Altersbuntheit

Kolumne14. September 2012, 18:07
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Leopold Rosenmayr’s "altersbunte Gesellschaft" nimmt Konturen an – die einer wunderlichen neuen Lebensaltersunordnung.

Leopold Rosenmayr, Doyen der Altersforschung, verdankt sich der Begriff der "altersbunten Gesellschaft" . Was könnte diese vielzitierte "Altersbuntheit" sein?

Neben der sich beschleunigenden Altersinflation durch Lebenserwartungszuwächse ist es wohl das Phänomen neuer Lebenslaufmuster oder einer wunderlichen neuen Lebensaltersunordnung.

Nicht nur, dass 50-Jährige anders als zu Goethe's Zeiten keine "ehrwürdigen Greise" sind, sondern sich bis 42 "jung" fühlen. Sie haben noch keinen Vor-Andro-Pause "Meno-Porsche" oder gar eine Harley-Davidson (durchschnittliches Käufer-Alter: 61) erworben - und eine jahrzehntelange fernere Lebenserwartung, die höher ist als die Goethe's bei Geburt war, nämlich 29.

Auch sonst entfaltet sich der Lebenszyklus in neuen Formen, die man bis gestern als unbegreiflich chaotisch verstanden hätte. Man braucht nicht nur an literaturstudierte Rockstars wie Gianna Nannini als Erstgebärende mit 54 oder "späte" Mütter wie Cheryl Blair oder Carla Bruni-Sarkozy denken: auch in der breiten Masse stieg das Erstgebäralter seit 1970 um ein halbes Jahrzehnt auf fast 30 und der Anteil später Mütter (über 40 bei Erstgeburt) stark an.

Dafür hocken Mitdreissiger im "Hotel Mama", gründen Familien mit über 45 und Männer neue Patchwork-Familien in fast jedem Alter. Gleichzeitig starten junge Großmütter (oder Mütter erwachsener Kinder) ihre erste Berufskarriere mit 40 durch. Wir haben - teils sehr ambitionierte - Studienanfängerinnen über 50 und natürlich Seniorenstudenten allen Alters - und geben nicht nur, sondern besuchen selbst (etwa als Sprachstudenten) weiterhin Sommerkurse.

Bis vor Monaten war mein Vater im 93. Lebensjahr berufstätig. Mein Onkel arbeitete von 28 bis 87 als Anwalt, und ist mit 91 erst im vierten Pensionsjahr nach fast 59 Beitragsjahren. Bei uns noch Einzelfälle, gewiss, doch Millionen Hochbetagte von Japan über Europa bis Lateinamerika über 85 arbeiten, auch körperlich hart, weil sie müssen - oder wollen, nicht nur weil sie damit so steinalt werden wie sardinische Schafhirten, abchasische, ekuadorianische oder pakistanische Bauern. Hochaltrige eröffnen kleine Geschäfte, machen sich selbständig, nutzen geschickt Marktlücken für Nischenprodukte und Versorgungsdienste. Verwitwet finden sie neue Partner, haben Familien, Zukunftspläne, eigene Zähne - und Sex ohne Viagra, anstatt mit der jugendwahnhaften "Anti-Aging" Kosmetikindustrie mit 30 über "alte Haut" und Cellulite zu grübeln.

Millionenfach das neue Phänomen des "un-retirement", der vollständigen Rückkehr aus dem Ruhestand in das Erwerbsleben neben Teil- und Gleitpensionen. Das geschieht nicht nur bei kargen Pensionen wie in den USA, sondern bei bester Wohlfahrtsversorgung: bereits jede(r) siebente, also hunderttausende Schweden kehren für durchschnittlich fast drei Jahre in das Arbeitsleben zurück.

Die Fähigkeit zum Aktiven Altern, der sich die UNECE Sozialministerkonferenz 18.-20.9. in Wien widmet, beginnt sehr früh: in der Kinderstube und mit hochrentabel selbstfinanzierenden Vorschulprogrammen. Klassische Studien zeigen, dass die emotionale Weltsicht 22-Jähriger erlaubt, ihre Sterblichkeitsrisken Jahrzehnte später zwischen 75 und 95 zu bestimmen, und dass allein aus den Quartilswerten 250 Prozent Risikodifferenz erklärbar ist. Wenn sich Sterbe- und Gebrechlichkeitsrisken etwa alle sieben Jahre verdoppeln, ist das Ausmaß gesunder Lebensjahre erahnbar, die nicht bereits im zartesten Kindesalter verspielt werden.  (Bernd Marin, DER STANDARD, 15/16.9.2012)

Rosenmayr, L. (2011), Im Alter noch einmal leben

Marin, B. Goldene Zeiten und Altersinflation, DER STANDARD 31.März/1.April

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