Grundeinkommen: Utopisches Gedankenspiel

Leserkommentar17. September 2012, 08:37
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Was die Fans des bedingungslosen Grundeinkommens nicht hören wollen

Vom 17. bis 23. September 2012 findet zum fünften Mal die "Woche des Grundeinkommens" statt. Mit einer geballten Ladung von Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit soll das Interesse der Menschen und Medien am Lohn fürs Nichtstun geweckt werden.

1000 bis 1500 Euro pro Monat werden versprochen - einfach so für jeden, ohne Bedarfsprüfungen, denn die sind ja demütigend. Die Befürworter schwärmen gerne davon, welche positiven Veränderungen dieser Geldsegen in unserer Gesellschaft bewirken würde. Mit solchen "Details" wie der Frage, wo denn dieses viele Geld herkomme, halten sie sich hingegen nur äußerst ungern auf.

Kleiner Rechenfehler?

12.000 Euro pro Kopf und Jahr seien doch eh nur ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts, und wenn man will, werde man das doch umverteilen können. Dabei vergessen sie allerdings, dass ein Drittel heute bereits umverteilt wird! Also entweder entfallen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen alle anderen Transferleistungen - kostenlose Ausbildung, Familienförderung, Pensionszuschüsse usw. - oder es werden gleichzeitig massiv die Steuern erhöht. Nur die Millionäre und Spitzenverdiener zur Kasse zu bitten, wird nicht reichen. Laut Finanzierungskonzept von Attac wären alle, die mehr als 2500 Euro brutto pro Monat verdienen, die Verlierer des Systems. Bis zu 90 Prozent Steuern sollen sie von ihrem Einkommen zahlen. Ob die das wirklich so hinnehmen werden? Ich befürchte, wir bräuchten eine Mauer wie in der DDR, um die Zahler im Land zu halten.

Drastische Folgen durch Aufhebung des Arbeitszwangs

Eine bedarfsorientierte Grundsicherung gibt es bereits. Warum reicht die nicht aus? Anscheinend geht es hauptsächlich um die Abschaffung der lästigen Arbeitsverpflichtung. Jeder soll endlich frei entscheiden dürfen, ob und wenn ja, was er arbeiten will. Niemand muss mehr dabei mithelfen, Kundenwünsche zu erfüllen, wenn ihm das als "sinnlose Arbeit" erscheint. Dass daraufhin einige Branchen ihre Löhne kräftig erhöhen müssen, um überhaupt noch Arbeitskräfte zu finden, ist eine erwünschte Folge des bedingungslosen Grundeinkommens.

Umso erstaunlicher ist, dass in den meisten Konzeptpapieren und Petitionen das Wort "Inflation" nicht einmal vorkommt, geschweige denn eine Lösung für die folgende Lohn-Preis-Spirale geboten wird, denn die Firmen werden die höheren Lohnkosten natürlich an die Konsumenten weitergeben und die Nichtarbeitenden werden eine Erhöhung des leistungslosen Einkommens fordern, um ihre "Teilhabe am gesellschaftlichen Leben" zu sichern.

Auch über die nötige Abschottung unserer Wirtschaft vom Ausland, weil sie nach den Lohnerhöhungen nicht mehr konkurrenzfähig ist, lese ich nichts. Gelegentlich wird angedeutet, nach Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens könnte die Wirtschaft schrumpfen, aber das sei doch ganz gut, denn das ewige Wachstum sei sowieso umweltschädlich und nicht nachhaltig. Das mag stimmen, aber gleichzeitig gehen die Finanzierungskonzepte vom heutigen Bruttoinlandsprodukt aus und halten damit nicht einmal einer oberflächlichen Prüfung stand.

Reinen Wein, bitte!

Dass es auch zur fünften "Woche des Grundeinkommens" kein umsetzbares, in den Folgen durchdachtes Konzept gibt, ist der beste Beleg dafür, dass ein bedingungsloser Geldsegen Utopie bleiben wird. Die vielen Unterstützer werden von den Organisationen, die sich für die Umsetzung dieser Utopie einsetzen, an der Nase herumgeführt, weil in den Petitionen und Kampfschriften alles Unangenehme verniedlicht oder ganz verschwiegen wird.

Liebe Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens, bitte macht den Leuten nicht falsche Hoffnungen sondern setzt euch für realistische Formen der Armutsbekämpfung ein! (Leserkommentar, Mario Sedlak, derStandard.at, 17.9.2012)

Mario Sedlak ist Mathematiker und lebt in Wien. Website: http://sedl.at/

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