Als unsere europäischen Vorfahren bleich wurden

28. September 2012, 18:37
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Helle Hautfarbe geht nicht auf Neandertaler zurück

Porto/Wien - Ötzi, von dem man längst mehr weiß als man je zu fragen wagte, hatte einen ähnlich helle Hautfarbe wie die meisten Europäer mehr als 5000 Jahre später. Wie und wann aber geschah es, dass unsere Vorfahren nach dem Auszug aus Afrika vor rund 60.000 Jahren ihren dunklen Teint verloren?

Waren daran womöglich der genetische Einfluss Neandertaler schuld, mit denen zumindest ein paar unserer Vorfahren Kurzweil getrieben haben? Diese Annahme ist deshalb nicht so weit hergeholt, weil unsere ausgestorbenen nächsten Verwandten zumindest in Mitteleuropa einen eindeutig hellen Teint und rötliches Haar besaßen.

Höhere Breite, hellere Haut

Klar ist, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen heller Hautfarbe und dem geografischen Breitengrad gibt: Völker, die längere Zeit ganz im Norden oder ganz im Süden gelebt haben, passten sich dadurch an, dass sie ihre dunkle Pigmentierung verloren, wie Sandra Beleza von der Universität Porto in Portugal sagt. Der Grund für die Anpassung: Menschen mit hellere Haut können mehr Vitamin D aus Sonnenlicht erzeugen als Personen, die dunkel pigmentiert sind.

Homo sapiens stieß vor 45.000 Jahren nach Europa und damit in höhere Breiten vor. Wann aber unsere eingewanderten Vorfahren ihre Hautfarbe änderten, war bisher nur Gegenstand von Spekulationen. Eine der Vermutungen: Die vereinzelte Kreuzung mit Neandertalern könnte eine wichtige Rolle gespielt haben.

Um diese Frage zu klären, untersuchten Beleza und ihre Kollegen drei Gene, die mit hellerer Pigmentierung in Verbindung gebracht werden. Diese Gene finden sich zwar in allen Populationen rund um den Globus, sind aber bei Europäern sehr viel weiter verbreitet als bei Afrikanern. Konkret verglichen die Forscher für ihre Studie die Genome von 50 Menschen, die europäischen Vorfahren haben, mit dem Erbgut von 70 Personen, die aus Gegenden südlich der Sahara stammen. Daraus ließ sich rekonstruieren, wann die drei Gene und damit die helle Gesichtsfarbe sich in Europa ausbreitete.

Wie Beleza und ihr Team im Fachblatt "Molecular Biology and Evolution" behaupten, fand der Hautfarbenwechsel vor 11.000 bis 19.000 Jahren statt. Das bedeute zum einen, dass die Hellhäutigkeit überraschend lange brauchte, bis sie sich bei unseren europäischen Vorfahren ausbreitete, so die Forscher. Zum anderen kann durch diese vergleichsweise späte Erbleichung auch ausgeschlossen werden, dass die Europäer dieses Merkmal von den Neandertalern erbten. (tasch/DER STANDARD, 29./30. 9. 2012)

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