Innen, außen und der gesamte Rest

Kolumne21. September 2012, 17:11
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Die vielen Farben der Haut. Von Julya Rabinowich

"Sie haben gesagt, dass du nicht meine Mama bist." Der kleine Sohn einer Freundin kam weinend vom Spielplatz. Meine Freundin lächelte, sagte: "Blödsinn". Nahm ihn in den Arm. Als er sein verheultes Gesicht in ihrem Lieblingskleid vergraben hatte, sah ich ihren Gesichtsausdruck. Er war angespannt. "Natürlich bin ich deine Mama."

Er blickte hoch und sah sie kritisch an. "Ich habe keine Sommersprossen so wie du." "Muss ja nicht jeder haben." "Ich habe auch keine grünen Augen." "Ich finde braun ist noch schöner", sagte sie. "Sie lassen mich schon wieder nicht mitspielen", fügte er hinzu. "Warum?" "Weil ich nicht von da bin, sagen sie." "Aber du weißt doch, dass du von da bist." "Ich schon. Die nicht." "Sag es ihnen." "Die glauben mir nicht."

Er zog geräuschvoll den Rotz hoch und rannte weg. Ich wollte nachsehen. Ich spähte auf den Spielplatz. Da stand er den anderen Kindern gegenüber. Mit roter Latzhose. Sehr hübsch. Schwarz. Und schrie: "Aber innen! Innen bin ich auch weiß so wie ihr!" Meine Freundin stand resolut auf und ging hinüber. "Nein. Innen seid ihr alle Mensch", sagte sie. "Jeder von euch. " Sie schwiegen. Alle.

Immer noch werden im Unterricht manche Farbstifte als "hautfarben" statt "hellrosa" oder "beige" bezeichnet, als ob es nicht weit mehr Schattierungen unserer Haut gäbe. Niemand sagt "hautfarben" zu Braun- oder Gelbtönen. Die Welt ist zusammengerückt, und wir nehmen uns die Früchte dieses Zusammenrückens, aber die damit verbundenen Änderungen würden manche am liebsten verhindern. Wenn ich es mag, dass die Welt in meinen Supermarkt kommt, dann muss ich es auch mögen, dass sie in meine Gasse kommt.

Es ist Zeit zu erkennen, was wir alle sind: Menschen. Nicht mehr. Nicht weniger. Menschen, die das Gesetz brechen, sollen gleich behandelt werden. Menschen, die Heldentaten vollbringen sollten gleich behandelt werden. Ihre Herkunft ist zweitrangig. Essenziell ist die Handlung. Mir fällt auf, dass jedes Mal die Immergleichen die Aufschlüsselung in fremd oder nicht fremd fordern, sobald es einen Kriminalfall zu vermelden gibt. Gibt es hingegen eine gute Tat zu feiern, schweigen diese Forderer.

Es würde sie nicht jucken, wenn bei einer kriminellen Handlung mit autochthonem Hintergrund der Name nicht genannt werden würde. Ob eine Person, die gegen das Gesetz verstoßen hat, ab Geburt in Gingeritschpatschen oder erst seit fünf Jahren in Pustekucheritz lebt, ist mir herzlich egal. Das ändert nichts an der Tat selbst. Nicht egal ist mir, dass es 2012 immer noch ein Thema ist, wenn ein Kind dunkle Augen, Haut und Haare hat. Das ist ein Armutszeugnis. Und zwar für die dafür verantwortliche Umgebung. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 22./23.9.2012)

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