Ein Haček, bitte!

22. September 2012, 17:38
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Ungewöhnliche Namen richtig auszusprechen - dafür gibt es noch kein großes Bewusstsein in Österreich. Manche Kinder verbringen deshalb sogar Jahre mit falschem Namen

„Eines Tages bin ich in eine vierte Klasse gekommen, wo ein Junge Lubisa gerufen wurde." Das kam Josefine K.*, Volksschullehrerin, gleich seltsam vor. Sie wusste nämlich: Der Name kommt aus Ex-Jugoslawien und kann nur Ljubiša heißen. Die perplexe Lehrerin forschte daraufhin nach – auch im offiziellen Register der Schule war der Name falsch eingetragen. Es stellte sich heraus, dass der Vor- und Nachname des Zehnjährigen vom serbischen Pass falsch auf den Meldezettel abgeschrieben wurden und dass der Junge sich einfach mit dem neuen Namen abgefunden hat.

Ein Name für die Schule, einer für zu Hause

Josefine K. unterrichtet an mehreren Wiener Schulen mit hohem Migrantenanteil und kennt viele ähnliche Fälle. „Kinder glauben dann manchmal einfach, zwei verschiedene Namen zu haben und korrigieren Lehrerinnen und Kolleginnen daher auch nicht." Schließlich ist die Lehrerin eine Autorität und die Schule als Behörde auch. „Am ersten Schultag wird's meist entschieden – so wie der Name da gesagt wird, bleibt er picken." Kinder und Familien seien manchmal scheu und eingeschüchtert oder fühlen sich beim ewigen Aussprache-Korrigieren nicht mehr wohl.

Stille Post

Manchmal – wie in Ljubišas Fall – ist es eine Form der stillen Post der Grund dafür, dass Namen von Kindern mit Migrationsgeschichte schlussendlich verstümmelt im Klassenzimmer ankommen. Die zentrale Meldeauskunft der Stadt Wien kann sich aber nicht vorstellen, wie solche Missgeschicke passieren. So wie der Name im Pass steht, wird er transkribiert, lautet die Auskunft. Wie das wohl bei der Transkription aus Alphabeten wie Kyrillisch oder Arabisch ohne Dolmetscher funktioniert? Vor der Einführung des zentralen Melderegisters 2002 war es außerdem technisch gar nicht möglich, Buchstaben mit Hatschek einzutragen. So kommt es, dass beispielsweise verschiedene Namen auf -ić manchmal mit Hatschek, manchmal ohne verzeichnet sind. Auch in manchen Schulverwaltungssystemen ist es nicht möglich, Diakritika einzugeben. „Selbst wenn – das würde manchmal sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, deshalb wird einfach darauf verzichet", sagt Josefine K.

Aussprache und Betonung

„Es geht ehrlich gesagt aber nicht nur um Diakritika, sondern auch um die Betonung und Melodie der Namen", meint Josefine K weiter. Ihrer Erfahrung nach stellt die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer keine besonderen Bemühungen an, ungewöhnliche Namen richtig auszusprechen oder gründliche Nachforschungen anzustellen. Alexandra Wojnesitz vom österreichischen Sprachenkompetenzzentrum meint dazu: „Wie die sogenannte "Aufnahmegesellschaft" und deren Repräsentierende damit umgehen, drückt ihre mangelnde Wertschätzung dem Kind und seiner Herkunftsfamilie gegenüber aus." Und: „Der eigene Name ist generell stark mit der Identität verbunden – für Kinder mit Migrationshintergrund ist er vielleicht noch stärker mit der Familie, der Herkunft konnotiert." Auch sei es beispielsweise bei Kindern mit anglosächsischen Wurzeln in der Schule üblich, ihren Namen so auszusprechen, wie es die Familie tut, obwohl es ein „deutsches Äquivalent gibt": „Catherine, David, George – warum nicht auch bei Marija, Danijel und Deniz?"

Türkisch für Lehrer

Im Bildungsministerium zeigt man sich diesbezüglich aufgebracht und perplex. Josef Galley, Pressesprecher von Ministerin Schmied: „Dass da jetzt Lehrer irgendwelche Alphabete auswendig lernen, ist nicht vorgesehen." Denn: „Jeder höfliche Mensch fragt doch nach, wenn er einen Namen nicht sofort versteht. Das ist selbstverständlich, dass man sich da bemüht." So selbstverständlich scheint es nicht zu sein, denn Josefine K. sagt etwa: „Nicht alle Lehrer und Lehrerinnen machen das so sorgfältig, wie es nötig wäre." In Österreich hat rund ein Fünftel der Schüler eine andere Erstsprache als Deutsch, in Ballungsräumen ist der Prozentsatz um einiges höher. Etwa die Hälfte von ihnen hat laut Statistik Austria türkische oder ex-jugoslawische Wurzeln. Josefine K. meint hierzu: „Sich zwei Mal – mindestens für Türkisch und Serbokroatisch – knapp 5 Buchstaben und ihre Aussprache einzuverleiben, dauert wirklich nicht lange, hilft aber ungemein."

