsetzen, wenn uns die Troika nicht zwingen würde", sagt Freitas, "und Kürzen ohne Schmerzen - das gibt es nicht."

Im Detail sehen sie die Folgen jedoch problematisch, etwa an der Uni: "Unsere Studiengebühren sind mit 1000 Euro bereits über dem EU-Schnitt", sagt Morgado. Auch aus der letzten "Eurostudent"-Studie, die die Lebensumstände von Studierenden europaweit vergleicht, geht hervor, dass Portugal auf Platz vier von 22 Ländern bei der Höhe von Studiengebühren lag - hinter England, Irland und Kroatien.

Dass gerade in einer solchen Situation dann noch die Studienbeihilfe gekürzt wird, kritisiert aber auch Morgado. Zugleich, stellt er fest, hätten die Einsparungen nicht den gewünschten Erfolg. Die Rezession sei tiefer, die Steuereinnahmen geringer, die Arbeitslosigkeit höher als erwartet.

Das letzte Kürzungspaket und die Proteste dagegen sieht Freitas als möglichen Wendepunkt. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Leute die Politik nicht länger mittragen. Ich gehe normalerweise nicht auf Demos, aber auf der letzten war ich auch. Es ist gerade so, als hätte jemand das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet." (Valentin Schwarz, DER STANDARD, 4.10.2012)

Wissen: Verhängnisvoller Brain-Drain

Vor zehn Jahren noch Bürgerkriegsland, ist Angola heute zum Ort der Hoffnung vieler Portugiesen geworden. Geschätzte 140.000 Menschen sind in den letzten beiden Jahren dorthin ausgewandert. Vor allem Junge und Gebildete zieht es fort: Das Einstiegsgehalt eines Ingenieurs ist dort teils dreimal so hoch wie im Mutterland. Auch andere Ex-Kolonien wie Brasilien oder Mosambik sind begehrte Ziele.

Selbst Premierminister Pedro Passos Coelho fordert seine jungen Landsleute offen zur Auswanderung auf. Das hat ihn zu deren Feindbild gemacht - die Regierung wolle durch Auswanderung bloß die Arbeitslosenzahlen senken, lautet die Kritik.

Experten fürchten, dass der Brain-Drain dem Land langfristig mehr Schaden zufügen könnte als die Staatsschulden. Die wenigen verfügbaren Jobs in Portugal sind vor allem für Niedrigqualifizierte. Uni-Absolventen verheimlichen daher bei Bewerbungen manchmal sogar ihre Titel, um ihre Chancen zu steigern.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Portugiesen haben genug von der Sparpolitik. Im Bild: Demo vom 15. September, bei der fast jeder Zehnte auf die Straße ging.

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