Wie bitte?

Eine ähnliche Einschätzung hat Wojnesitz, die auch an der Uni Wien im Bereich Deutsch als Zweitsprache lehrt. Die Wissenschaftlerin meint: „Ich denke, es reicht, sich basale Aussprachekenntnisse anzueignen. Die kann man aber auch erwerben, indem man den Schülerinnen zuhört und nachfragt." Manche Lehrerinnen sind was Aussprache angeht verunsichert, mehrmaliges Nachfragen wird irgendwann auch unangenehm. Aber: „Kinder schätzen es sehr, wenn die Lehrer und Lehrerinnen sich für ihre Sprachen interessieren. Sie legen das Nachfragen im Normalfall nicht als Schwäche, sondern als Interesse an ihrer Person und Wertschätzung ihrer Herkunft beziehungsweise jener ihrer Familie aus."

Das ABC der Mehrsprachigkeit

„Man kann als Lehrer nicht Grundkenntnisse in den über 80 Sprachen erwerben, die Schüler in Österreich sprechen", meint aber Galley, der auch betont, dass Lehrerinnen und Lehrer – abgesehen von der Problematik mit den Namen, offenbar – eine fundierte Ausbildung genießen, was interkulturelle Didaktik und Migration und Schule angeht. Wojnesitz hierzu: „Es gibt Lehrveranstaltungen, in denen Vortragende angehende LehrerInnen für Mehrsprachigkeit in der Schule sensibilisieren. Es liegt aber viel an der Eigeninitiative."

Stummes g und geköpftes i

Eser Arı-Akbaba, Moderatorin von Wien-Heute im ORF, weiß genau, wie es sich anfühlt, ständig falsch angesprochen zu werden. „In der Schule war das bei mir auch so, dass die Lehrer mich eben anders genannt haben als zum Beispiel meine türkischen Freunde oder Familie." Sie hat das meist hingenommen, weil es ihr zu anstrengend war, ständig zu korrigieren. „Manche beherrschen einfach die Aussprache nicht, da kann man auch nicht viel machen." Die Situation sei laut Akbaba schwierig – einerseits käme dieses Bewusstsein und die Wertschätzung für die richtige Aussprache nicht von selbst, andererseits sei man manchmal auch müde, ständig darauf hinzuweisen. „Aber ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg, weil immer mehr junge Menschen mit ungewöhnlichen Namen in die Medien vordringen. Dadurch entsteht ganz automatisch ein neues Bewusstsein. Man fragt nach, schaut, ob die Namen richtig geschrieben sind, weil es den Akteuren selbst wichtig ist."

Hajnz-Kristijan

Doch auch diese Einstellung muss gelernt sein: „Manchmal dauert es Jahre, den Kindern überhaupt beizubringen, wie man ihren Namen richtig sagt und schreibt – entgegen der Botschaften, die sie vom Umfeld bekommen." Da fällt mal hier ein ungewöhnliches „j" bei Danijela oder Antonija weg, schleicht sich ein i-Punkt bei türkischen Namen dazu, wo er nicht hingehört, und verschwindet dafür dort, wo er nötig wäre. „Ich frage die Kinder immer, wo sie denn nachschauen können, wie man ihren Namen wirklich schreibt. Sie antworten: Im Schulheft." Josefine K. möchte auch auf die Doppelmoral hinweisen: „Einen Heinz oder Christian umzubenennen, weil man zu faul ist, nachzufragen oder die richtige Aussprache einiger weniger Buchstaben zu lernen – das ist aber unvorstellbar."

Gegen Diskriminierung

Einer Studie des IZA (Institut für Zukunft der Arbeit in Bonn) zufolge erhalten beispielsweise Bewerber mit türkisch klingendem Namen um 14% (bei kleinen Betrieben sogar bis zu 24%) weniger Einladungen zu Vorstellungsgesprächen als gleich qualifizierte mit „einheimischen" Namen. Ein neues Bewusstsein und damit auch eine Wertschätzung für die korrekte Widergabe von bald gar nicht mehr so ungewöhnlichen Namen könnte laut Josefine K. und Alexandra Wojnesitz eventuell zunächst Vorurteilen und Benachteiligungen in der Schule, dann aber auch solcher späterer Diskriminierung vorbeugen. Denn wenn Toumaj, Güler und Olja selbstverständlich sind, also nicht mehr „fremd klingen", dann halten sich auch die Vorbehalte gegen diese Namen schwerer. Bis dahin könnte die momentan diskutierte „anonyme Bewerbung" Abhilfe schaffen: „Vielleicht würden sich Personal suchende Firmen dann wundern, wie sich der Personenkreis, der es bis zum Vorstellungsgespräch schafft, verändert hat." Also besser gar kein Name, als der falsche. (Olja Alvir, daStandard.at, 22.9.2012)

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